Ab sofort der Favorit auf den Gesamtsieg: Roglic.
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BerlinHerausforderer Primoz Roglic hat bei der Tour de France die Muskeln spielen lassen und mit dem Sieg bei der ersten Bergankunft Titelverteidiger Egan Bernal einen Schlag verpasst. Der deutsche Hoffnungsträger Emanuel Buchmann konnte in einem packenden Finale nicht mehr ganz folgen und kassierte einen kleinen Dämpfer im Kampf um das Podest.

„Es war ein schöner Tag, so kann es weitergehen“, sagte Vuelta-Sieger Roglic (Jumbo-Visma), der sich auf 1825 m Höhe in Orcieres-Merlette an einem slowenischen Festtag vor seinem jungen Landsmann Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) durchsetzte.

Mit Platz fünf verteidigte der Franzose Julian Alaphilippe (Deceuninck-Quick Step) das Gelbe Trikot. Bernal (Kolumbien/Ineos) kam als Siebter zwar zeitgleich mit Roglic ins Ziel, der Slowene holte aber aufgrund der Zeitgutschriften zehn Sekunden auf seinen Widersacher heraus.

Der zwei Wochen vor der Tour schwer gestürzte Buchmann (Ravensburg/Bora-hansgrohe) war noch nicht ganz auf der Höhe und kam als 17. mit neun Sekunden Rückstand ins Ziel. „Als es am Ende richtig schnell wurde, hat es mir einfach noch ein bisschen gefehlt. Viel verloren habe ich nicht, es hält sich in Grenzen“, sagte Buchmann, der in der Gesamtwertung 26 Sekunden zurückliegt.

Buchmann hatte versucht, von Anfang an hellwach zu sein, die Kletter-Ouvertüre in den Seealpen wollte er keinesfalls unterschätzen. „Es wird ein richtiger Test, da kann man sich nicht mehr verstecken. Es wird keine riesigen Abstände geben, aber wenn man einen schlechten Tag hat, kann man viel Zeit verlieren“, sagte der 27-Jährige vor dem Start in Sisteron. Das Tempo seiner großen Konkurrenten konnte er dann lange mitgehen, erst am Ende fehlten die entscheidenden Körner.

Die hatte Roglic: Der Teamkollege von Tony Martin, der am Schlussanstieg lange für seinen Kapitän schuftete, untermauerte seinen Status als großer Tour-Favorit.

Ein Hauptdarsteller der ersten Etappenstunden war zuvor Nils Politt gewesen. Der Kölner vom Team Israel Start-Up Nation war vom scharfen Start weg mit fünf weiteren Fahrern ausgerissen. Politt, Paris-Roubaix-Zweiter von 2019, siegte an der Sprintwertung, lag zwischenzeitlich als Solist an der Spitze, wurde aber von den Mitausreißern wieder geschluckt.

Kurz nachdem sein belgischer Fluchtkollege Tiesj Benoot 26 km vor dem Ziel in einer Abfahrt spektakulär über eine Leitplanke gestürzt war, versuchte es Politt erneut, aber auch erneut vergeblich - und fiel noch vor dem Schlussanstieg zurück. Dort wurden nach 150 Kilometern Flucht auch die letzten Ausreißer gestellt.

Die rauschende Bergfest-Stimmung wollte aber beim ersten Gipfelsturm der Corona-Ausgabe der Tour nicht aufkommen. Wohnmobile und PKW waren am Schlussanstieg nicht gestattet, auch die Heerscharen an Hobbyradlern nicht im gewohnten Maße unterwegs, die Strecke schon Kilometer vor dem Ziel mit Gittern geschützt.

Dennoch fanden viele Fans den Weg an den Schlussanstieg, vor allem Publikumsliebling Alaphilippe hatte an seinem zweiten Tag in Gelb wieder reichlich Unterstützer unter seinen Landsleuten. Jene beklatschten ihren Helden aber diszipliniert und feuerten unter Masken an - die Mahnungen der Organisatoren scheinen Gehör zu finden.