Peking - Die Paralympics-Sieger von 2018, Anna-Lena Forster und Martin Fleig, werden bei der Eröffnungsfeier der Winter-Paralympics in Peking die Fahne des deutschen Teams tragen. „Beide sind Führungskräfte in ihren Mannschaften, nicht nur aufgrund des Alters, sondern aufgrund ihrer Persönlichkeit“, sagte Deutschlands Chef de Mission Karl Quade über die Monoski-Fahrerin und den Olympiasieger im Para-Biathlon.

„Es ist mir wirklich eine große Ehre und ich freu mich auch total, dass ich das mit dem Martin zusammen machen darf“, sagte die viermalige Weltmeisterin Forster. Es dürften nur ganz wenige Sportler diese Erfahrung machen, sagte der 32 Jahre alte Fleig. „Ich bin schon sehr, sehr lange dabei und das doch noch machen zu dürfen, auf meine alten Tage, freut mich sehr.“ Die Paralympischen Winterspiele werden am Freitag eröffnet.

dpa/Jens Büttner
Biathlet Martin Fleig unterstützt Anna-Lena Forster dabei, die deutsche Fahne ins Olympiastadion von Peking zu tragen.

Sie haben bereits eine erhebliche sportpolitische Vorgeschichte. Denn nach zahlreichen Boykott-Drohungen hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) am Donnerstag eine Kehrtwende hingelegt: Die russischen und belarussischen Athleten dürfen nun doch nicht bei den Paralympics in Peking starten. Keine 20 Stunden nach der umstrittenen Zulassung machte das IPC eine Rolle rückwärts, allerdings ohne dabei eine eigene Fehlentscheidung einzuräumen – es sei schlicht keine andere Wahl geblieben.

„Es war eine hohe Anzahl von Athleten, NPCs und Teams, die angekündigt haben, nicht gegen Russland anzutreten“, sagte IPC-Präsident Andrew Parsons. Dadurch sei die Durchführung der Spiele „gefährdet“ und eine Kehrtwende unabdingbar gewesen.

„Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle“, sagte Friedhelm Julius Beucher: „Am Mittwoch sind wir uns vor Trauer um den Hals gefallen, heute vor Freude.“ Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) sieht in dem neuen Beschluss „ein starkes Zeichen für Demokratie innerhalb der paralympischen Bewegung. Das Zusammenstehen sehr vieler Nationen hat für das dringend erforderliche Umdenken gesorgt.“

Für DBS war Boykott kein Thema

Er verspüre zwar „keine Genugtuung“, sagte Quade, „doch für die Paralympics und die besondere Lage hier vor Ort ist es die einzig richtige Entscheidung, um die Spiele gesichtswahrend durchzuführen.“ In der Mannschaftsleitung des deutschen Teams sei ein Boykott „kein Thema“ gewesen, so Quade weiter, sehr wohl habe es aber ein gemeinsames Positionspapier mit den Österreichern gegeben.

Als nahezu einziger großer Sportverband wollte das IPC gemäß Beschluss vom Mittwoch die Russen und Belarussen trotz des Angriffskriegs ihrer Heimatländer gegen die Ukraine als neutrale Athleten unter paralympischer Flagge antreten lassen – es folgte Entrüstung von vielen Seiten.

„Ich denke nicht, dass wir die Situation unterschätzt haben“, sagte Parsons. Es sei darum gegangen, „die Prinzipien und Werte dieser Organisation zu wahren und Krieg aus diesen Spielen rauszuhalten“. Doch die nun eskalierende Situation habe das IPC „in eine einzigartige und unmögliche Lage gebracht“. In den Dörfern habe es „große Bedenken wegen der Sicherheit“ gegeben, Quade bezeichnete die Stimmung dort als merkwürdig. Man habe „keine Hinweise zu Aggressionen in den Paralympischen Dörfern bekommen“, führte Parsons aus. Aber man wolle „diese ausschließen. Die Dörfer sind keine Plätze für Kämpfe.“

Russisches Paralympisches Komitee

Es sei deshalb „die richtige“ Entscheidung, auch wenn „niemand damit glücklich ist“, so Parsons. Athleten aus Deutschland bemängelten, dass das IPC „diese Entscheidung aus reinem Selbstschutz und nicht als Antwort auf die russische Aggression und den Bruch des Olympischen Friedens getroffen“ habe. DBS-Athletensprecherin Mareike Miller schrieb bei Twitter, dass sie sich „schäme, weil es nicht so klingt als wäre das IPC nun zumindest von dieser Entscheidung überzeugt“.

Noch am Donnerstagmorgen waren unter anderem drei russische Athleten beim Abfahrtstraining der Alpinen dabei. Wenige Stunden später folgte dann für alle 83 Sportlerinnen und Sportler der Bann. Parsons entschuldigte sich bei den Betroffenen. „Sie sind Opfer der Handlungen ihrer Regierungen“, sagte der 45-Jährige.

Das Russische Paralympische Komitee kündigte bereits einen Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof an. Mit Bedenken über die juristische Standhaftigkeit eines Ausschlusses hatte das IPC am Mittwoch zunächst argumentiert.