Als ich am vergangenen Sonnabend das Olympiastadion mit sehr gemischten Gefühlen verließ, da war alles zwischen Trauer, Wut und Hoffnung, kam ein altgedienter Hertha-Fan auf mich zu. „Alles Mist“, zischte er nach der Nullnummer gegen Frankfurt, „wenigstens ist das Schlimmste nicht passiert. Wenn man im eigenen Stadion absteigt, ist das kaum zu ertragen. Aber, das ist uns erspart geblieben. Jetzt kann das Abrutschen in die Relegation nur noch im fernen Hoffenheim, in einem Dorf, passieren.“ Manchmal hilft nur Sarkasmus.

Ich weiß nicht, ob es schmerzhafter oder irgendwie doch erträglicher ist, wenn der Verein, mit dem man leidet, in einem fremden Stadion absteigt oder eben zu Hause. Ich habe als Reporter drei Abstiege von Hertha erlebt und dokumentiert und kann sagen: Über große Siege schreibt es sich leichter. Man kann sich auch als Beobachter der Dramatik und Tragik der Abstiegsszenerie einfach nicht entziehen.

Zwei Mal, 2010 und 2012, passierte das Unfassbare vor meinen Augen. Das erste Mal stieg Hertha unter Friedhelm Funkel in Leverkusen ab und zuletzt in der Relegation in Düsseldorf mit Trainer-Methusalem Otto Rehhagel auf der Bank. Wann der Abstieg 1991, also im Jahr eins nach dem Mauerfall, feststand, weiß ich nicht mehr genau. Es war ein leiser Abschied ohne größere Emotionen – jedenfalls bei mir.

Die damals nicht erstligataugliche Mannschaft, die eine dilettantisch agierende Vereinsführung ins Rennen geschickt hatte, stand schon ab dem zweiten Spieltag ununterbrochen am Tabellenende. Ich war, so meine verblassten Erinnerungen, lediglich enttäuscht, dass das auch für mich neue Abenteuer Erste Liga so schnell beendet war. Und das für einige Jahre.

Gescheiterte Rettungsmission

Den zweiten Abstieg, den ich als Reporter erlebte, habe ich deutlich vor Augen. Nach einer tollen Saison unter Lucien Favre, musste der Klub, der Schulden angehäuft hatte, wichtige Spieler abgeben. Die Großverdiener Marko Pantelic, Andrej Woronin und Josip Simunic verließen Hertha. Der Substanzverlust war zu groß. Schon nach sieben Spieltagen entließ Manager Michael Preetz seinen Chefcoach Favre. Preetz war erst drei Monate zuvor zum Nachfolger von Dieter Hoeneß gekürt worden. Funkel sollte es fortan richten. An einen Abstieg glaubte damals niemand. Auch ich nicht. Doch aus Funkels Rettungsmission wurde nichts.

Immer wieder vergab Hertha die Chance, die Abstiegsränge zu verlassen. Deutlichen Auswärtssiegen folgten schlimme Heimniederlagen, und Funkel erstaunte in der Krise mit der Aussage, man müsse ja nicht jedes Spiel gewinnen. Am vorletzten Spieltag spielte das Team im Leverkusen, war dem Abstieg näher als der Rettung. Nur ein Sieg ließ noch Platz für Hoffnung. Raffael brachte Hertha in Führung, ich hatte Gänsehaut auf der Tribüne. Aber dann köpfte Manuel Friedrich den Ausgleich. Der Endstand. Hertha war wieder nur zweitklassig.

Ich erlebte den bitteren Moment in den Katakomben des Stadions. Nur die Jagd nach ersten Kommentaren lenkte mich von meinem Frust ab. Der Abstieg, nach 13 Jahren und 441 Spielen in der Bundesliga, fühlte sich merkwürdig an, alles war so still, irgendwie beklemmend. Preetz, aschfahl im Gesicht, versuchte, Haltung zu bewahren. Er lief auf den Rasen, streichelte Raffael den Kopf und nahm Lukasz Piszczek in den Arm. Dann sagte er in die vielen Mikrofone: „Das ist ein ganz bitterer Augenblick für mich, für die Spieler, die Stadt, die Fans. Wir sind alle zerrissen.“

Auf der Rückreise nach Berlin spürte auch ich nur eine Leere im Kopf. Alle, die mit der Mannschaft arbeiteten – auch wir Journalisten – waren betroffen. Plötzlich Zweitligareporter zu sein, kratzte an meinem Ego. Einst waren wir in der Champions League nach London, Barcelona und Mailand geflogen, und nun sollte ich zu Auswärtsreisen nach Paderborn (damals noch Synonym für Zweitklassigkeit), nach Aue oder Aachen? Darauf hatte ich nur wenig Lust. Und es war nur ein schwacher Trost, dass ich in der nächsten Saison wieder über Siege berichten konnte.

Dann das dritte Mal, und es sollte noch schlimmer kommen. Hertha hatte wie beim ersten Abstieg vier Trainer verschlissen: Markus Babbel, Michael Skibbe, René Tretschok und Rehhagel. Mit dem Altmeister schaffte es Hertha am letzten Spieltag noch in die Relegation. Gegen Fortuna Düsseldorf.

Wild bellende Hunde

Das Heimspiel ging 1:2 verloren, ein Eigentor von Adrian Ramos versetzte Fußballberlin in Schockstarre. Nicht schon wieder! Das hält doch keiner aus! Das Rückspiel am 15. Mai 2012 geriet zum Skandal. Bengalos aus beiden Fanlagern und erste Unterbrechungen durch Schiedsrichter Wolfgang Stark begleiteten das Duell, das fünf Minuten vor Abpfiff 2:2 stand. Raffael hatte den späten Ausgleich erzielt. Dann musste das Spiel erneut unterbrochen werden, weil die Düsseldorfer noch mehr Pyrotechnik abbrannten. Noch sieben Minuten Nachspielzeit. Sieben Minuten zwischen Hoffen und Bangen und wütenden Berliner Angriffen.

Vor dem Gästeblock patrouillierten Polizisten mit wild bellenden Hunden, viele Düsseldorfer hatten alle Brüstungen überwunden und drängten sich dicht an dicht am Spielfeldrand. Die Szenerie war gespenstisch. Etwa neunzig Sekunden vor dem Ende stürmten die Fans dann den Platz, sie hatten einen Pfiff als den finalen gedeutet. Sie rissen Stücke aus dem Rasen, klauten den Elfmeterpunkt und feierten entrückt den Aufstieg. Die Mannschaften flohen in die Kabinen. Angst war ihr Begleiter.

Ich erlebte das Chaos in der Mixed Zone, hörte das Geschrei und die Flüche der Profis. Nach zehn Minuten wilder Diskussionen wurde das Duell noch mal fortgesetzt – unter irregulären Bedingungen. Fortuna stieg auf, das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Szenen wirkte unwirklich, zusammengeschnitten wie in einem schlechten Film. Hertha klagte gegen den Spielausgang, gab nach zwei Instanzen aber auf und akzeptierte den Abstieg. Seitdem steht das Wort Relegation auf dem Index.

Doch jetzt taucht es wieder auf. Denn wenn vieles gegen Hertha laufen sollte, drohen erneut zwei nervenaufreibende Spiele. Für solche war Hertha noch nie geeignet.

Michael Jahn, 63, war über 20 Jahre Hertha-Reporter der Berliner Zeitung, jeden Mittwoch erscheint seine Online-Kolumne „Ha! Ho! He!“– er will auch in Zukunft über einen Erstligisten schreiben.