Auch in anderen Stadien leidet man mit Rot-Weiß Erfurt.
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BerlinGestern noch oben, heute verschwunden. Solch ein Szenario wünscht sich niemand, nicht einmal im Sport. Und doch hat es einen Verein erwischt, einen mit ziemlich viel Tradition. Nicht aus heiterem Himmel, dafür mit umso größerer Wucht, mit einer vollen Breitseite. Seit Gründung der Dritten Liga ist Erfurt dort ein fester Anker, von Anfang an dabei, von 2008, und dann zehn Spielzeiten, sozusagen der Mini-Dino der dritthöchsten Spielklasse. Manchmal schneiden sie besser ab – 2011 fehlen vier, 2012 lediglich zwei Punkte auf den Relegationsplatz –, manchmal schlechter. Auch weil Thüringens Landeshauptstadt mitten im Herzen Deutschlands liegt, sind die Rot-Weißen für die Gegner ein beliebtes Reiseziel. Nun aber sind sie kollabiert, der Dino stirbt den Pleite-Tod.

Der schleichende Exitus hat sich lange angedeutet, nur ist er aktuell mit reichlich Zündstoff beladen, mit haufenweise gegenseitigen Schuldzuweisungen versehen und mit gar nicht so wenigen Unappetitlichkeiten gespickt. Den großen Knall gibt es vor einem halben Jahr, in der zweiten Saison, die die Männer aus dem Steigerwaldstadion nach eingereichter Insolvenz und nach dem Abstieg aus ihrer Wohlfühl-Spielklasse, der Dritten Liga, in der Regionalliga verbringen. Das 1:0 am 8. Dezember vorigen Jahres gegen Viktoria 1889 ist der letzte Sieg, das 1:2 eine Woche darauf beim 1. FC Lok Leipzig das letzte Spiel und die Führung im Bruno-Plache-Stadion durch Lucas Surek das letzte Tor.

Nach der Winterpause ist es vorbei, die Elf von Interimstrainer Robin Krüger, der erst im November von Thomas Brdaric übernommen hat, ist raus. Alle Spiele werden annulliert, Rot-Weiß ist erster Absteiger in die NOFV-Oberliga. Es ist der Absturz in die Fünftklassigkeit und für die Thüringer, die derart tief unten im Keller noch nie gewesen sind, eine Demütigung der Extraklasse, weil es dort gegen Teams wie Einheit Rudolstadt und Union Sandersdorf, FC Eilenburg und FSV Martinroda gehen soll.

Das alles ist enttäuschend, bitter, frustrierend, aber nicht so schlimm, dass es nicht noch einen Zahn schärfer ginge. Für die nicht für möglich gehaltene Zuspitzung sorgt derzeit vor allem Volker Reinhardt. Der Insolvenzverwalter bremst und verzögert, verschleppt und verhindert. Lutz Lindemann, ehemaliger Nationalspieler mit Erfurter Wurzeln, nennt das voller Sarkasmus „ein Meisterstück der Fußball-Kunst“. Die Krux bei allem ist, dass Reinhardt das Spielrecht für die 1. Mannschaft besitzt. Lindemann beschreibt die Situation, die jener in einem Tollhaus ziemlich nahekommt, so: „Er hat dieses Spielrecht in seiner Tasche, lächelt und sagt: ‚Das Spielrecht müsst ihr mir aber abkaufen!‘“

In all diesem Chaos, das für Lindemann „ein heilloses Durcheinander“ ist, gibt es kaum noch Anstand. Es ist die Gelegenheit für Möchtegern-Macher wie Hans-Dieter Steiger. In einem Machtkampf, der voller Mauscheleien steckt und eher einer Schlammschlacht gleicht, lässt sich der 70-Jährige, soeben noch Vorsitzender des Ehrenrates, erst Anfang Juli vom danach sofort zurückgetretenen und doch wieder ins Amt beförderten Aufsichtsratsmitglied Reike Meyer angeblich telefonisch (!) zum Präsidenten ernennen. Mit ihm und mit Peter Kästner hat der Oberligist zwar nach zwei Jahren wieder ein funktionsfähiges Präsidium, wenn jedoch von Kompetenz die Rede ist, halten sich die meisten im Umkreis lieber Augen, Ohren und Mund zu.

