Berlin -  Vermutlich war es in Pandemie-Zeiten unvermeidlich, dass das aus der Frankfurter Verbandszentrale versandte Gruppenbild ein bisschen steif aussah. Hansi Flick, der künftige Bundestrainer, und Oliver Bierhoff, der mächtige DFB-Direktor, saßen vor den unterschriftsreifen Verträgen, während sich Stephan Osnabrügge, der umstrittene Schatzmeister, sowie Peter Peters und Rainer Koch, die beiden Interimspräsidenten, im Hintergrund aufstellten. Alle hielten ausreichend Abstand voneinander – und lächelten selig.

Mit der Verpflichtung seines erklärten Wunschkandidaten als Nachfolger für den im Sommer ausscheidenden Langzeit-Bundestrainer Joachim Löw hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine frohe Botschaft verkündet, die dem skandalumtosten Verband schon nicht mehr zugetraut wurde. Nach Grabenkämpfen, Intrigen, Vorwürfen und Nazi-Vergleichen endlich mal wieder eine gute Nachricht aus der Otto-Fleck-Schneise im Frankfurter Stadtwald.

Flick - fast ein bisschen bieder

Klar: Bei einer Umfrage auf der Straße würden immer noch die meisten Jürgen Klopp für den besten Bundestrainer halten. Aber der Entertainer und Menschenfänger „Kloppo“ steht nun einmal nicht zur Verfügung, fühlt sich gebunden an den FC Liverpool – und noch nicht reif für eine Rolle als Nationaltrainer.

Ergo: Flick übernimmt im Anschluss an die Europameisterschaft. „Es ging jetzt doch alles auch für mich überraschend schnell mit der Unterschrift, aber ich bin sehr glücklich, ab dem Herbst als Bundestrainer tätig sein zu dürfen“, sagte Flick, 56 Jahre alt.

Beim vierfachen Weltmeister soll er im besten Falle eine neue Ära prägen: Es kommt kein Volksheld wie 2000 Rudi Völler, kein Reformer wie 2004 Jürgen Klinsmann – und auch ein anderer Charakter als Joachim Löw, der immerhin seit 2006 das Amt besetzte. „Meine Vorfreude ist riesig, denn ich sehe die Klasse der Spieler, gerade auch der jungen Spieler in Deutschland. So haben wir allen Grund, die kommenden Turniere, zum Beispiel die Heim-EM 2024, mit Optimismus anzugehen“, sagte Flick als der elfte Bundestrainer der DFB-Historie artig.

Flick ist der logische Nachfolger Löws, dem er zwischen 2006 und 2014 als Assistent diente. Seine Arbeit im Hintergrund ist lange nicht richtig wertgeschätzt worden, weil Flick bei seinen seltenen Auftritten auf Pressekonferenzen in Löws Vertretung so redete wie er früher in der Bundesliga Fußball spielte: zurückhaltend, fast ein bisschen bieder. Lieber quer zum eigenen Mann als ein Steilpass, der ins Aus fliegt.

Mit Flick zurück an die Weltspitze

Flick, Vater zweier erwachsener Töchter, war gleichwohl enorm wichtig fürs Binnenklima; viele nannten ihn einen unverzichtbaren Klebstoff zwischen dem bisweilen etwas entrückten Bundestrainer und einigen doch eher einfach gestrickten Nationalspielern. Nicht umsonst strich Nationalmannschaftsmanager Bierhoff jetzt noch einmal heraus, dass er die „menschlichen und fachlichen Qualitäten“ dieses Trainers seit vielen gemeinsamen Jahre kenne und schätze. Der bei der Trainersuche federführend tätige Bierhoff will mit Flick „zurück an die Weltspitze“.

Der DFB verzichtete auf eine persönliche Vorstellung; wohl auch, um nicht zu sehr von Löws letzter Mission abzulenken. Die Mannschaft beginnt bereits am Freitag ihr Trainingslager im österreichischen Seefeld.

