Sander Sagosen führte Norwegen bislang ohne Niederlage durch das Turnier. 
Foto: AFP/Jonathan Nackstrand

StockholmSeinen ersten Handball warf Sander Sagosen in Charlottenlund, ungefähr zehn Minuten   von der Spektrum Arena in Trondheim entfernt. In der Vorrunde der Europameisterschaft zeigte sich, dass er in seiner Heimat mittlerweile den Status eines Volkshelden genießt. Ekstatisch feierten   ihn mindestens 8 000 Zuschauer an den Spieltagen in der norwegischen Heimat.     Die vorläufige Krönung seiner Karriere soll aber in Schweden erfolgen. Nachdem er seine Mannschaft souverän durch die Hauptrunde in Malmö geführt hatte, stehen in Stockholm die entscheidenden Spiele   an. Zunächst am Freitagabend um 18 Uhr das Halbfinale gegen die Auswahl Kroatiens.

Dabei wollte Sagosen eigentlich einen anderen Weg einschlagen. Als 13-Jähriger zog er den Fußball vor, entschied sich aber wenig später für seine jetzige Profession. Eine Beschluss, den sein Vater Erlend mit Wohlwollen beobachtete. Der vierzehnfache Nationalspieler nahm sich seines Sprosses an, trainierte ihn im heimischen Garten und im hauseigenen Kraftraum. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch die Schwester und der Bruder dem Ruf des Handballs folgten.

Sagosen wechselt zum THW Kiel

Was seine Geschwister betrifft, mischte sich auch Sander in die Erziehung ein. Seinem kleinen Bruder Ciljan band er   beim Training den rechten Arm auf dem Rücken fest, unter dem Eindruck, dass der Familie ein Linkshänder guttun würde. Ein Ansatz, der zum Scheitern verurteilt war, aber zeigt, wie ambitioniert Sagosen schon in seiner Jugend agierte.

„Warum sollte man etwas anfangen, wenn man nicht der Beste werden will?“, fragte Sander Sagosen unlängst rhetorisch, „wenn du etwas willst, kann dich nichts stoppen. Und da ich überdurchschnittlich gut war, war es einfach daran zu glauben, dass ich etwas werden könnte.“ Mittlerweile trägt er das Trikot eines der renommiertesten Klubs der Welt. Mit Paris Saint-Germain stand er in den letzten drei Jahren zweimal im Champions-League-Finale, gewann die französische Meisterschaft und den Pokal. Doch Sagosen strebt weiter nach Höherem und möchte im nächsten Jahr beim deutschen Rekordmeister THW Kiel den nächsten Schritt seiner Entwicklung nehmen. „Die französische Liga wird langsam besser“, erklärt er, „aber die Bundesliga ist das Beste in der Welt.“

Der kompletteste Handballer der Welt

Handball-Deutschland darf sich auf einen leidenschaftlichen Handballer freuen, der sich fern jeder Starallüren bewegt. Sein Drang zum Tor und seine Wurfgewalt sind für die gegnerische Defensive ebenso eine Herausforderung wie seine unglaubliche Spielübersicht und die daraus hervorgehenden meist unerwarteten Pässe. In der EM-Statistik führt Sagosen mit 51 Treffern die Torschützenliste an.

Es gibt viele Meinungen, wer der beste Spieler der Welt ist, aber an dieser Diskussion beteilige ich mich nicht.

Sander Sagosen

Da der Rechtshänder mit seinen 1,95 Metern gleichermaßen im Mittelblock eine gute Figur macht, ist er zugleich ein wichtiger Rückhalt. Seine Ausbildung zum derzeit wohl komplettesten Handballer der Welt führte dazu, dass ihn die norwegischen Medien zum „König des Nordens“ kürten. Trotzdem bleibt er erfrischend bescheiden. „Es gibt viele Meinungen, wer der beste Spieler der Welt ist, aber an dieser Diskussion beteilige ich mich nicht“, sagt Sagosen, „für mich geht es darum, jeden Tag zu trainieren und mich weiterzuentwickeln.“

Die Zahlen sprechen für sich. Er ist erst der 57. Spieler, der mindestens 100 Treffer in seiner EM-Laufbahn   erzielen konnte und mit seinen 24 Jahren einer der jüngsten. Nur Nikola Karabatic unterbot bei seiner dritten Europameisterschaft 2008 diese Leistung. Der Vergleich mit dem Vereinskollegen und   dreimaligen Welthandballer wurde in den vergangenen Tagen häufig bemüht. Nicht zuletzt, weil der in die Jahre gekommene Franzose mit seiner Mannschaft bereits in der Vorrunde ausschied und die 26:28-Niederlage gegen Norwegen dieses Schicksal besiegelte.