Immerhin 45 Minuten lang trieb Ronny das Spiel des 1. FC Novi Pazar an.
Foto: Matthias Koch

Berlin-ReinickendorfGut 7900 Kilometer liegen zwischen Berlin und Fortaleza. In der Millionenstadt am Atlantik im Nordosten Brasiliens lebt die Familie von Ronny Heberson Furtado de Araujo. Am Donnerstag, nur wenige Stunden nachdem der ehemalige Profi nach drei Jahren Pause sein erstes Pflichtspiel bestritten hatte, freute sich die Familie in der fernen Heimat. Ronny berichtete am Telefon und via Skype von seinem „Supergefühl“ nach seinem Debüt für seinen neuen Verein, den 1. FC Novi Pazar aus Neukölln. Nach einem äußerst turbulenten Spiel siegten Ronny & Co. mit 2:1 bei den Füchsen Berlin.

Ronnys Frau Isabel und seine drei Kinder nehmen großen Anteil am Abenteuer, das der ehemalige Publikumsliebling von Hertha BSC gerade eingeht. „Meine Familie wollte, dass ich noch einmal in Berlin Fußball spiele“, erzählte der 34-Jährige, der 2017 seine Karriere als Profi beendet hatte, aber zwei Jahre später wieder auf Vereinssuche ging. Offenbar war die Sehnsucht nach dem Fußball zu groß.

Ronny lebt mit dem Ruf, den härtesten Schuss der Welt zu besitzen

Ronny, der nach einem spektakulären Freistoßtor für Sporting Lissabon im Jahr 2006 – offiziell mit 210,9 km/h gemessen – glänzend mit dem Ruf lebt, den härtesten Schuss der Welt zu besitzen, spielte einst vor 70.000 Fans im Berliner Olympiastadion. Am Mittwochabend aber war der Rahmen bei seinem Comeback deutlich bescheidener. Rund 250 Zuschauer, darunter 70 heißblütige Anhänger von Novi Pazar, verteilten sich im engen „Fuchsbau“, dem Sportplatz des Berlin-Ligisten Füchse Berlin. Der liegt am Ende einer Kleingartenanlage am Wackerweg in Reinickendorf. Ronny lief mit der Rückennummer 10 und in orangefarbenen Schuhen auf. Auf der kleinen Tribüne beobachtete seine neue Entourage jede Bewegung des Stars der Liga – darunter sein Berater Karim Loreti und sein Personaltrainer Tuli Zazai, der einst Brandenburg 03 und auch Novi Pazar trainiert hatte.

Ronny, deutlich athletischer als vor Jahren, versuchte sofort, das Spiel an sich zu reißen, verteilte Bälle und gefiel mit raffinierten Pässen aus dem Fußgelenk. Aber seine neuen Teamkameraden suchten ihn noch zu selten, sodass er nur zweimal zu gefährlichen Schüssen kam. Vor einem Freistoß rief sein Personaltrainer laut: „Ronny, zwirbel ihn rein!“ Den knallharten Schuss parierte Füchse-Keeper Konstantin Filatow mit viel Mühe. Die Gastgeber aber gingen sogar durch Steven Haubitz in Führung (13.).

Nach 45 Minuten war erst einmal Schluss für Ronny, dem der rechte Oberschenkel leicht zwickte. Eine Vorsichtsmaßnahme. Frisch geduscht und gut gelaunt berichtete er: „Ich habe mich sehr gut gefühlt. Mein Auftrag war, meine Mitspieler gut in Szene zu setzen. Ich hoffe, meine Kameraden können das Spiel noch drehen.“

Gut vier Wochen nach seiner Ankunft in Berlin hatte Ronny mit Tuli Zazai jeden Tag hart trainiert. Später kam das Teamtraining hinzu. Zazai erzählte: „Zuerst war Ronny platt, aber er hat sich durchgebissen.“ Erst am Montag dieser Woche kam auch die Spielgenehmigung aus Brasilien. Dort hatte Ronny für Fortaleza EC im Oktober 2017 bei einem 0:0 gegen Centro Sportivo Alagoano sein letztes Pflichtspiel bestritten.

Der 1. FC Novi Pazar, ambitionierter Aufsteiger in die Berlin-Liga, wurde dann überraschend sein neuer Arbeitgeber. „Die wollen schnell nach oben“, sagte Ronny, „und ich will dabei helfen.“ Ein bislang unbekannter Sponsor aus Österreich hat Ronnys Gehalt übernommen. Novi Pazar profitiert von den Schlagzeilen über Ronny und sorgt auch für neue. Nach drei Spieltagen – einem Sieg und zwei Remis – wurde Trainer Denis Drnda entlassen. Es hieß, die Spielweise sei nicht attraktiv gewesen. Der ehemalige Torjäger Rani Al-Kassem, zuletzt Co-Trainer beim Oberligisten Blau-Weiß 90, übernahm und hatte bislang Erfolg: zwei Spiele und zwei Siege. Ronnys Mannschaft ist neben Eintracht Mahlsdorf noch ungeschlagen. Ronny sagt, er möchte noch drei, vier oder fünf Jahre Fußball spielen und sieht seine nahe Zukunft und die seiner Familie in Deutschland.

Am Mittwochabend, als das matte Flutlicht auf dem Füchse-Platz die Szenerie schwach beleuchtete, wurde sein Halbzeit-Wunsch wahr. Trotz zweier Roter Karten für Novi Pazar und einer Gelb-Roten für die Füchse, siegte der Aufsteiger wegen vieler Unterbrechungen nach schier endlosen 100 Minuten mit 2:1 nach zwei Toren von Semin Hadzibulic. Der traf einmal sogar in Ronny-Manier mit einem sehenswerten Freistoß. Ronny schwärmte: „Ich bin sehr glücklich. Bald werde auch ich treffen. Mein Schuss mit dem linken Fuß ist eine Gabe Gottes und so hart wie eh und je.“