Berlin - Was tun, wenn man als Fußballprofi von seinem Trainer zunächst vom Kapitän zum Vize-Kapitän degradiert, schließlich beim ersten Saisonspiel nicht in der Startformation berücksichtigt wird? Nun, folgen Sie einfach dem Beispiel von Union-Profi Felix Kroos, der am Sonnabend nur sechs Minuten nach seiner Einwechslung, also erst in der 87. Spielminute, per Freistoß das spielentscheidende 1:0 gegen Erzgebirge Aue erzielte und letztlich von allen – auch von Trainer Urs Fischer – als Matchwinner gefeiert wurde. Wobei natürlich sogleich Erinnerungen wach wurden an den 23. Juni, als Toni Kroos im zweiten Gruppenspiel der Weltmeisterschaft gegen Schweden in der Nachspielzeit das 2:1 erzielte. „Wir wissen, dass Felix gut Freistöße schießt. Ein ruhender Ball kann im Fußball immer den Unterschied ausmachen. Und so ist es heute gekommen“, sagte Fischer.

Ein Kunstschuss aus 20 Metern war das an diesem 5. August, der alles vergessen ließ, was zuvor passiert oder eben nicht passiert war. Denn wie schon in der Vorbereitung offenbarten die Eisernen bei aller Leidenschaft auch allerlei Abstimmungsprobleme.  Nichts wollte gelingen, nichts glücken. Läuft die Lehre von Fischer etwa in die Leere? 24 Minuten waren gespielt, als  der neue Übungsleiter des 1. FC Union  eine Trinkpause zur leidenschaftlichen Express-Teamsitzung nutzte. Mit Geste und Wort wirkte er auf seine Spieler ein, vor allen Dingen auf  die beiden  Innenverteidiger Marvin Friedrich und Michael Parensen, denen der Schweizer schnell noch einmal zu vermitteln versuchte, wie Abwehrarbeit und Aufbauspiel auszusehen haben. Auch der zentrale Mittelfeldspieler Lars Schmiedebach bekam noch schnell einen Hinweis mit auf den Weg, bevor Schiedsrichter Benjamin Cortus per Pfiff die beiden Teams zum Weiterspielen bewegte.

Ängstlich und fehlerhaft

Doch von positiven Effekten keine Spur. Noch ängstlicher, noch fehlerhafter agierten die Unioner im Anschluss an die Unterbrechung, was die Anhänger schnell um die gute Saisonstart-Stimmung brachte. Bis Schmiedebach in der 42. Minute seinem Frust  durch einen fiesen Tritt gegen Gegners Knie Ausdruck verlieh und davor die Gelbe Karte sah, hatten die Gäste aus Aue gleich drei Möglichkeiten zur Führung. Die erste durch Mario Kvesic, der mit einem Freistoß voller Effet Unions neue Nummer eins, Rafal Gikiewicz, zur unkontrollierten Faustabwehr zwang (32.). Die zweite durch Fabian Kalig, der nach Eckball und Kopfballverlängerung am zweiten Pfosten einen Hinweis darauf gab, warum er es nicht als Stürmer, sondern als Abwehrspieler ins Profigeschäft geschafft hat (34.). Schließlich die dritte weitere zwei Minuten später durch Dimitrij Nazarov, der nach einem Querpass von Kvesic scheinbar die Orientierung verloren hatte. Ist das unser Tor? Oder doch das der Gastgeber? 

Und das Angriffsspiel der Unioner? Das erinnerte zum Verdruss der Anhänger gegen Ende der ersten Hälfte doch sehr an das Angriffsspiel der Unioner aus der Vorsaison. Akaki Gogia und Marcel Hartel entwickelten über eine Reihe von Ballverlusten anstatt Spaß am Spiel immer mehr Angst vorm Spiel; Linksverteidiger Ken Reichel, von dem man  sich in der Vorwärtsbewegung einiges verspricht, war durch den energischen Sören Bertram gebunden; Grischa Prömel, der für Felix Kroos von Beginn an ran durfte, verlor sich immer wieder in den Tiefen des Mittelfelds, während Mittelstürmer Sebastian Andersson allzu oft mit leichtfertig verlorenen Zweikämpfen seinen Kollegen das Nachrücken unmöglich machte. 

Keine Blöße

Natürlich wollte Fischer sich nicht schon in der Halbzeit die Blöße einer personellen Korrektur geben. Er schickte seine elf Vorbereitungssieger noch einmal aufs Feld, in der Hoffnung, dass das, was man sich  in sechs Wochen Feldforschung erarbeitet hatte, doch noch zum Ziel führt. Ab einem gewissen Punkt sah er sich dann aber doch zum Handeln gezwungen. Simon Hedlund kam für Gogia (59.), Joshua Mees für Kenny Prince Redondo (66.) und schließlich Felix Kroos für Schmiedbach (81.). „Klar freut man sich über so ein Tor. So kann ich gerne in die Saison starten. Wir haben das die Woche über mehrmals geübt, da war die Quote auch schon nicht so schlecht. Manchmal lohnt sich eben auch Training“, sagte Kroos nüchtern, grinste aber dabei.