Jonas Wiesen fuhr neben den beiden Ruderern aus Berlin und Hohen Neuendorf her, ein schmaler, 55 Kilo leichter, 1,70 Meter großer Athlet, der mit seiner großen, durchaus dickglasigen Brille ein bisschen an Harry Potter erinnert. Wiesen ist der neue Steuermann des neuen Deutschland-Achters, des jüngsten seit Jahren. Und neben Wiesen, 25, vom RG Treis-Karden in Rheinland Pfalz gehören auch Olaf Roggensack, 25, vom RC Tegel, Mattes Schönherr, 22, vom RC Potsdam sowie Wolf-Niclas Schröder, 25, von der Ruder-Union Arkona Berlin zur neuen Crew. Im Vergleich zum olympischen Silberrennen von Tokio im vorigen Sommer sind sechs Positionen im Paradeboot des Deutschen Ruder-Verbandes neu besetzt.

Roggensack und Schönherr saßen also zusammen im Zweier; Langstrecken-Vergleich über 6000 Meter in Leipzig. Selektion. Es war der Auftakt zur Wettkampfsaison. Das Duo aus Berlin und Hohen Neuendorf gewann. Es hatte auch beim Ergometertest über 2000 Meter überzeugt. „Der Vorteil der Langstrecke ist, dass man über eine längere Strecke Zeit hat, in den richtigen Rennschlag reinzukommen. Wir haben das genutzt, um während des Rennens noch technische Dinge anzupassen. Das ist uns gut gelungen. Da haben wir auch von Jonas Wiesen profitiert, der nebenhergefahren ist und guten Input gegeben hat“, sagte Schönherr dem Portal deutschlandachter.de. Input durch Harry Potter also. Und durch die Messbootdaten, die zeigten, dass die Kraftkurven von Schönherr und Roggensack zusammenpassen.

Mattes Schönherr: „Wir wollen versuchen, anzugreifen“

Schönherr ist nun der neue Schlagmann, der Kerl für den Rhythmus im Achter. „Mir wird eine besondere Rolle zugesprochen, aber jeder bei uns sollte wissen, was für einen Schlag wir fahren wollen, und das gleiche Verständnis haben“, sagt er. „Man wird sehen, wie wir in Posen in die Saison reinkommen. Wir wollen versuchen, anzugreifen.“

An diesem Wochenende steht für den Achter in Polen die erste Bewährungsprobe im Weltcup an. Nach dem Weltcup in Luzern im Juli und der EM in München im August folgt vom 18. bis 25. September die WM in Racice.

Schönherr hat ein Gardemaß von 1,96 Metern bei 97 Kilogramm Gewicht. Ehe er 2012 an der Grundschule in Hohen Neuendorf für die Sportschule in Potsdam gesichtet wurde, war er Leichtathlet und Fußballer. Da er erst später als andere zu wachsen anfing, wäre er beinahe gar nicht aufgefallen mit seinen 1,63 Metern Körpergröße damals.

Seine erste Regatta erlebte er als Steuermann im Doppelvierer. „Im ersten Jahr war ich noch klein und schmächtig“, erzählt Schönherr. Heute studiert er Augenoptik an der Berliner Hochschule für Technik und sagt: „Ich bringe gerne meine Meinung ein, gehe voran und möchte individuell und gemeinsam etwas erreichen.“

Hört sich so an, als hätte Bundestrainer Uwe Bender den Richtigen als Schlagmann gefunden: „Der Deutschland-Achter hat eine lange Tradition, eine lange Erfolgsstory. Da wollen die jungen Leute hin, und bislang sind sie gut unterwegs. Aber wir sehen uns momentan auch in der Rolle, dass die jungen Ruderer im Lernprozess sind“, sagt der Bundestrainer. „Wir werden schauen, wie wir uns als Team entwickeln und woran wir weiterarbeiten müssen.“ Vor einem Monat hatte Schönherr noch seinen Platz im Maschinenraum des Boots, unter den mittleren vier Ruderern, den Kraftbolzen. Doch Corona-Erkrankungen von vier Sportlern aus dem Team brachten die Pläne durcheinander.

Roggensack gehört zu denen, die Erfahrung haben. 2020 wurde er mit dem Achter EM-Zweiter, 2021 Olympiazweiter. Er sitzt im Bug, wo die mit der besten Rudertechnik ihren Platz haben. In der Saisonvorbereitung, erzählt er, gab es „für mich einen richtigen Schlag, als eine Herzrhythmusstörung bei mir vermutet wurde“. Doch letztlich wurde nichts gefunden. Daher ist Roggensack nun gespannt auf die Saison und glaubt: „Das Team befindet sich fortlaufend im Umbruch, das wird seine Zeit dauern.“