Diskus-Olympiasieger Robert Harting
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

BerlinFrüher hat das Training den Alltag von Diskus-Olympiasieger Robert Harting bestimmt. Heute sind es die   Schlaf- und Essenszeiten seiner fünf Monate alten Zwillinge. Robert Harting zieht beide warm an, setzt sie in den Kinderwagen, zieht den Regenschutz drüber, sich selbst die Kapuze über den Kopf. Beim Spaziergang durch Berlin-Weißensee prognostiziert der 35-Jährige dem deutschen Leistungssport eine weitere Talfahrt.

Herr Harting, Sie waren fünf Jahre alt, als die Mauer fiel. Haben Sie sich   als ostdeutscher Sportler gesehen?

Anfangs schon, weil es Unterschiede gab, als ich nationale Relevanz erreicht hatte: bei der ersten Deutschen Meisterschaft. Da habe ich nicht verstanden, warum Sportler mit gleichen Leistungen anders gefördert wurden. Das Erste, was einem da im Alter von 16, 17 einfällt, ist: eine Protesthaltung. Je erfolgreicher ich wurde, nach WM-Silber mit 22, habe ich versucht, es so zu sehen, dass ich ein Sportler der Bundesrepublik bin und kein Ostler.

Warum?

Ich mag das nicht. Ich betitle mich so nie. Natürlich habe ich als Jugendlicher versucht, dadurch ein bisschen Stabilität zu gewinnen. Ich war in Ost-Berlin, nie in West-Berlin. Mit   20 habe ich das Verhalten abgelegt. Ich finde die Unterscheidung extrem schade. In der Sportwirtschaft habe ich das, was ich mit 16, 17 gespürt habe, leider später immer wieder gespürt.

Eine Benachteiligung?

Nach meiner ersten Medaille im Aktivenbereich 2007, hatte ich immer noch das Gefühl, dass meine Herkunft bewertet wurde, obwohl mein erster großer Sponsor aus   der Nähe von Bielefeld kam. Das Gefühl der Ungerechtigkeit hat mich motiviert, aber ich habe später versucht, auch den   Sportlern um mich herum zu zeigen, dass nur ein gemeinsamer Weg nach vorne führt.

Foto: Markus Wächter
Robert Harting


... wird am 18. Oktober 1984 in Cottbus geboren.

... kommt 1998 nach Berlin und startet bis zu seinem Karriereende vor einem Jahr für den SCC.

... feiert 2009 als Diskuswerfer  mit WM-Gold im Berliner Olympiastadion den großen Durchbruch und gewinnt  2011  und 2013 erneut  die WM-Titel. 2012 wird er in London Olympiasieger.

... studiert an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.

... heiratet die Berliner    Diskuswerferin Julia Fischer und wird im Mai 2019 Vater von Zwillingen.

Gibt es den gemeinsamen Weg?

Die Ehrung „Nachwuchssportler des Jahres“ der Deutschen Sporthilfe gibt es seit 1978. Zum 35. Jubiläum kamen nur neun Sportler aus den neuen Bundesländern. In der Sporthilfe ist, soweit ich weiß, kein ostdeutsches Unternehmen im Aufsichtsrat   oder unter den Fördergeldgebern – das hatte offenbar Einfluss.

Kränkt Sie so etwas?

Die ganze Ost-West-Thematik ist hinderlich. Es heißt ja teilweise im Wetterbericht immer noch: in Ostdeutschland und nicht im Osten von Deutschland. Wenn man als Nation Erfolg haben will, muss man diese Sachen ablegen. Schließlich kann keiner aus meiner Generation etwas dafür, dass das Land geteilt wurde. Ich war beim Derby Union gegen Hertha. Ost gegen West, das ist verwurzelt in der Kultur dieser Vereine, aber für mich ist es: ein Hauptstadtderby.

Von den 10 000 hauptamtlichen Trainern und Betreuern in der DDR fanden nach der Wende nur 600 der teils hoch qualifizierten, aber auch belasteten Trainer eine Anstellung.

