Berlin - Roman Motzkus ist der Mann, der so ziemlich alle Zahlen und Statistiken im American Football in seinem Gedächtnis hat. Der All Time Topscorer der Berlin Adler kommentiert im Fernsehen die Spiele der NFL, die am 7. Februar auf ihren Höhepunkt, den Super Bowl, zusteuern. Im eigenen Stadion treffen die Tampa Bay Buccaneers von Quarterback Tom Brady auf Titelverteidiger Kansas City Chiefs. Als Mitinvestor der Berliner Franchise, die im Sommer in der neuen European Football League (ELF) loslegen will, möchte Motzkus die Begeisterung für American Football auch in Berlin und Brandenburg befeuern.

Berliner Zeitung: Herr Motzkus, Buccaneers gegen Chiefs - was sagen Sie zu diesem Super-Bowl-Duell?

Am Ende ist es natürlich so, dass die Mannschaften, die in den Super Bowl einziehen, das auch wahnsinnig verdient haben. Es war bei Kansas City keine Überraschung. Wenn man als Titelverteidiger relativ wenig Abgänge hat, wenig Verletzungspech, wenig Ausfälle durch Corona, ist die Erwartungshaltung hoch. Sie hatten ein super Jahr mit nur einer einzigen Niederlage in der regulären Saison. Bei Tampa ist es ein bisschen überraschend. Beim Saisonstart ging es auf und ab, das war aber nicht verwunderlich: neuer Quarterback, neues Offense-System, viele neue Spieler, eine sehr gute Verteidigung. Gerade gegen den Lauf sind sie ja die Besten der regulären Saison. Es hat sich bewahrheitet: Offense verkauft Tickets, Defense gewinnt Championships. Obwohl viele Fehler angefallen sind, auch bei Tom Brady, haben sie sich in den Play-offs durchgekämpft mit drei Auswärtssiegen in Folge.

Was bedeutet das für den Super Bowl?

Jetzt erwarten eigentlich alle von den Buccaneers, dass sie das Ding zu Hause gewinnen und die erste Mannschaft sein werden, die nicht nur in den Super Bowl im eigenen Stadion einzieht, sondern den auch noch gewinnt. Natürlich, der Faktor Brady ist nie zu verachten, der steht zum zehnten Mal in so einem Endspiel. Allerdings haben die Chiefs letztes Jahr auch bewiesen, dass sie mit Rückständen umgehen können. Ich glaube, das wird eine ganz spannende Partie. Die Entscheidung wird wahrscheinlich in der Verteidigung fallen. Da sehe ich einen kleinen Vorteil für die Buccaneers.

Foto: Imago/Christopher Tamcke
Zur Person

Roman Motzkus, 51, ist mit 102 Touchdowns bei Pflichtspielen für die Adler Berlin bis 1997 All Time Topscorer des American-Football-Teams. Mit den Adlern war er 1989, 1990 und 1991 deutscher Meister. In der deutschen  Nationalmannschaft spielte er als Wide Receiver und Kickreturner. Neben seiner Tätigkeit als Fernsehexperte und -kommentator betreibt er in Berlin ein Telekommunikations-Unternehmen.

Was ist Ihr Job am 7. Februar?

Ich werde in München sein, im Studio bei ProSieben MaXX, um ab 20.15 Uhr schon die Pre-Game-Show zu moderieren mit meinen Kollegen Carsten Spengemann und Volker Schenk. Wir werden ein paar sehr interessante Studiogäste haben per Skypeschaltung und auch im Studio. Wenn die Kollegen bei ProSieben das Spiel kommentieren, werde ich mich wahrscheinlich zurück ins Hotel begeben und das Spiel in der Lobby anschauen - oder auf dem Zimmer.

Und wie wird Ihr Job bei der neuen Berliner Football-Franchise aussehen?

Ich bin Teilhaber der GmbH. Im laufenden Tagesgeschäft werde ich mich weitestgehend aus den Entscheidungen raushalten, aber sportlich beratend tätig sein, denn ich habe 30 Jahre Football-Hintergrund. Am Spieltag will ich eher die Genießerrolle haben.

Als im November die Pläne der European League of Football mit einer Berliner Franchise bekannt wurden, haben viele gesagt: Die NFL Europe ist 2007 gescheitert. Das wird diesmal wieder nichts. Was sagen Sie?

Aus Erfahrung lernt man. Die NFL Europe war damals eine Tochterunternehmung der NFL, die zu 95 Prozent aus den USA gesteuert und auch in Sachen Spielern mit Leben erfüllt wurde. Wir haben jetzt einen ganz anderen Ansatz. Von unserem Kader werden rund 80 Prozent der Spieler aus der Region, aus Deutschland, kommen. Es wird auch internationale Spieler geben, aber deren Zahl hat die Liga begrenzt. Es wird eine Salary Cap geben, das heißt, man darf nicht unbegrenzt Geld ausgeben für das spielerische Personal. Der Fokus liegt auch noch woanders.

Nämlich?

Auf dem Aufbau und der Entwicklung eines vernünftigen Football-Unterhauses. Wir planen, in Zusammenarbeit mit dem Berliner Football-Verband und den Vereinen, ein Schulprogramm aufzubauen, wo wir Football als kontaktlose Flag-Football-Variante in den Schulsport integrieren können. Das gab es schon mal. Wir versuchen die guten Ansätze von damals zu verbessern, anzupassen. Wir wollen keine Söldnerarmee sein, die jedes Jahr von 50 Spielern 40 austauscht. Es sollen Local Heroes aufgebaut werden. Die gibt es ja auch schon in Deutschland: viele Spieler, die in den USA im College-Bereich tätig sind und vielleicht nicht den Sprung in die NFL schaffen oder das auch gar nicht wollen. Sie können nach drei, vier Jahren am College wieder nach Europa zurückkommen und in der ELF einen sehr interessanten Part übernehmen.