Auch sonst sind sie alles andere als fein zu- und miteinander. Da schieben sich ehemalige und nicht ganz so ehemalige Funktionäre gegenseitig die Schuld in die Schuhe, es sei Geld, das für das Nachwuchsleistungszentrum (das seinen Status inzwischen ohnehin verloren hat) vorgesehen war, zweckentfremdet für das Tagesgeschäft ausgegeben worden, die Gehälter für Spieler und Trainer seien viel zu ambitioniert, also für die angespannte Situation unanständig hoch gewesen und überhaupt – der Anklage folgt das Dementi und dem Dementi die Anklage. Es ist der Teufel los.

In dieser Gemengelage den Überblick zu behalten, grenzt an Pfadfinderei durch den Urwald. Allerdings sagt einer, der sich im Fußball auskennt wie in seiner eigenen Westentasche und dem mit 75 Jahren keiner auch nur das kleinste Fitzelchen eigene Interessen vorwerfen kann, „dass der Insolvenzverwalter für Rot-Weiß das gleiche ist wie der Papst für die Katholiken, ein Alleinherrscher“. Hans-Günter Hänsel, der weise Mann des Fußballs nicht nur in Erfurt, er war zu DDR-Zeiten in führenden Funktionen bei Chemie Leipzig und beim 1. FC Union, später bis zu seiner Pensionierung 16 Jahre für den Thüringer Fußballverband als dessen Hauptgeschäftsführer tätig und stets auf Ausgleich bedacht, ringt um Fassung, wenn es gilt, den Zustand des FC Rot-Weiß zu beschreiben: „Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht und von Woche zu Woche stelle ich leider fest, dass es noch tiefer geht. Aktuell, also drei Wochen vor dem ersten Spiel, ist kein Trainer da, es ist keine Mannschaft da und es ist kein Geld da. Es ist, um es kurz und knapp zu sagen, eine Katastrophe.“

Längst wollten sie angefangen haben mit dem sportlichen Leben danach. Aber wie? Eine erste Sichtung von Spielern im Sportzentrum Cyriaksgebreite entpuppt sich als regelrechter Rohrkrepierer. „Ein Spieler von Real Madrid war natürlich nicht dabei“, lässt Lutz Lindemann auch hier seinem Zynismus freien Lauf, „nur solche aus dem eigenen Nachwuchs.“ Dafür haben sich ehemalige Größen des FC Rot-Weiß, so Torwart-Denkmal Wolfgang Benkert, Angreifer-Idol Jürgen „Kimme“ Heun und Sturm-Wirbler Martin Busse, bereiterklärt, dem Verein in dessen größter Not zu helfen. Allerdings haben sie alsbald die Sinnlosigkeit erkannt und sich teils schnell zurückgezogen.

Nun haben sie in der vorigen Woche trotzdem ihr erstes Spiel absolviert mit Manuel Rost als Trainer, einem 31-Jährigen, der zuvor die U 17-Junioren betreute und vor allem Platzhalter sein soll. 8:1 haben sie mit ihrer bisherigen U 19 den SV Altengottern, einen Vertreter der Landesklasse, geputzt. Doch auch hier herrscht bis kurz vor dem Anpfiff das blanke Chaos, denn die Stadt will die Austragung unterbinden, lenkt im letzten Augenblick aber ein.

Soll das die Zukunft sein für einen Verein, der als KWU zu den 14 Gründungsmitgliedern der DDR-Oberliga gehört, der als Turbine zweimal den Meistertitel holt und 1955 die im Jahr zuvor schon gewonnene Trophäe als erstes Team erfolgreich verteidigt? Gibt es wirklich ein Morgen für den Klub, der 15 DDR-Nationalspieler (Helmut Nordhaus, Rüdiger Schnuphase, Uwe Weidemann etwa) hervorbringt und mit Thomas Linke einen Vizeweltmeister von 2002 ausbildet? Kann das schon alles gewesen sein für die Rot-Weißen, denen 1991 mit einem 3. Platz, ihrer besten Platzierung nach dem Titel 36 Jahre zuvor, mit der Qualifikation für die 2. Bundesliga eine Punktlandung gelingt, die zugleich erstmals im Uefa-Cup spielen und nach dem FC Groningen mit Ajax Amsterdam auf ein ganz großes Kaliber treffen?

An Wunder glaubt in der Stadt, die mit dem Dom und der Krämerbrücke, der längsten mit Wohnhäusern bebauten Brücke in Europa, ihre größten Attraktivitäten besitzt, niemand. Die Rot-Weißen aus dem Steigerwaldstadion nämlich taugen als solche nicht mehr.