Rodel-WM: Immer Ideallinie

Es ist ja nicht so, dass sich einer wie Armin Zöggeler bloß auf den Schlitten legt und sich auf sein Fahrgefühl verlässt. Das tägliche Athletiktraining gehört für den Rodler aus Südtirol genauso dazu wie die Testfahrten in der Eisrinne, „es wird für mich sogar immer wichtiger“, sagt er. Auch jetzt, in der Woche vor der Weltmeisterschaft in Altenberg, hat er meist um 8.30 Uhr sein Hotel in Schellerhau verlassen. Turnhalle und Kraftraum liegen am Altenberger Ortsrand, nicht weit von der WM-Bahn im Erzgebirge. Dort hat er die Olympiastange gestemmt, Hanteln, Gewichte, den Rücken gekräftigt, den Bauch.

Am Start fehlt die Explosivität

Zöggeler ist vor Kurzem 38 Jahre alt geworden. Vielleicht hört er auf mit dem Rodeln nach dieser Saison. Aber am Sonnabend ist er der Titelverteidiger. Seine deutschen Herausforderer Felix Loch (22), David Möller (30), und Andi Langenhan (27) sind deutlich jünger. Dass sie in dieser Saison öfter schneller ins Ziel gerodelt sind als Zöggeler, lag vor allem daran, dass sie am Start schneller waren. Dort fehlt Zöggeler die Explosivität. Deshalb arbeitet er weiter an seiner Athletik. „Das Rumpftraining ist das A und O“, sagt Zöggeler. Er braucht kräftige Schulter- und Armmuskeln für den Start.

Auf der Bahn selbst ist er bisher meistens unschlagbar gewesen. „Er ist einfach der beste Rodler. So wie er auf dem Schlitten liegt, kann das kaum ein anderer“, sagt der italienische Trainer Walter Plaikner. „Armin versucht, die Kurven mit Druck zu fahren. Er trifft die Beschleunigung. Seine Fahrlage ist sehr konstant. Vom Fahrgefühl her ist er seit Jahren einer der besten“, sagt Zöggelers Coach Kurt Brugger. Deutschlands Cheftrainer Norbert Loch nennt Zöggeler einen Stilisten. Kein anderer habe sein aerodynamisches Gespür. Kein anderer findet die Ideallinie so exakt und zuverlässig wie der Olympiasieger von 2002 und 2006.

„Sie haben mich studiert“

Zöggeler freut sich über diese Komplimente. Er hat sie oft gehört. „Ich wurde in der Vergangenheit viel beobachtet und gefilmt. Mit mir wurden Videoanalysen gemacht. Sie haben mich studiert und durchleuchtet“, sagt er. Die Konkurrenz hat sich das Beste abgeschaut. So wie sich Zöggeler früher selbst das Beste bei Rodlern wie Markus Prock, Georg Hackl oder Jens Müller abgeschaut hat. Und in dieser Saison, das hatte der Carabinieri aus Völlan bei Lana schon vor dem Weltcup-Auftakt geahnt, da sind ihm die deutschen Rodler nicht nur immer nähergekommen, sie haben ihn geschlossen überholt.

Im Weltcup führt Loch vor Möller, Langenhan und Johannes Ludwig aus Oberhof. Zöggeler, bisher schon zehn Mal Weltcup-Gesamtsieger, liegt in dieser Saison nach sieben von neun Weltcuprennen nur auf Rang fünf. „Die Deutschen starten sehr, sehr schnell“, sagt er. „Von ihrem Vorsprung büßen sie nur noch ganz wenig ein. Oder gar nichts. Ich habe das Gefühl, dass sie weniger Fehler machen als früher.“

Loch scheint unschlagbar

Sechs WM-Titel hat der Südtiroler bisher gewonnen. Er mag die schnelle, technisch extrem anspruchsvolle Bahn in Altenberg, die gemeinhin als schwierigste und gefährlichste der Welt gilt. Gerade hat der Landkreis eine Million Euro in ihren Ausbau investiert. „Wenn bei der WM eine Medaille für mich rausschaut, dann bin ich sehr zufrieden“, sagt er. Als Tiefstapelei will das der Bauernsohn aus Südtirol nicht verstanden wissen. Schließlich hält er Felix Loch in seiner derzeit „wahnsinnigen Form für fast unschlagbar“. Auch David Möller habe seine fahrerischen Qualitäten sehr verbessert. Andi Langenhan sieht Zöggeler als Joker im deutschen Team. „Er ist der Unscheinbare, der alles ein bisschen lockerer nimmt. Auch er hat einen super Start. Und auch er ist konstanter geworden.“

Zöggeler rodelt im Weltcup, seit er 17 Jahre alt ist. Schon als Sechsjähriger fuhr er auf dem Holzschlitten seinem Vater hinterher, wenn der beim Räumdienst auf dem Schneepflug saß. Er kennt die Bahnen von Igls, Sigulda, Königssee, Whistler – und natürlich die in Altenberg. Sie ändern sich nicht. Aber „das Eis ist jedes Jahr neu. Und das Schlittenmaterial ändert sich“, sagt Zöggeler. Zwar versuchten die Eismeister überall, das gleiche Profil wie im Vorjahr herauszuhobeln. Aber die Rundungen der Bahnen ändern sich, wenn sich das Wetter ändert. Manchmal wächst das Eis. Manchmal wird es weich. Die Kurveneinfahrten verlagern sich immer. Die Ausfahrten auch. Tiefe Minustemperaturen, wie derzeit im Erzgebirge, machen das Eis besonders hart. „Da muss man aggressiver fahren.“ Zöggeler sagt, das sei etwas, das ihm gut liegt.