Die Ingolstadt Praetorians, die Stuttgart Scorpions, die German Knights 1367 Niedersachsen und die Frankfurter Franchise haben sich als ELF-Teams schon per Imagefilm vorgestellt. Und Berlin?

Wir würden das auch gerne, aber wir können es im Moment nicht. Das hat damit zu tun, dass ja nun wieder die Reisetätigkeit beschränkt wurde und vor allem die Kontaktbeschränkungen größer geworden sind. Wir haben einen Trainerstab, aber wir können ihn noch nicht einsetzen. Deshalb macht es auch wirtschaftlich im Moment keinen Sinn, diese Leute alle unter Vertrag zu nehmen und ihnen schon durchgehend Gelder zu zahlen, denn wir wissen noch gar nicht genau, wann wir trainieren dürfen, wann und unter welchen Umständen wir spielen dürfen oder ob wir als Profisport anerkannt werden.

Beim Patentamt ist der Name Berlin Thunder hinterlegt worden.

Richtig. Der ist übergeben worden an die Muttergesellschaft der ELF. Das hat im Moment aber noch nichts damit zu tun, dass wir den Namen auch nutzen werden. Unter anderem ist da auch Barcelona Dragons aus NFL-Europe-Zeiten übergeben worden. Aber Barcelona hat sich entschieden, Gladiators zu heißen. Ich würde im Moment noch keine Wette darauf setzen, dass wir Berlin Thunder heißen.

Und der Name des Headcoaches? Ist das einer, den man kennt?

Ja, mehr kann ich dazu im Moment noch nicht sagen.

Die ersten ELF-Spiele sollen im Juni stattfinden. Wie sehr wackelt der Termin durch Corona?

Im Moment gehen unsere Planungen dahin, dass wir im Juni anfangen können zu spielen. Im Endeffekt liegt es nicht in unserer Hand. Wir werden schauen: Wie lange geht der Lockdown? Wie lange gelten die Kontaktbeschränkungen? Wir wollen die Gesundheit unserer Spieler, unserer Offiziellen, natürlich auch unserer Zuschauer, die hoffentlich ins Stadion kommen können, in keinster Weise gefährden. Aber wir haben auch Plan B und C. Plan B wäre: Spiele ohne Zuschauer. Das wäre wirtschaftlich keine schöne Situation, aber auch die muss man durchplanen. Plan C wäre: Wir fangen erst 2022 an.

Wenn die Saison im Juni beginnen soll, wann müssten die Teams dann anfangen, gemeinsam zu trainieren?

Wir brauchen als Team mindestens acht Wochen Vorbereitung. Die einzelne Fitness des Spielers muss jeder individuell vorbereiten.

Zuletzt war als Spielstätte das Poststadion angedacht.

Wir reden im Moment über mehrere Optionen. Wir haben natürlich auch im Hintergrund, dass man das Spiel medientechnisch vernünftig betreuen kann. Wir wollen ja alle Spiele streamen, es sollen Spiele im Live-TV gezeigt werden. Da braucht man gewisse Voraussetzungen. Das Olympiastadion wird es nicht werden. Das ist zu groß und zu teuer. Das Poststadion ist eine Alternative. Der Jahnsportpark wäre eine schöne Alternative gewesen, weil das ja eine gewisse Football-Tradition hat. Aber da ist die Betriebserlaubnis ausgelaufen.

Ist die Alte Försterei in Köpenick eine Option?

Als Stadion finde ich das super. Die Frage wäre, ob man das finanzieren kann und vor allem, ob Union bereit wäre, uns als Mieter für unsere fünf oder sechs Heimspiele hineinzulassen. Ich liebe dieses Stadion. Als Sportler kann man nichts besser aufsaugen an Atmosphäre, als wenn die Zuschauer so nah am Spielfeld sind. Ich würde liebend gerne mit Union darüber sprechen. Bei einer Größe von 22.000 Plätzen kann man wunderbar ein schönes Familienevent feiern. Das Stadion ist wirklich ein Schmuckstück.

Fußballregeln versteht jeder. Aber beim Football ist erst mal der Knackpunkt, den Sinn des Spiels zu verstehen.  

Wir haben angefangen bei „ran Football“ mit rund 250.000 Zuschauern pro Spiel. Inzwischen haben wir in regulären Saisonspielen locker zwischen 500.000 und 750.000 Zuschauer. Das ist genau der Punkt, an den man kommt, wenn darüber gesprochen wird. Am Conference-Championship-Wochenende waren es schon deutlich über eine Million Zuschauer im frei empfangbaren Fernsehen. Football macht am meisten Spaß, wenn man sich dabei unterhalten kann, wenn man Fragen hat und neben einem sitzt jemand, der es erklären kann. Das ist so ein bisschen meine Aufgabe im Fernsehen. Ich habe es selbst auch so gelernt, 1987, bei meinem allerersten Live-Footballspiel im Mommsenstadion. Da saß jemand neben mir, der mir ein paar Sachen erklären konnte. Ab da war ich infiziert. Ich habe das Spiel dann selber gelernt. Jetzt bringe ich es anderen Leuten bei, dazu gibt es heute mit Social Media ja eine Menge Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Karin Bühler.