Sie haben sich nicht gesehen an diesem Vormittag. Sie kämpften in zwei verschiedenen Gruppen um den Einzug ins Finale. Jeder für sich. Keine Begegnung, kein Blickkontakt, kein Handschlag. So haben es die beiden Brüder nicht einmal symbolisch geschafft, die Diskusscheibe weiterzureichen. Von dem einen, Robert Harting, der die Vergangenheit der Disziplin, ja, der deutschen Leichtathletik geprägt hat, zu dem anderen, Christoph Harting, der sich vorgenommen hat, die Zukunft des Diskuswerfens zu bestimmen. Der seinen Olympiasieg von Rio in den Jahren 2020, 2024 und 2028 wiederholen will und der sich von der „völlig abstrusen Weite von 80 Metern“, wie er selber sagt, im Training inspirieren lässt. Der Weltrekord liegt seit 32 Jahren bei 74,08 Metern.

Der eine, Robert, hat sich nun ins Finale an diesem Mittwochabend um 20.20 Uhr durchgewurstelt. Ja, er hat sich regelrecht auf diese Bühne gequält, die er für seinen internationalen Abschied vorgesehen hat. Er hat mit einem Brett im Hotelbett geschlafen. Vor der Qualifikation durchzuhängen, das wollte er seinem malträtierten Leistungssportkörper und vor allem dem kaputten Knie nicht antun. Um 6.01 Uhr klingelte sein Wecker und intonierte gleichzeitig die Frage des Dienstagmorgens: Würde er die Qualifikationsweite von 64 Metern schaffen?

Wie bei den Klitschkos

Es wurden 62,69 Meter im ersten Versuch, 63,29 im zweiten. Robert Harting drehte seinen mächtigen Zwei-Meter-Körper zwischen den Würfen immer wieder abseits des Diskusrings auf der Speerwurf-Anlage. Dann nahm er die rote Zwei-Kilo-Scheibe, dritter Versuch, die Muskelberge an seinen Armen wölbten sich, der Diskus blieb im Wurfkäfig hängen. Robert Harting schüttelte den Kopf. Auf der Tribüne schlug seine Frau Julia die Hände vors Gesicht. Am Ende reichte die Weite, Robert Harting zog als Siebtbester ins Finale ein.

Der andere, Christoph Harting, fehlt, wenn es bei dieser EM um die Medaillen geht. Dreimal drehte er sich schwungvoll durch den Ring. Zweimal knallte sein Diskus ins Käfignetz, einmal trudelte er vom Gestänge 20 Meter durch die Luft und schlug dicht hinter den Fotografen ein.

So wird es bei den Hartings so bleiben wie bei den zwei anderen Brüdern, die körperlich groß gewachsen und medial groß herausgekommen sind: Vitali und Wladimir Klitschko, die immer betonten, sie hätten ihrer Mutter versprochen, im Ring niemals gegeneinander anzutreten. Bei den Hartings geht es nicht wie im Boxring zu, wo der eine versucht, den anderen K. o. zu schlagen. Bei den Hartings muss jeder für sich seinen eigenen Körper in einen Sechsvierteltakt bringen, um es jeweils ganz allein mit den Meterzahlen des Maßbandes aufzunehmen.

„Das fand ich total cool"

Und es sieht so aus, als könne bei wirklich großen, wichtigen Wettkämpfen der eine nur bestehen, wenn der andere fehlt, der andere nur, wenn der eine schwächelt. So, war es am Dienstagvormittag. So ist es vor zwei Jahren bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gewesen, als es Robert Harting von einem Hexenschuss lahmgelegt nicht ins Finale schaffte und Christoph mit seinem letzten von sechs Versuchen die Goldmedaille gewann.

Robert Harting bekommt also den ersehnten Abschied, in dem Stadion, in dem 2009 mit dem Weltmeisterwurf alles begann. Ein richtiger Wettkampfabschied mit Medaillenaussicht, da glaubt er auch nach der Qualifikation ganz fest dran.

