Bei Bayern München wirkte Dettmar Cramer deutlich länger als in Berlin.
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BerlinEin drastisches Zitat: „Für Hertha zu arbeiten bedeutet vorzeitig zu altern. Hinter einer negativen Überraschung lauert nämlich bereits die nächste!“ Diese Worte könnten von Jürgen Klinsmann stammen, der nach nur 77 Tagen im Amt seinen Job als Cheftrainer der Hertha hinschmiss – ohne, dass die Führungsgremien des Vereins darüber informiert waren. Doch das Zitat stammt aus dem Jahr 1968, da war Klinsmann vier Jahr alt. Gesagt hat es der ehemalige Hertha-Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein. Der ist mit 212 Einsätzen auf der Trainerbank bei Hertha weiter einsame Spitze.

Das Ende des Berliner Intermezzos von Klinsmann animierte mich zu einem Streifzug durch das Kuriositäten-Kabinett rund um Herthas Trainer. Das Chaos, das Klinsmann mit seinem rücksichtslosen Rückzug mitten im Abstiegskampf hinterlässt, erinnerte mich an längst vergangen geglaubte Zeiten. Immerhin war nur ein Trainer schneller als Klinsmann in dieser Woche. Der legendäre Fußball-Lehrer Dettmar Cramer, wahlweise „Professor“ oder „Napoleon“ genannt, warf 1974 nach nur einem Tag seinen Job als Cheftrainer in Berlin hin. Cramer leitete am Tag seiner Vorstellung ein Training an der „Plumpe“ im Gesundbrunnen und löste danach seinen Vertrag auf.

Cramer hatte den Spitznamen Napoleon

Ihm waren Spieler wie Uli Hoeneß, Berti Vogts und Paul Breitner versprochen worden, die aber alle nicht nach Berlin kamen. Georg Kessler, Spitzname „Sir“, übernahm das Traineramt, Hertha wurde 1974/75 Zweiter! Klinsmanns Nachfolger sollte diese schöne Episode lesen und als Ansporn nehmen.

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Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Noch ein kräftiges Zitat fiel mir in die Hände. „Wer als Trainer zu Hertha geht, ist entweder geisteskrank, fußballdoof oder völlig pleite!“ Es stammt von Peter Neururer. Der streitet sich um den Platz als erfolglosester Hertha-Trainer seit 1990 mit Michael Skibbe. Neururer gehörte zu den vier Trainern, die Hertha BSC nach dem Aufstieg in die Erste Liga 1990/91 in einer Saison verschliss. Seine Vorgänger waren Werner Fuchs und Pal Csernai, sein Nachfolger Karsten Heine. Der gute Peter schaffte in zwölf Spielen zwei Remis und kassierte zehn Niederlagen. Die Bilanz (nach der Zwei-Punkte-Regel): 2:20 Zähler und 16:43 Tore!

Und Skibbe? Der löste im Winter 2012 Markus Babbel ab, kam in vier Bundesligaspielen auf vier Niederlagen, 1:10 Tore, musste Otto Rehhagel weichen, den Hertha für vier Monate aus dem Rentnerdasein erlöste. 1991 und auch 2012, als jeweils vier Trainer werkeln durften, stieg Hertha ab.

Stevens' Parallelen zu Klinsmann

Das Dasein als Hertha-Trainer ist schwer. Ich sah Jürgen Röber weinen, als er nach sechs meist erfolgreichen Jahren im Februar 2002 gehen musste. Ich sah Huub Stevens leiden, als ihm Manager Dieter Hoeneß 2003 ein Ultimatum gestellte. Der Holländer musste binnen vier Tagen zwei Spiele gewinnen – beide bei Hansa Rostock, in Liga und Pokal. Stevens schaffte das Wunder, musste trotzdem gehen.

Die Parallele zu den beiden jüngsten Spielen gegen Schalke auch innerhalb von nur vier Tagen in Liga und Pokal zuletzt unter Klinsmann drängt sich auf. Doch der besaß im Gegensatz zu Stevens als Trainer alle Freiheiten und warf nun selbst hin.

Wie geht Jürgen Klinsmann nun in die turbulente Geschichte der Hertha ein? Als gescheiterter Revolutionär? Als Visionär? Als Ich-AG? Als der „Im-Stich-Lasser“? Oder als Projektleiter ohne Durchhaltevermögen? Die Zeit wird es zeigen.