Flick hat für drei Jahre unterschrieben. Er kennt den DFB aus dem Effeff, weil er dem Verband drei Jahre lang bis 2017 auch als Sportdirektor diente. Inzwischen sind jegliche Zweifel daran verschwunden, dass sich Flick als Löw-Erbe eignet: Ihm haben 18 Monate beim FC Bayern gereicht, um sieben Titel zu gewinnen – darunter als Krönung die Champions League im vergangenen Sommer. Ein Titel, der für eine Vereinsmannschaft fast genauso schwer zu gewinnen ist wie für eine Topnation die Weltmeisterschaft.

Ein Meister in Sachen Menschenführung

Die Selbstverständlichkeit, mit der Flick mitten in der Pandemie mit lauter Geisterspielen den FC Bayern dirigierte, hat ihm viele Bewunderer eingebracht. Seine Empathie ist enorm. Wenn der künftige Bundestrainer mal ein bisschen zu viel Zeit hat, könnte er im Hause seines alten und neuen Arbeitgebers gleich noch Nachhilfe in Sachen Menschenführung geben. Er ist keiner, der jeden Mitarbeiter gleich in den Arm nimmt. Er ist einer, der alle mitnimmt, weil er ihnen klare Aufgaben gibt, ohne sie zu überfordern.

Joti Chatzialexiou, Bierhoffs rechte Hand und Sportlicher Leiter Nationalmannschaften, sagte erst kürzlich über Flick: „Von ihm habe ich viel mitgenommen, was den Umgang mit Menschen angeht – da hat er mich auch inspiriert, weil ich die von ihm erzeugte familiäre Atmosphäre, die von ihm garantierte Verlässlichkeit als überragend empfand. Er integriert die Mitarbeiter in seine Gedankengänge und hat eine offene Feedbackkultur.“ Flick sei einer, der notfalls „nachts um zwei, drei Uhr vor deiner Tür steht. Deshalb schätzen und lieben ihn viele Menschen.“

Auch den machtvollen Münchner Block hat der neue DFB-Cheftrainer komplett auf seiner Seite; egal, ob es sich um den erfahrenen Nationaltorwart und Kapitän Manuel Neuer oder den jungen Draufgänger und Anführer Joshua Kimmich handelt. Flick erreicht mit seiner ruhigen Art in unruhigen Zeiten alle Generationen. Wenn er mal aus der Haut fährt – wie bei seinem etwas ungelenken Rundumschlag auf die deutsche Corona-Politik mitsamt der Attacke auf den Dauermahner Karl Lauterbach –, dann muss sich schon mächtig Frust ansammeln. Und auch da sprach er vielen Menschen im Lande aus der Seele.

Die Nationalmannschaft als Wohlfühloase

Sein riesiger Rückhalt bei den Allesgewinnern vom FC Bayern könnte für Flick noch Gold wert sein – wenn die Nationalmannschaft wieder zur Wohlfühloase wird, bei der die Stars ihren Frust aus dem Verein vergessen können. So war das früher ja oft. Und so könnte es auch bald wieder sein, wenn beispielsweise der vom FC Bayern als Flick-Nachfolger geholte Julian Nagelsmann im Alltag an der Säbener Straße mal fremdeln sollte. Hier sind schließlich schon die berühmtesten Trainer zwischen alle Stühle geraten: Otto Rehhagel, Ottmar Hitzfeld, Giovanni Trapattoni, Carlo Ancelotti, Pep Guardiola.

Ohne die Reibereien zwischen Flick und dem bisweilen etwas sonderbaren Sportvorstand Hasan Salihamidzic hätte der DFB sicherlich nicht seine optimale Lösung präsentieren können. „In der Zeit bei Bayern München hat er gezeigt, wohin er eine Mannschaft als Cheftrainer führen kann“, betonte Bierhoff. Dem Rekordmeister wird der Abschied des Erfolgstrainers mit einem lukrativen Kompensationsspiel erträglich gemacht. Mit dem DFB habe man sich auf eine „smarte Geste“ verständigt, verriet Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bereits vor einigen Tagen.

