Salomon Kalou vom Hertha BSC: „Es ist ein Gefühl, das man braucht“

Die anderen Spieler sind schon weg, aber Salomon Kalou lässt auf sich warten. Nach dem Vormittagstraining musste der immer noch schärfste Schütze von Hertha BSC – elf Ligatore – erst mal großflächig massiert werden. Mit einer Stunde Verspätung („looooong session“) schwebt Kalou, 32, in den Medienraum, gelockert, grinsend, begleitet von einer Duftwolke. Er trägt eine schwarze Collegejacke, dazu wie immer ein schwarzes Basecap – stilistisch spielt Kalou immer noch Champions League.

Herr Kalou, sind Sie der Spielmacher, den Hertha schon so lange sucht?

Ich habe heute mit Ondrej Duda gescherzt, dass wir nächstes Jahr die Nummern tauschen sollten. Er bekommt die Acht, ich die Zehn.

Was hat er dazu gesagt?

Dass ich die Zehn mit meinen beiden Assists in Frankfurt verdient hätte. Spaß beiseite: Ich mag die Position. Man hat das Spiel vor sich, mehr Optionen zu passen, zu dribbeln. Man ist häufiger am Ball als auf dem Flügel.

Sie kamen als Joker ins Spiel. Pal Dardai hat sie danach gelobt, dass sie die Entscheidung sehr professionell aufgenommen haben. Haben Sie?

Es war ausgemacht, dass ich mit frischen Beinen eine halbe Stunde spiele. Wir wussten, dass Frankfurts Kräfte schwinden werden. Sie spielen mit einer Dreierkette. Ich wusste, dass ich in Eins-gegen-eins-Situationen kommen werde. Dafür musste ich frisch sein.

Sie haben als Joker schon einige gute Spiele gemacht. Haben Sie Angst, den Stammplatz zu verlieren?

Nein, weil ich auch treffe, wenn ich in der Startelf stehe. Es geht für uns als Team darum, unsere Stärken auszuspielen. Wir haben viele Flügelspieler, die den Unterschied ausmachen können, indem sie die Stürmer perfekt in Szene setzen. Wenn wir das tun, schießen wir mehr Tore.

Gelingt das in den nächsten drei Spielen, könnte Hertha sich doch noch für die Europa League qualifizieren. Wie wichtig wäre das für den Klub?

Man entwickelt sich weiter, wenn man sich regelmäßig für die Europa League qualifiziert. Man sieht das an Rom und Liverpool, die im Halbfinale der Champions League stehen. Vor ein paar Jahren hätte das niemand geglaubt. Sie waren nicht international vertreten, haben sich dann Jahr für Jahr durch die Europa League verbessert.

Wenn Hertha Siebter wird, stehen drei Qualifikationsrunden an, um in die Gruppenphase einzuziehen.

Drei?

Die Uefa hat den Modus geändert.

Dann müssen wir Sechster werden. Wichtig wäre auf jeden Fall, durch einen erfolgreichen Schlussspurt, mit Selbstvertrauen in die neue Saison zu gehen. Das haben wir nicht immer geschafft.

Wie lautet Ihr Fazit? Was hat diese Saison gut funktioniert, was nicht?

Wir haben es nicht geschafft, die Doppelbelastung gut wegzustecken. Das war neu für den Klub, für das Management und auch für die meisten Spieler. Aber wir haben auch Charakter gezeigt und uns aus schwierigen Situationen befreit.

Warum fehlt die Konstanz?

Wir müssen die richtige Balance finden. Wir brauchen einen Matchplan, der noch mehr auf unseren Stärken beruht. Die Topteams haben eine Philosophie, wie sie spielen wollen. Das können wir auch, wenn wir unsere Stärken nutzen. Und jeder muss die Stärken und Schwächen der Kollegen kennen. Wenn das noch besser wird, bekommen wir mehr Konstanz. Dann wissen wir selbst, wenn wir keine gute Tagesform haben, was zu tun ist.

Sie waren in Gladbach erstmals Kapitän und haben ein sehr gutes Spiel gemacht. War das Amt ein zusätzlicher Motivationsschub?

Nein, es war sonnig. Aber im Ernst: Das ändert nichts an meiner Rolle. Ich will immer mit meiner Erfahrung helfen. Aber ich bin nicht der Typ, der laut wird. Ich probiere auf eine ruhige Weise meinen Mitspielern Mut zu machen.

Der aktuelle Klubslogan heißt „Die Zukunft gehört Berlin“. Gehört sie auch Hertha?

Berlin ist die Hauptstadt. Und wir der größte Klub in der Stadt. Wir haben uns in den vergangenen Jahren stetig gesteigert, auch dank der Zugänge. Die Jungs bringen uns auf ein neues Level. Das wird noch besser.

Der Zuschauerschnitt ist rückläufig.

Wenn man anfängt, noch mehr Spiele zu gewinnen, kommen mehr Leute ins Stadion. Die müssen nicht mal Fan sein. Sie werden kommen, wenn wir gut spielen und gewinnen.

