Karl-Heinz Rummenigge ist seit zehn Jahren Vorstandschef bei Bayern München. Beim 57-Jährigen laufen alle Fäden zusammen, auch wenn Präsident Uli Hoeneß regelmäßig zweimal in der Woche im Büro ist. Zuletzt hat man von Rummenigge weniger gehört, im Interview hat er deshalb viel zu sagen.

Herr Rummenigge, erleben Sie gerade die entspannteste Phase, seit Sie vor zehn Jahren Vorstandschef beim FC Bayern geworden sind?

Ich bin, ehrlich gesagt, überhaupt nicht entspannt.

Warum denn das nicht? Die Bayern sind so gut wie noch nie eine Mannschaft in die Bundesliga gestartet und haben gerade heroisch 6:1 in der Champions League gewonnen.

Gerade schreibe ich an meinem Bericht für unsere Jahreshauptversammlung, die nächste Woche stattfindet. Dabei habe ich festgestellt, dass wir vor einem Jahr ganz ähnliche positive sportliche Voraussetzungen hatten wie in dieser Saison. Und am Ende sind wir dennoch nur dreimal Zweiter geworden. Ich hoffe, dass wir das dieses Mal besser machen.

Gibt es Hinweise für Sie, dass es nun anders ausgehen wird?

Wir sind gebrannte Kinder. Ich glaube, dass alle sehr bemüht sind, das zu verhindern, was in der vergangenen Saison passiert ist. Seinerzeit hatten wir zwischendurch immerhin acht Punkte Vorsprung vor Borussia Dortmund. Wir sind im Herbst 2011 ein Stück zu euphorisch mit der Situation umgegangen. Ich habe den Eindruck, dass das diesmal anders ist.

Sie lernen also gerade aus Ihren Fehlern?

Ganz genau. Deshalb herrscht Euphorieverbot beim FC Bayern.

Der deutsche Fußball macht international gerade einen hervorragenden Eindruck. Ihr Präsident Uli Hoeneß hat neulich erst gesagt, bei Borussia Dortmund handele es sich um eine „relativ regionale Sache“. Kann man diese Aussage nach den starken Spielen des BVB gegen Real Madrid so halten?

Ach, hin und wieder muss ein bisschen Frotzeln doch erlaubt sein. Das gehört im Fußball zum Geschäft dazu. Wir haben Respekt vor Borussia Dortmund. Wenn ich mir anschaue, wie die Kollegen in Italien verbal aufeinander einkeilen – da haben wir hier in Deutschland doch Verhältnisse wie im Paradies.

Mit dem Frankfurter Kollegen Heribert Bruchhagen sind Sie auch regelmäßig unterschiedlicher Meinung. Bruchhagen möchte nach wie vor, dass die Bundesliga auf 20 Klubs erweitert wird. Warum sind Sie dagegen? Bei vier Bundesligaspielen mehr könnten Sie Ihrer hervorragenden B-Elf doch sogar zu mehr Spielpraxis verhelfen!

Ich glaube, dass auch Heribert inzwischen ein Stück mehr Verständnis für die Klubs hat, die in der Champions League spielen und regelmäßig Spieler für die Nationalmannschaft abstellen. Ich kann ja seinen Wunsch verstehen, den er allerdings geäußert hat, als Eintracht Frankfurt sich in einer anderen Tabellenregion aufhielt. Ich glaube, dass wir einen Kalender haben, der nicht noch mehr aufgepumpt werden sollte.

Sind Spanien, England und Italien mit ihren 20er-Ligen also keine guten Beispiele?

Wenn ich mit meinen Kollegen dort spreche, habe ich den Eindruck: Die hecheln nur noch so durchs Jahr. Wir haben hier ein harmonisches Miteinander zwischen Bundesliga und DFB. Das war selten so fruchtbar wie derzeit. Und: Die Situation der Bundesliga wird durch die Einführung des Financial Fairplay noch besser, vorausgesetzt, der Uefa gelingt es, das seriös umzusetzen.

Haben Sie den Eindruck, dass das passiert?