Oliver Bierhoff als geschickter Strippenzieher

Die Personalie Flick trägt nebenbei auch zur Beruhigung im DFB bei, wo ein einzigartiges Hauen und Stechen tobte. Dabei geriet fast in Vergessenheit, dass auch das Aushängeschild Nationalmannschaft immens an Ansehen eingebüßt hat. Nicht durch Skandale, sondern durch Nicht-Leistungen: erst das verlorene Nations-League-Duell in Spanien (0:6) Ende November vergangenen Jahres, dann das vergeigte WM-Qualifikationsspiel gegen Nordmazedonien (1:2) Mitte März waren Tiefpunkte der Ära Löw. Der 61-jährige Löw hatte in der Öffentlichkeit bereits zum Jahreswechsel jeglichen Rückhalt verspielt. Dabei war der für alle Nationalmannschaften und die Akademie zuständige Direktor Bierhoff gewiss nicht unschuldig an mancher Fehlentwicklung, vor allem nicht im Vorfeld des WM-Debakels 2018.

Nun aber hat Bierhoff, der 53 Jahre alte Ex-Nationalstürmer, im Stile des geschickten Strippenziehers mit der Flick-Verpflichtung seine Machtposition selbst abgesichert. Der durchaus am Job interessierte Ralf Rangnick hätte über kurz oder lang Bierhoffs Wirken hinterfragt.

Die Fans wollen mehr Konstanz, mehr Klasse

Klar ist: Flick muss das Aufgabenprofil umfassender bearbeiten als sein Vorgänger. Er werde sich als oberster sportlicher Kopf des Verbandes nicht nur die A-Nationalmannschaft betreuen, sondern sich auch „im Rahmen vieler weiterer Projekte und Initiativen unserer Direktionen, die alle Nationalmannschaften, die Trainerausbildung und die Akademie einschließen, einbringen“, erklärte Bierhoff.

Löw hatte sich aus den übergreifenden Themen meist fein herausgehalten. Deutlich mehr Präsenztage in der neuen DFB-Heimat, die Ende des Jahres fertiggestellt sein wird, sind für den gebürtigen Heidelberger aufgrund der räumlichen Nähe zu seinem Wohnort das geringste Problem.

Gemessen aber wird er natürlich daran, was die DFB-Auswahl künftig abliefert. Mehr Konstanz, mehr Klasse wünschen sich die Fans. Mit Flick hatte die Nationalmannschaft ihre beste Zeit, denn ohne Löws Co-Trainer wäre Deutschland kaum Weltmeister geworden, weil der sich 2014 um Themen kümmerte, die bei der bis dahin vergeblichen Titeljagd definitiv zu kurz gekommen waren: die Bedeutung von Standardsituationen etwa. Flick war derjenige, der hier entscheidende Kapitel in Brasilien orchestrierte. Das 1:0 im WM-Viertelfinale gegen Frankreich fiel nach einem einfachen Freistoß, den Mats Hummels ins Tor köpfelte. Und dann war da noch der komische Trick, bei dem Thomas Müller hinfiel.

Überhaupt: Müller. Der von Löw reaktivierte Herumtreiber war Ersatzspieler beim FC Bayern (und aussortiert bei der Nationalelf), als Flick im November 2019 übernahm und sofort die alten Identifikationsfiguren stärkte. Es wird interessant sein zu beobachten, ob der neue Bundestrainer Flick das oberbayerische Unikum Müller zum Mittun bei seinem ersten Großprojekt, der Wüsten-WM 2022 in Katar, überreden kann. Ob Löws Rückholaktion etwas bringt, wird sich Flick gleich im Stadion ansehen: Beim EM-Auftaktspiel Deutschland gegen Frankreich am 15. Juni will er auf der Tribüne sitzen. Seine erste Aufgabe wird ungleich leichter. Zum Debüt wartet am 2. September ein WM-Qualifikationsspiel in Liechtenstein.