Ihr Vertrag läuft noch bis 2020. Dann wären Sie sechs Jahre bei Hertha. So lange waren Sie …

… nur bei Chelsea. Ich hatte Optionen, noch mal woanders hinzugehen. Aber, wo ich mich wohlfühle, so wie in Berlin, dort will ich bleiben.

Vedad Ibisevic ist ihr Kumpel. Er hat kurz vor Ihnen seinen Vertrag verlängert. War das ein Grund, warum auch Sie geblieben sind?

Das war wichtig. Der einzige Weg, ein besseres Team aufzubauen, ist, wenn man Spieler mit Qualität hält und weitere Qualität holt. So kann das Team in ein paar Jahren ein Topteam der Bundesliga werden.

Verhindert nur das Berliner Wetter ein Karriereende bei Hertha?

Berlin ist eine wunderschöne Stadt. Es kommt darauf an, was ich nach meiner aktiven Zeit mache. Bisher habe ich noch keine Pläne.

Sie haben Liverpool erwähnt. Ist Mohammed Salah derzeit der beste Spieler der Welt?

Er spielt die beste Saison seines Lebens. Aber er wird erst der Beste sein, wenn er seine Leistungen wiederholt. Messi und Ronaldo spielen seit Jahren auf diesem Niveau.

Salah könnte nach George Weah 1995 der erst zweite afrikanische Weltfußballer werden.

Das wäre für Afrika fantastisch und er hätte es verdient. Ich hoffe, Liverpool gewinnt die Champions League. Aber selbst dann stehen seine Chancen bei fünfzig Prozent. Die Entscheidung wird zwischen ihm und Ronaldo fallen.

Es ist Salahs zweiter Versuch in England. Zuerst hat er es bei Ihrem alten Verein probiert. Warum hat es bei Chelsea nicht funktioniert?

Als Salah dort spielte, drehte sich alles um Eden Hazard. Er ist der Schlüsselspieler, besitzt alle Freiheiten. Sogar Willian muss dort richtig verteidigen. Wenn er zu einem anderen Klub wechselt, dann werden die Leute sagen: Das ist ein anderer Willian als bei Chelsea – ist er aber nicht. Er hat nur eine andere Rolle.

Sprechen Sie aus Erfahrung?

Als ich bei Chelsea war, hatte Didier Drogba diese Rolle. Er durfte die Tore machen, wir mussten rennen und verteidigen. Die anderen konnten ihre Offensivqualitäten gar nicht zeigen, weil wir immer ihm den Ball geben mussten. Salah musste erst nach Rom, um sich zu beweisen. Jetzt setzt Jürgen Klopp auf ihn. Und Salah zeigt, dass er ein Unterschiedsspieler ist. Aber er hatte diese Qualität schon vorher, sonst hätte ihn Chelsea nicht gekauft. Er hatte nur keine Möglichkeit, es zu zeigen.

Drogba ist einer Ihrer besten Freunde. Haben Sie ihm gesagt, dass Sie zwei Karrierejahre verloren haben, weil sie so viel für ihn laufen mussten?

Im Gegenteil. Als ich nach London kam, kannte ich diese Komponente des Spiels nicht. Das musste ich lernen. Das war gut. Bei Feyenoord war ich einer der Schlüsselspieler, habe meine Tore gemacht und nicht so viel verteidigt. Als Flügelspieler muss man aber verteidigen. Das hat José Mourinho gesagt. Deswegen haben wir Titel geholt.

Wie wichtig ist die Verbindung von Spieler und Trainer?

Haben Sie Fernando Torres bei Chelsea gesehen? Im Vergleich zu dem Liverpool-Torres? Es ist ein Gefühl, das man braucht. Aber es liegt nicht nur am Trainer. Es ist das Gesamtpaket. Auch der Klub, die Fans können den Unterschied ausmachen, gerade für einen Stürmer.

Bieten Hertha und Berlin Ihnen dieses Gesamtpaket?

Wir kreieren nicht so viele Chancen. Wenn wir angreifen, kann ich meine Qualität im Eins-gegen-eins zeigen und den Unterschied machen. Unsere Effektivität beweist, dass wir bereits eine große offensive Qualität haben. Wenn wir die mehr nutzen, gewinnen wir mehr Spiele.

Es ist bekannt, dass Sie sich sozial engagieren. Was macht Ihre Stiftung?

Für mich ist das ein Weg, etwas zurückzugeben. Ich fühle, dass das Fußballerleben nichts mit dem realen Leben zu tun hat. Wenn man nicht aufpasst, verliert man den Bezug zur Gesellschaft. Meine Stiftung hilft mir dabei. Derzeit bauen wir in der Elfenbeinküste eine Klinik, um Menschen mit Nierenschäden zu helfen. Viele leiden darunter und wissen gar nicht, dass sie krank sind. Es gilt die Menschen aufzuklären. Je mehr Wissen sie haben, desto mehr Fortschritte können sie machen. Das ist ähnlich wie beim Fußball.