Das Wada-Exekutivkomitee folgt der Empfehlung der unabhängigen Prüfkommission CRC und verhängt eine Vierjahressperre gegen Russland.
Foto: AFP/Yurika Dobonov

LausanneRussland wird von Sportgroßereignissen der nächsten vier Jahre teilweise ausgeschlossen. Das Exekutivkomitee der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), das jeweils zur Hälfte aus Vertretern von Regierungen und Sportverbänden besteht, reagierte damit am Montag in Lausanne auf die anhaltenden Doping-Manipulationen. Bei Weltmeisterschaften sowie den Olympischen und Paralympischen Spielen in Tokio (2020) und Peking (2022) können russische Sportler, die sich einem Dopingkontrollregime unterzogen haben, als „neutrale Athleten“ antreten.

Die russische Flagge und die russische Hymne wird es nicht geben. Alfons Hörmann hat als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes die Sanktionen gegen Russland begrüßt. „Wer über Jahre hinweg die Werte des Sports mit Füßen tritt, gehört auf die Strafbank. Insofern ist die heutige Rote Karte seitens der WADA nur die logische Konsequenz für das unablässige Manipulieren und Verstoßen gegen die Regeln des Weltsports“, sagte Hörmann in einer DOSB-Mitteilung am Montag. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hatte im Skandal um manipulierte Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor eine Vierjahressperre gegen Russland verhängt. Damit darf Russland als Nation unter anderem nicht an den beiden kommenden Olympischen Spielen in Tokio 2020 und Peking 2022 teilnehmen.

So könnte es zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar dazu kommen, dass Russland die Qualifikationsspiele als „Russland“ bestreitet, bei einer erfolgreichen Qualifikation dann aber unter einem anderen Namen antreten wird. All das muss zwischen der Wada, den derzeit 40 olympischen Sportverbänden und mehreren Hundert Unterzeichnern des weltweit gültigen Anti-Doping-Codes ausgehandelt werden.

Im Jahr 2014 war Sotschi noch Gastgeber Olympischer Winterspiele.
Foto: AFP/Andrej Isakovic

Verwirrung ist garantiert

Die Europäische Fußball-Union (Uefa) zählt wie andere kontinentale Verbände nicht zu den Unterzeichnern des Codes. Auch deshalb ist die Europameisterschaft im Fußball, bei der im kommenden Jahr vier Spiele in St. Petersburg ausgetragen werden, nicht betroffen.

Das russische Staatsdopingsystem wurde in den vergangenen Jahren hinreichend belegt. Die Wada und das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatten die russische Anti-Doping-Agentur Rusada und das nationale Olympiakomitee ROC nach Sperren dennoch wieder zugelassen. Der neuerliche Bann wurde nun wegen der Manipulation von Tausenden Daten im Moskauer Doping-Kontroll-Labor ausgesprochen. Die Ermittlungen laufen weiter. Die Wada erhofft sich beispielsweise Aufklärung über mindestens ein Drittel von 145 vertuschten Dopingfällen in den vergangenen Jahren – darunter sollen sich zahlreiche Olympiasieger befinden.

IOC-Präsident Thomas Bach, weltweit wegen seiner Nähe zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin kritisiert, hatte vorab angekündigt, die Wada-Entscheidung sei für das IOC bindend. Russische Verantwortliche kündigten wie erwartet an, den Bann juristisch anzufechten. Das Märchen von einer Verschwörung des Westens gegen angeblich unschuldige russische Sportler ist Staatsdoktrin. Regierungschef Dmitri Medwedew sprach von „antirussischer Hysterie“ und ungerechtfertigten Maßnahmen.

Gemäß Wada-Schiedsspruch soll es in den kommenden vier Jahren in Russland keine Weltmeisterschaften geben. Aus dem olympischen Bereich betrifft das Rodeln (2020), Volleyball (2022), Schwimmen (2022) und Eishockey (2023). Europameisterschaften, Weltcups und andere Events dürfen in Russland ausgetragen werden. Russland darf sich in diesen vier Jahren aber nicht um Weltmeisterschaften und Olympische Spiele bewerben. Der Bann wird also sogar längere Auswirkungen haben, weil Großereignisse teilweise viele Jahre im voraus vergeben werden.

Zuspruch des Doping-Urteils aus Deutschland

Der Teilausschluss beginnt, wenn Russland das Urteil akzeptiert. Binnen drei Wochen kann Russland Einspruch beim Welt-Sportgerichtshof Cas einlegen. Sollten sich die juristischen Auseinandersetzungen hinziehen, könnten sogar die Sommerspiele 2024 in Paris betroffen sein.

Verantwortliche des deutschen Sports begrüßten die Wada-Entscheidung. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gefordert, die Verantwortlichen „konsequent auszuschließen“. DOSB-Präsident Alfons Hörmann (CSU) erklärte, nun würden zwar „erhebliche juristische Auseinandersetzungen“ folgen, doch sei „dieser Weg alternativlos“. Wer über Jahre hinweg die Werte des Sports mit Füßen trete, „gehört auf die Strafbank. Insofern ist die heutige Rote Karte seitens der Wada nur die logische Konsequenz für das unablässige Manipulieren und Verstoßen gegen die Regeln des Weltsports“, sagte Hörmann.

Alfons Hörmann, DOSB-Präsident, findet es richtig, dass Russland wegen der Dopingvergehen bestraft wird.
Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Zahlreiche Aktivensprecher, auch aus Deutschland, hatten härtere Maßnahmen gefordert: einen Blanko-Bann ohne Ausnahmen.

Russland wurde jede Gelegenheit gegeben, reinen Tisch zu machen. Aber stattdessen hat es sich entschieden, weiter zu täuschen und zu leugnen.

Linda Helleland, Vizepräsidentin der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA)

Offizielle der russischen Regierung dürfen weder an Großereignissen teilnehmen, noch Führungspositionen in internationalen Sportgremien bekleiden. Das dürfte einige Dutzend Personen betreffen, jedoch hat das IOC im Fall des langjährigen Sportministers Witali Mutko, der ebenfalls gesperrt werden sollte, vor dem Cas bereits eine Niederlage erlitten. Vertreter der Wada, wie der neue Präsident Witold Banka, Sportminister Polens, erklärten, die Wada bewege sich mit diesem Schiedsspruch auf sichererem Terrain als in den vergangenen Jahren. „Die Regeln sind härter“, sagte der Brite Jonathan Taylor, der die Entscheidung mit seinen Ermittlern vorbereitet hatte: „Wir haben aus früheren Entscheidungen gelernt.“

Indes wurden in der Wada-Erklärung und auf der Pressekonferenz in Lausanne etliche offene Fragen deutlich. Die Definitionen der betroffenen Events sind im Wada-Code unsauber. Schlupflöcher bleiben. Man müsse flexibel vorgehen, erklärten die Wada-Vertreter. Die Einzelfallbetrachtung gelte für die Gegebenheiten in den internationalen Verbänden und für russische Sportler, die künftig als „neutrale Athleten“ an Großereignissen teilnehmen wollen.