Samuel Tuia von den Berlin Volleys steckt voller Energie.
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BerlinAm Abend nach dem Volleyballtraining in Charlottenburg hat sich Samuel Tuia auf die Massagebank gelegt. Der französische Volleyballer   von der Pazifikinsel Wallis und Fortuna ließ sich Arme, Beine, Schultern und Rücken durchkneten, die Muskeln unter seinen polynesischen Tattoos. „Die vielen Spiele sind nicht das Schlimme“, sagt Tuia, 33, lachend, „aber die langen Reisen. Ich bin ja schon ein bisschen älter.“

Gerade erst sind die BR Volleys von ihrem 8 000 Kilometer langen Champions-League-Ausflug aus Sibirien nach Berlin zurückgekommen. Von einer Reise, die mit einer 0:3-Niederlage gegen Fakel Novi Urengoi endete und am Sonnabend von einem Abstecher zum 3:2-Bundesligasieg beim VfB Friedrichshafen abgeschlossen wurde.

Samuel Tuia ist ein erfahrener Kämpfer

Nun empfängt der deutsche Meister gleich im Anschluss den russischen Meister Kusbass Kemerowo (Mittwoch, 19.30 Uhr, Eurosport) in der Max-Schmeling-Halle. Kemerowo ist eine Mannschaft, über deren Klasse BR Volleys-Manager Kaweh Niroomand sagt: „Es steht vielleicht nicht Zenit Kasan drauf, aber sportlich ist genauso viel drin.“ Tuia sieht das genauso: „Für dieses Spiel müssen wir physisch und mental 100 Prozent bereit sein, 100 Prozent geben. Da ist es gut, dass wir zu Hause antreten können.“

Da ist es auch gut, dass die Berliner einen erfahrenen Kämpfer wie Tuia im Team haben.   Einen, der Emotionen geriert und in die Mannschaft bringt. Einen, der seine Augen oft so weit aufreißt, dass aus ihnen Blitze in alle Richtungen zu zucken scheinen. „Ja, manchmal ist es gut, es sichtbar zu machen, dass wir unseren Gegner fertigmachen wollen“, sagt Tuia.

Kusbass Kemerowo schaffte es in der vorigen Saison, die nationale Dominanz von Zenit Kasan zu durchbrechen und zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte russischer Meister zu werden. Das aufstrebende Team aus Sibirien spielt seine erste Champions-League-Saison, gewann den Supercup und fegte im Champions-League-Hinspiel Ligakonkurrent Novi Urengoi mit 3:0 vom Feld.

Berlin Volleys müssen Verletzungen kompensieren

Überraschend verlor Kemerowo zuletzt in Ljubljana. Aber nach Slowenien waren die Russen ohne den verletzten Diagonalangreifer Viktor Poletaew gereist. „Da ging es ihnen wie uns“, sagt Tuia. Der Ausfall von Berlins Hauptangreifer Ben Patch war gerade wegen der Champions League für alle im Team ein Schock. „Wir haben von seiner Achillessehnen-Verletzung   am Flughafen erfahren, als wir schon auf dem Weg nach Sibirien waren“, erzählt Tuia. „Niemand hatte das erwartet. Ben hat zuletzt ja überragend gespielt. Wir alle haben so auf die Champions League hingefiebert. Und dann hat sich   auch noch Kyle verletzt.“

Kyle Ensing, Patchs Ersatz auf der Diagonalposition, zog sich im Spiel gegen Novi Urengoi eine Kapselverletzung am Knie zu. Beim 3:2 in Friedrichshafen fehlte er. Außenangreifer Cody Kessel sprang auf der Diagonalposition ein. „Cody hat das sehr gut gemacht. Aber wir hoffen, dass Kyle am Mittwoch zurück sein kann“, sagt Tuia. Der Kerl aus dem französischen Überseegebiet Polynesien hat die größte Handkraft im Team. Mit ihm lassen sich die härtesten Nüsse knacken. Er ist einer, der vorangeht, wenn es darauf ankommt. „Wenn wir spielen lache ich viel. Ich will meine Mitspieler positiv beflügeln. Ich will ihnen das Gefühl geben, bei ihnen zu sein, sie zu unterstützen, auch wenn sich der andere gerade in einer schlechten Phase befindet.“ Berlins Trainer schätzt Tuias Unermüdlichkeit. „Er gibt nie auf“, sagt Cedric Enard. Er lässt nicht locker, auch wenn er selbst nicht seinen besten Tag erwischt hat, versucht er weiter mit 100 Prozent Einsatz voranzugehen.

Mit allem, was auf ihn zukommt, umzugehen, hat Tuia schon mit 16 Jahren gelernt. Damals, als er seine tropische Heimat, das Wasser, die Fischerei, die Familie hinter sich ließ, um auf einer Sportschule bei Montpellier zu einem professionellen Athleten ausgebildet zu werden. Oder damals, vor acht Jahren, als er selbst in der russischen Liga bei Kusbass Kemerowo in Sibirien spielte und weder Russisch verstand noch lesen konnte.     Als er bei seinem ersten Restaurantbesuch die Speisekarte anstarrte, war für ihn klar: „Ich muss die kyrillische Schrift lernen.“ Das tat er in der Karaoke-Bar. „Die Leute lachen immer, wenn ich das erzähle, aber Karaokesingen ist in Sibirien wirklich populär. Und ich habe Kyrillisch beim Karaokesingen gelernt.“

Die Geschichte passt zu Tuia, dem Schlitzohr.   Zuletzt  in Friedrichshafen spannte Zuspieler Sergej Grankin ihn ebenso wie Moritz Reichert öfter als sonst zum Angreifen ein, um Kessel auf der ungewohnten Position zu entlasten. „Klar, wir haben mehr Bälle bekommen“, sagt Tuia. Das System, die Organisation, das Spiel der BR Volleys ist ohne Patch und dessen immense Abschlaghöhe ein anderes als mit ihm. Nicht ganz so variabel, besser auszurechnen vielleicht.       „Wenn Kyle rechtzeitig fit wird, haben wir beinahe wieder die alte Organisation.   Kyle ist ein sehr schneller Angreifer“, sagt Tuia. „Wichtig ist, dass wir unsere besten Aufschläge zeigen.“

Trainer Enard   meint sicher auch Tuia, wenn er fordert: „Wie am Sonnabend müssen auch am Mittwoch die erfahrenen Spieler vorangehen.“ Um dafür beste Voraussetzungen zu schaffen, kann eine Massage für den besten Kämpfer sehr hilfreich sein.