Obwohl sich der Ring wie Sandpapier anfühlt und es daher schwierig ist, die nötige Drehenergie aufzubauen. Mehr Risiko will er in die Finalwürfe legen. Es wird ein Abschied, der eine Lücke hinterlässt. „Wir werden ihn sicherlich vermissen als Anführer, Sprecher für die Mannschaft und mitfühlenden Menschen“, sagt Christina Schwanitz. Mit zwei Europameistertiteln und einem WM-Gold steht die Kugelstoßerin Harting sportlich nur wenig nach. Aber die Wucht seiner Auftritte hängt bei dem 33-jährigen Harting eben nicht nur an seinen Erfolgen. Christina Schwanitz erinnert sich an einen Abend vor dem Beginn einer Weltmeisterschaft, einmal mehr war der ältere Harting-Bruder der Teamkapitän der Nationalmannschaft. „Er ist in die Zimmer von denen gegangen, die das erste Mal dabei waren, und hat den Athleten die Angst vor dem Leistungsdruck genommen. Das fand ich total cool. Für mich ist der Robert immer noch ein Vorbild.“

Ein großer deutscher Leichtathlet

Mit seinen Aussagen und seinem Auftreten hat er polarisiert. Im Jahr 2009 etwa hatte er die organisierten Dopingopfer im Visier, die während der WM 20.000 Pappbrillen verteilen ließen, um auf verbotene Antriebsstoffe aufmerksam zu machen. „Ich hoffe, dass der Diskus aufkommt und gleich gegen eine der Brillen springt, damit die dann auch wirklich nichts mehr zu sehen haben“, posaunte Harting heraus. Sein Trainer war damals Werner Goldmann, involviert in die Dopingpraktiken des DDR-Systems. Der Deutsche Leichtathletik-Verband entschuldigte sich für Robert Harting. Er selber sagte, ihn habe der Zeitpunkt gestört, zu dem sich die Dopingopfer meldeten: vor dieser für ihn so wichtigen WM.

Er hat manche vor den Kopf gestoßen, am liebsten Funktionäre, aber er hat auch eine ganze Sportart auf seinen Schultern getragen und dafür gesorgt, dass Dopingbetrüger vom Internationalen Leichtathletik-Verband nicht mehr zur Wahl als Sportler des Jahres aufgestellt werden. „Wenn man auf der Straße nach einem deutschen Leichtathleten fragt, sagen die Leute: Robert Harting“, sagt Christina Schwanitz. „Er ist eine Art Galionsfigur. Er wird der Leichtathletik als Persönlichkeit fehlen“, schwärmt der Langstreckenläufer Richard Ringer.

Und die Sprinterin Gina Lückenkemper, die schnellste deutsche Frau und zwölf Jahre jünger als der scheidende Harting, freut sich besonders darauf, ihn am Mittwochabend anzufeuern. „Dass er noch einmal in seinem Stadion antritt, wo alles angefangen hat, ist sehr besonders“, sagt sie.

Was ist mit Bruder Christoph?

So viele Lorbeeren – und wer übernimmt die Anführerrolle? Christina Schwanitz glaubt, dass sie als Mutter zweier kleiner Kinder nicht die Zeit dafür hat, Richard Ringer fehlt als Läufer das internationale Erfolgspotenzial, und Gina Lückenkemper fühlt sich mit 21 Jahren noch zu jung, um die Last einer ganzen Sportart zu tragen: „Ich habe kein Problem damit, mich hinzustellen und meine Meinung zu vertreten. Ich weiß nicht, ob ich es in dem Umfang machen kann wie Robert. Jetzt bin ich noch nicht bereit.“ Dabei braucht die deutsche Leichtathletik eine Gestalt wie Robert Harting dringend. Sonst erlischt die bei dieser EM aufflackernde Begeisterung gleich wieder.

