Berlin - Im Interview spricht Robert Claus, Fanforscher und Experte für Hooliganismus, unter anderem über die Vorfälle zwischen englischen und russischen Hooligans in Marseille, professionalisierte Hooligans und mögliche Ansätze zur Präventivarbeit. Seit 2013 arbeitet er in der Kompetenzgruppe „Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (KoFaS gGmbH).

Herr Claus, die schweren Krawalle in Marseille liegen jetzt mehr als eine Woche zurück. Seitdem ist es scheinbar ruhiger geworden. Täuscht der Eindruck?

Für ein abschließendes Fazit ist es noch zu früh. Es stehen ja noch ein paar Hochrisikospiele an, man kennt die Paarungen in der KO-Phase noch nicht. Die Chance ist aber hoch, dass wir solche Ausschreitungen wie in Marseille in der Massivität nicht mehr sehen. Einzelne gewalttätige Angriffe zwischen Fangruppen würde ich aber weiterhin nicht ausschließen. Während der gesamten EM gibt es ja konstant „Matches“ zwischen diversen Hooligan-Gruppen. Die laufen dann aber sozusagen geregelt ab: Zum Beispiel 15 gegen 15 an einem Ort. Das hat aber mit diesen barbarischen Szenen in Marseille nichts zu tun.

In Schnellverfahren wurden mehrere Beteiligte zu Haftstrafen verurteilt, andere wurden direkt ausgeliefert. Welche Wirkungen zeigen solche Maßnahmen in der Hooligan-Szene?

Sie haben natürlich eine kurzfristige abschreckende Wirkung. Gefängnisstrafen sind konsequente letzte Mittel. Die wichtige Frage ist allerdings, was UEFA, FIFA und Nationalverbände in den letzten 20 Jahren in Präventivarbeit investiert haben. Russland ist Gastgeber der Weltmeisterschaft 2018. Wir wissen, dass die russische Hooligan-Szene sehr groß und sehr gewalttätig ist. Präventivarbeit müsste mindestens fünf Jahre laufen, damit sie funktioniert. Das ist eigentlich zu spät für die WM 2018. Darüber wird mir zu wenig diskutiert. Die Gefängnisstrafen werden jetzt kurzfristig abschreckende Wirkung haben, aber wenn man weiter in die Zukunft blickt, haben sie eigentlich überhaupt keine Wirkung.

Wie könnten solche Präventionsmaßnahmen konkret aussehen?

Wir haben in Deutschlang ganz gute Modelle, die nicht perfekt sind, aber von denen man zumindest lernen kann. Wir haben mehr als 50 Fanprojekte, die sozialpädagogische Arbeit für Fußballfans leisten. Deren Zielgruppe sind Fußballfans, die zu Gewalt tendieren. Im besten Fall gibt es eine Koordination aus einer sozialpädagogisch-präventiven Arbeit, einer sozialpädagogisch intervenierenden Arbeit und einer strafrechtlich intervenierenden Arbeit. Soziale Arbeit kann nicht alle Probleme lösen, aber sie kann dafür sorgen, dass viele Jugendliche und Fußballfans gar nicht erst in entsprechende Milieus abgleiten.