Die trainingsmethodischen Systeme, die Klassenfeindthematik, die Frage: „Wer hatte den besseren Dopingplan?“ war ja nicht mehr relevant. Es gab ja auch belastete Trainer in Westdeutschland, siehe Freiburg. Nach der Vereinigung hatte man plötzlich so viele gute Sportler, so viel körperliches Kapital, so viele gute Trainer. Dass ich bei Trainern aus der DDR trainiert habe, lag aufgrund des Wohnsitzes nahe und war ein   Vorteil für mich.

Weshalb?

Weil die ein total etabliertes, an etlichen Menschen verfeinertes Trainingssystem hatten. Bloß hatten sie völlig falsche Vorstellungen, was ein Athlet in heutiger Zeit aushält. Wenn damals ein Athlet platt war, half man anabol nach. Das war zu meiner Zeit vorbei. Die, die sich     durchgekämpft haben, haben Raubbau am Körper betrieben, die Belastung nicht vertragen. Wer’s doch geschafft hat, konnte eine extrem gute Leistung erzielen.

Entscheidend war der Wille zur Qual?

Für viele Ostsportler war die Vereinigung ein Katapult, die Chance, sich mit Leistung darzustellen.

Die Tendenz bei Olympiamedaillen, heruntergebrochen auf Berlin, zeigt: 1992 schafften Sportler aus der Hauptstadt 37 Medaillen, 2008 nur 10. Dann ging es leicht bergauf, weil Spielsportarten wie Handball, Hockey oder Fußball erfolgreich waren.

Beim WM-Titel der Fußballer 2014 war der Umgangssprech: „wir“. Das bedeutet: Der Einzelne schafft es nicht. Es gibt nur ein Wir. Der Einzige zu sein, und ganz vorne zu sein, ist nichts wert, wenn die Gesellschaft und die Gruppe nichts davon hat. Das hilft keinem Einzelsportler. Schon gar nicht unter dem Druck der anderen Länder.

Warum haben sich alle geirrt, die 1989 dachten, nach dem Fall der Mauer wird Deutschland die weltweit führende Sportnation werden?

1992 hatten wir eine ziemlich erfolgreiche Olympiamannschaft. Das ist immer weiter abgeebbt. 1996 und 2000 fing es an, komisch zu werden, als die körperlichen Helden aufgrund des Alters ausgemustert waren. Es gab so viele starke Athleten, dass ein richtiges Nachwuchssystem vergessen wurde. Als ich mit 13 in einen Kader kam, habe ich die Größen noch gesehen. Vielleicht gibt es noch Talente, die durch mich motiviert wurden. Aber hiernach … gibt es ein riesengroßes Problem. Ich prognostiziere die Talfahrt, eine Sohle bei den Olympiamedaillen 2024, spätestens 2028.

Welche Helden haben Sie motiviert?

Alle wollten ein Autogramm von Lars Riedel. Der kam an in seinem Z3 Cabrio, parkte nicht auf dem Parkplatz, sondern vor der Halle. Alle sind hingerannt. Jürgen Schult war auch ein Idol. Aber Riedel war der King. Er hat Stützwurf gemacht. Das wollte ich auch. Dadurch war ich später der einzige Stützwerfer.   Auch Michael Schumacher war ein Idol. Da habe ich mit meinem Papa vor dem Fernseher gesessen, es war Lagerfeuerstimmung.

Beim Fernsehsport?

Der Fernseher hat natürlich seine Bedeutung verloren im Zug der ganzen Medialisierung. Da muss sich der Sport ganz anders positionieren: Wie kommuniziert man? Welche Werte und Bilder übermittelt man? Im Zuge dessen haben die Sportarten per se sich selber vergessen zu entwickeln.

Das Bundesinnenministerium hat die finanziellen Mittel für die Spitzensportreform erhöht.

Schön, dass öffentliche Mittel da sind, aber so richtig spürt man das nicht. Es gibt keine Idee dahinter. Meine Kritik lautet, dass Verbände in ihrer Trägheit ersticken. Eine große Idee könnte sein: Okay, wir wollen im Land die Gesundheit motivieren, das kann man über Leistungssport. Das ist meine Idee, die ich dem DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, Anm. d. Red.) geschrieben habe: Ihr müsst Mehrwerte bilden, damit Leistungssport für die Bevölkerung wieder eine Relevanz hat. Damit meine ich den Mehrwert der Gesundheit.