Der naheliegendste Kandidat wäre Bruder Christoph. Doch der hat gar keine Lust dazu. Es ist weder sein Ziel noch sein Anspruch. Für ihn ist Sport keine Leidenschaft, sondern nur ein Job, das sagt er jedenfalls.

Robert Harting ist ein Medienmensch. Einer, der die Macht von Worten und Bildern erfahren und die Mechanismen des Marktes im Lauf der Jahre nicht nur verstanden, sondern für sich genutzt hat. Seit mehr als einem Jahr ist allen klar: Diese Leichtathletik-EM ist mehr als ein kontinentales Kräftemessen im Laufen, Springen und Werfen. Diese EM ist die Abschiedsveranstaltung für Robert Harting. Besonders gut wird diese These seit einigen Tagen an der weißen Fassade des Upper-West-Hotelturms zwischen Bahnhof Zoo und Breitscheidplatz ausgeleuchtet – 20 Stockwerke hoch, mit zwölf Kilowatt Leistung und 129 000 Lumen. Dort schwebt, wenn es dunkel wird über der Stadt, eine Projektion von Robert Harting über allem, 70,66 Meter hoch ist seine Silhouette.

70,66 Meter weit ließ Robert Harting den Diskus 2012 bei einem Meeting in Turnov, Tschechien, fliegen. Es ist sein persönlicher Rekord. Hoch wie weit, horizontal wie vertikal, in Berlin besetzt Robert Harting das Terrain – als Solitär. In den sozialen Medien nennt er sich seit Jahren „der Harting“. So lässt er seinem Bruder wenig Platz zur Entfaltung. Konsequenterweise hat sich Christoph Harting erst gar kein Profil bei Facebook, Instagram oder sonst wo angelegt.

Der junge Wilde

Beim Diskusfinale wird Robert Harting zum vorletzten Mal als Athlet im Berliner Olympiastadion auftreten, ehe er beim Internationalen Stadionfest, auch Istaf genannt, am 2. September seine Karriere beendet. Eine Laufbahn, von der Bruder Christoph sagt: „Das ist eine Sportkarriere, die alles hergibt. Er hat schon alles erreicht, was man in unserer Disziplin erreichen kann. Da wäre es einfach nur ein schöner, runder Abschluss der Geschichte, wenn die Geschichte da aufhört, wo sie angefangen hat.“

Die Geschichte von Robert Harting begann 2009 in Berlin. Weltmeisterschaft, bäriger Berlino-Sommer, ein junger Wilder, ein Cottbuser Kraftprotz, der Böhse Onkelz in seinem SUV aufdrehte. Sie singen: „Du hast den Dreck aus der Gosse geleckt, du weißt wie Scheiße schmeckt.“ Der junge Wilde gewann die Goldmedaille und zerriss im Jubelrausch sein Trikot.

Auf der Glücksebene

„2003, 04, 05, da war ich der Bad Boy. Dann wurde daraus ein Rohdiamant. Solche Floskeln. Dann war ich der Ehrliche. Derjenige, der sich traut, Sachen zu sagen. Daraus wurde dann der, der was Konstruktives anstößt“, resümiert Robert Harting. „Ich bin der, der eine Meinung hat.“

Am Dienstag sah Robert Harting im Hotel die drei Fehlversuche seines Bruders im Stadion. Christoph Harting war gesund, gut in Form, ein Medaillenkandidat für diese EM. Er sagte: „Ich stand da mit einer Riesenwaffe und ohne Munition. Mein erstes Gefühl war: Die Bewegung ist nicht zu Ende getanzt. Es tut mir leid.“ Robert Harting dagegen freut sich jetzt auf seine Bühne in seinem Stadion, die er als einziger deutscher Diskuswerfer betritt. „Hier in Berlin kommt eine Glücksebene dazu“, sagt er. „Ich hoffe, die hilft mir für ein, zwei Meter.“