Saisonstart der BR Volleys: Mit radikal erneuertem Kader und dem Blick fürs große Ganze

Neulich hat sich Kaweh Niroomand dienstlich bei der WM der Volleyballer umgetan, dem Weltturnier in Bulgarien und Italien. Niroomand ist ja in der Branche sehr bekannt.Das liegt an seinem Projekt, das er als Geschäftsführerder BR Volleys verantwortet und das offenbar ebenso bekannt ist wie er selbst. „Mich haben wirklich alle Leute darauf angesprochen, was wir hier machen“, sagt Niroomand.

Links neben ihm auf einem Podium in den Räumen eines Sponsors sitzt der neue Trainer Cedric Enard, rechts der neue Kapitän Sebastian Kühner, der als einer der wenigen Stammkräfte der Vorsaison geblieben ist. Sieben Zugänge haben die Volleys verpflichtet. „Ein Umbruch soll kein Bruch sein.“ Das sagt Niroomand auf der Pressekonferenz zum Saisonstart am Sonnabend bei den Grizzlys Gießen. Denn es soll erklären, dass der Deutsche Meister mit der personellen Radikalkur nicht den Kurs wechselt.

Meisterschaft als Muss

Im Sport ist oft vom Nutzen der Kontinuität die Rede, vor allem in Randsportarten wie dem Volleyball. Vielleicht, weil sich dort Kontinuität besonders schwer herstellen lässt. „Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, Spieler langfristig zu halten“, erklärt Niroomand, der mit einem Gesamtetat von etwas mehr als zwei Millionen Euro operiert. Kontinuität bedeutet für den Manager deshalb erst einmal, erfolgreich zu bleiben. „Wir sind in den letzten sieben Jahren sechseinhalbmal Deutscher Meister geworden“, sagt Niroomand halb im Scherz, halb im Ernst, schließlich geht es um die Titelverteidigung.

In der Champions League wollen die Berliner eine gute Rolle spielen, müssen Kontinuität auch dort hinbekommen, selbst wenn von zwanzig Teams nur acht weiterkommen, wie Niroomand vorrechnet, und „drei Polen, drei Italiener und drei Russen im Grunde gesetzt sind“. Die Champions League habe eine größere Zugkraft, sie erreiche mehr Fans. Sie sei die beste Vorbereitung auf die Play-offs in der Liga. Und, was wahrscheinlich am wichtigsten ist: „Viele Spieler kommen wegen der Champions League hierher.“

Neue Systeme etablieren

Möglicherweise gab das für Benjamin Patch am Ende den Ausschlag für einen Wechsel nach Berlin. „Er ist jung, hat aber einen Namen“, sagt Niroomand. „Jeffrey Jendryk gilt international als einer der talentiertesten Mittelblocker.“ Und Samuel Tuia, Außenangreifer, „ein überragender Mann in der Vergangenheit“. Mit 32 Jahren nicht mehr der Jüngste, aber unter Coach Enard „wird er noch mal einen Schub kriegen“.

Enard wird sich freuen, in Samuel Tuia und Nicolas Le Goff zwei Landsleute im Team zu haben, vorerst spricht der Franzose Englisch, spricht gerade über eine sehr konkrete Form von Kontinuität. Seine Mannschaft trainiert erst seit voriger Woche komplett zusammen. Am Anfang waren sie drei Mann, wurden fünf irgendwann, dann sechs. Die USA gewannen Ende September das kleine WM-Finale, mit Volleys-Libero Dustin Watten, mit den Neuberlinern Patch und Jendryk.

„Wir haben erst mal mit uns selbst zu tun, müssen die Systeme etablieren“, sagt Enard. Sie müssen jetzt auch noch Patchs zweiwöchigen Ausfall wegen Knieproblemen verkraften und die bis zu sieben Wochen Zwangspause von Moritz Reichert wegen eines doppelten Bänderrisses im Sprunggelenk.

Dafür schaut Enard recht entspannt vom Podium. Das mag am guten Klima liegen, das er im Kader ausgemacht hat. Es ist bei dieser Pressekonferenz ein zentrales Thema, immer dann, wenn es um die Kontinuität des Gesamtprojekts BR Volleys geht. Etwa um die Abgänge von Robert Kromm und Paul Carroll. „Wer solche Persönlichkeiten ersetzen will“, sagt Niroomand, „muss reinwachsen.“ Der Manager erzählt von Streitereien mit Carroll, heftig, aber konstruktiv. Es ging nicht nur ums Spiel an sich. „Paul hat auch angerufen, wenn ihm auf unserer Homepage was auffiel.“

Kooperation mit der Stadtmission

Einen Unsicherheitsfaktor gibt es immer, wenn ein Profi verpflichtet wird. Niroomand sagt: „Wir hoffen, dass wir keine Volleyballtouristen dabei haben.“ Spieler, die das Geld mitnehmen und sich im Mai in einen besser dotierten Job verabschieden. „Wir haben ein Gesamtbild geschaffen aus Sport, Nachwuchsarbeit, Event und Organisation“, sagt Niroomand. „Und dafür muss sich auch ein Spieler verantwortlich fühlen.“ Das schließt nicht nur das Engagement bei Autogrammstunden ein, den Kontakt zu den Fans.

Sport ist mehr als ein 3:1, sagt Niroomand: „Sport ist immer auch Politik – abseits der Parteipolitik.“ Deshalb kooperieren die Volleys mit der Berliner Stadtmission. Die setzt sich unter anderem für Obdachlose ein. So gesehen kommt die Formel „Kontinuität durch Erfolg“ noch mal zu einem ganz anderen Ergebnis.