Was tut der Leistungssport für die Gesundheit der Gesellschaft?

Leistungssportler haben so hohe technologisch bemessene Veränderungen im Bewegungsapparat. All das, was wir herausfinden über Regeneration und Rehabilitationsphasen oder Leistungsfähigkeit ist wichtig für die Gesundheit der Bevölkerung.

So, wie die Formel 1 Erkenntnisse für die Serienmodelle bereitstellt?

Genau. Das könnte eine Kopfidee der Bundesrepublik sein. Da steuern sich viele Sachen – bis runter in den Schulunterricht, der dann nicht mehr ausfällt, weil alle wissen, dass die Kinder etwas davon haben. Ein Olympiasieger 2032 kann sagen: Mein Ergebnis trägt zur Gesundheit der Menschen bei. Es ist ein großes Gut, das ich zurückgeben kann.

Ich kann dich nicht weniger fördern und mehr Leistung erwarten.

Robert Harting

Ende 2016 wurde eine Leistungsportreform   beschlossen, samt Potenzialanalyse-Kommission, kurz Potas.

Man kann das Wort Sportreform gar nicht anwenden, weil es gar kein Sportsystem gibt. Die Zusammenführung der Systeme aus Ost und West war irgendwie ein Zufall.

Potas hilft nicht?

Das ganze Reporting ohne Idee, ohne zentrale Steuerung, ohne Geld geht nicht. Ich kann doch nicht weniger fördern und mehr Leistung erwarten. Das ist das klassische Controlling eines Betriebswirts, ein fataler Gedanke, der weiter zur Reduktion von Leistungsfähigkeit führt.

Ist es zielführend, dass Sportförderung   vor allem aus Staatsmitteln kommt?

Durch die Förderung der Politik wirst du ja jetzt keine Weltspitze. Da kriegt man ein Grundniveau rein, eine Teilnahmefähigkeit. Dauerhaft vorne zu sein, wird damit nicht gelingen.   Schauen wir auf das goldene Kind der Nation, die Fußball-Nationalelf: Aus in der Vorrunde bei der EM 2000.   Ungefähr 1,3 Milliarden Euro später wurde sie Weltmeister: 2014. Das Geld ist ins Nachwuchssystem geflossen, es sind junge, kreative Spieler aufgetaucht.

Wünschen Sie sich eine Karriere im Leistungssport für Ihre Zwillinge?

Auf jeden Fall. Aber die Frage ist: Welches Leitbild gibt es für sie? Sie haben weder ein Sportsystem noch ein politisches System oder die Flagge, die früher motiviert haben. Sie sind völlig frei. Der Leistungssport muss fragen: Was bedeute ich der Generation 2010 plus?

Ein Z3 Cabrio zieht   nicht mehr?

Jetzt, mit „Fridays for Future“, sind solche Autos überhaupt nicht mehr cool. Es braucht Leitbilder. Die sind wahrscheinlich nicht mehr von Menschen gemacht, sondern von einer Haltung, bei der der Leistungssport ein Faktor werden muss. Er muss zusammen mit den Schulen Antworten finden, die Kinder abholen. Ich weiß nicht, ob so was Olympische Spiele im Land schaffen könnten.

Bei den letzten Volksbefragungen war die Haltung zu Olympia ablehnend.

Klar, es ist kein Mehrwert zu erkennen, nur schlechte Nachrichtenlagen. Man könnte aber taktisch fragen: Wie kriegen wir die Olympischen Spiele her, dass wir eine Chance haben, diesem System, das korrupt ist, unseren Stempel aufzudrücken?   Dazu müssen wir uns die Frage stellen: Was soll Leistungssport übermitteln? Das ist eine Aufgabe, die der DOSB mit dem Bundesministerium des Inneren lösen müsste. Das tut er aber leider   nicht.

Wie stellen Sie sich die Lage 2029 vor?

Dass wir im Leistungssport aus der großen Krise gelernt haben, ich im Bundesministerium des Inneren arbeite und ein wirkliches Sportsystem auf die Beine stellen kann und die Verbindung zwischen Bevölkerung und Leistungssport im Sinne der Gesundheit integriere.