Ich habe kontinuierlich Kontakt mit Uefa-Präsident Michel Platini und lege immer wieder den Finger in die Wunde. Die Frage, die sich für Platini stellt, ist: Was ist los mit Manchester City? Was ist los bei Paris St. Germain? Was passiert beim FC Chelsea? Die geben ihre Verluste bekannt, gemäß Financial Fairplay dürfen diese Verluste künftig nicht mehr anfallen. Noch befinden wir uns zwar in der so genannten „Soft Implementation“-Phase, in der es noch möglich ist, noch gewisse Verluste zu schreiben. Aber das Jahr 2014, für das entsprechende Bestrafungen drohen, rückt näher. Ich bin sehr gespannt, ob das Financial Fairplay am Ende des Tages so stringent und seriös umgesetzt wird, wie es die Uefa angekündigt hat.

Heribert Bruchhagen hat sich außerdem mächtig über die dreieinhalb monatige Sommerpause geärgert. Sie haben gegengehalten und gesagt, die Pause sei dringend notwendig für ihre Nationalspieler gewesen. Aber geht eine so lange fußballlose Zeit bei wunderbarem Wetter nicht am Interesse der Fans vorbei?

Ich verstehe Heribert grundsätzlich in dieser Frage sehr. Für Vereine ohne viele EM-Teilnehmer war die Pause zu lang.

Sie werden offenbar zum Diplomaten, Herr Rummenigge.

Nein, werde ich nicht, aber ich versuche mich durchaus, in die Lage des anderen zu versetzen. Die Eintracht hat im Sommer natürlich auch dreieinhalb Monate keine Einnahmen gehabt, wobei ich sicher bin: Durch den neuen TV-Vertrag, der ab 1. Juli kommenden Jahres in Kraft tritt, werden wir alle wesentlich mehr Geld aus den TV-Töpfen erhalten, so sind die drei Monate relativ einfach zu überstehen, denn jeder Klub wird positiv partizipieren.

Statt rund 430 Millionen Euro werden dann pro Saison fast 630 Millionen Euro pro Jahr aus der nationalen TV-Vermarktung der beiden Bundesligen eingenommen, plus 70 Millionen Euro aus dem Auslandsvertrieb.

Und eines sage ich Ihnen voraus: Ich bin überzeugt, je näher wir an das Jahr 2022 kommen, desto intensiver wird das Thema diskutiert, dass wir den europäischen Ligenfußball auf den Gregorianischen Kalender umstellen. Nur dann kann nämlich eine Weltmeisterschaft in Katar bei Außentemperaturen durchgeführt werden, die 40 oder gar 50 Grad nicht erreichen.

Sie gehen davon aus, dass dann auch in der Bundesliga die Saison am Beginn des Jahres anfängt und am Ende des Jahres aufhört?

Ich bin ja international relativ gut vernetzt, und ich fühle, dass das Pendel sich so langsam in diese Richtung neigt. Uefa und Fifa denken sehr ernsthaft darüber nach, Phasen exklusiv für die Nationalmannschaften einzurichten. Dann würde nicht mehr, wie zum Beispiel kommende Woche, zwischen Bundesliga und Champions League mal eben ein Länderspiel in den Kalender gezwängt, sondern es gäbe möglicherweise zwei Phasen mit je einem Monat, in denen die Nationalverbände exklusiv auf ihre Spieler zurückgreifen könnten. Das wäre auch gut für Joachim Löw: Er könnte dann mit den Nationalspielern taktisch viel intensiver arbeiten. Ich sehe da wesentliche Vorteile.

Und im Sommer würde durchgehend Bundesliga gespielt?

So könnte es kommen. Allerdings muss ich korrekterweise noch hinzufügen, dass bei den Kollegen in Südeuropa für diese Idee nicht sehr viel Freude aufkommt. Uefa und Fifa haben aber schon darauf hingewiesen, dass die Spiele in der Ferienzeit in Spanien oder Italien ja auch abends um neun oder zehn Uhr angepfiffen werden könnten. Also: Ich vermute, dass es soweit kommt und glaube, dass das für den Fußball ein Bonus sein kann.

Im zweiten Teil des Interviews äußert sich Karl-Heinz Rummenigge über die Nationalmannschaft und erklärt, warum er Eintracht Frankfurt zutraut, um internationale Plätze mitzuspielen.