Santiago Ascacibar kommt vom Zweitligisten VfB Stuttgart zu Hertha BSC.
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BerlinDie Reise geriet früh ins Stocken. Auf dem Airport in Frankfurt am Main warteten die Fußballer von Hertha BSC am Donnerstag zwei Stunden länger als geplant auf ihren Anschlussflug. Wegen technischer Probleme ging es gegen 15 Uhr erst weiter. Planmäßig an Bord war Ondrej Duda. Und ebenfalls dabei: Santiago Ascacibar. Der 22 Jahre alte Argentinier vom VfB Stuttgart ist der erste Winterzugang des Berliner Bundesligisten.

Jürgen Klinsmann, das hat er vor Wochen selbst verraten, hatte zuletzt mehrere Teams an möglichen Assistenten und Mitstreitern in petto, sollte er irgendwo auf der Fußballwelt einen neuen Job als Trainer angeboten bekommen. Auch in Südamerika, wo er kurz vor einem Engagement als Nationaltrainer von Ecuador stand, ehe ihn der Ruf von Hertha BSC ereilte, hatte er einige Spanisch sprechende Kandidaten im Kopf – und natürlich viele Informanten und Scouts. So kam der Kontakt zu   Ascacibar beim Zweitligisten VfB Stuttgart zustande, wo er einen Vertrag bis 2023 besaß.

Rat von Cesar Menotti

Klinsmann suchte sich Rat bei zwei sehr prominenten Argentiniern – bei Cesar Luis Menotti, 81, dem legendären Trainer, der Argentinien 1978 zum Weltmeistertitel führte. Und bei Osvaldo Ardiles, dem ehemaligen Mittelfeld-As dieser Weltmeister-Elf. Letzterer, inzwischen 67 Jahre alt, war einst Klinsmanns Trainer bei Tottenham Hotspur. Menotti, berühmt als „El Flaco“ (der Dünne) – so war zu erfahren – hat Klinsmann zum Kauf von Santiago Ascacibar geraten.

Der defensive Mittelfeldmann, dessen Lieblingsposition die eines Sechsers ist, gilt als großes Talent in und kam schon zu vier Länderspieleinsätzen für Argentinien. „Mit seinen 22 Jahren ist er ein junger und entwicklungsfähiger Mittelfeldspieler, der sehr zweikampfstark ist“, kommentierte Manager Michael Preetz die erste Verpflichtung der Transferperiode. Ascacibar habe einen „langfristigen Vertrag“ bekommen, teilte Hertha mit. Dem Vernehmen nach muss der Hauptstadtklub rund elf Millionen Euro an Sockelablöse an den VfB Stuttgart überweisen. Weitere Boni sollen im Vertragswerk verankert sein. Damit steigt Ascacibar zu einem der bislang teuersten Einkäufe der Hertha auf. Nur die Ablöse für Angreifer Dodi Lukebakio war im Sommer 2019 mit rund 20 Millionen Euro höher.

Ascacibar bestritt für Stuttgart in der Ersten und Zweiten Bundesliga insgesamt 74 Spiele. Er gilt als bissiger Profi, kam 2017 von Estudiantes de La Plata nach Stuttgart und kostete sieben Millionen Euro Ablöse. VfB-Sportdirektor Sven Mislintat bescheinigte dem Argentinier „stets vollen Einsatz und große Leidenschaft“.

Einmal waren diese Eigenschaften aber im Übermaß vorhanden, als er im April 2019 den Leverkusener Kai Havertz anspuckte und für sechs Spiele gesperrt wurde. Doch wegen seines Temperaments trauern viele VfB-Anhänger dem kleinen Profi nach, der vor der Abwehr konsequent die Gegner attackierte und immer hundert Prozent gab. Bereits nach dem Abstieg des VfB in Liga zwei wollte Ascacibar Stuttgart verlassen, bekam aber keine Freigabe. Der VfB signalisierte allerdings Gesprächsbereitschaft, sollte nach der Hinrunde ein lukratives Angebot kommen.

Klar will ich spielen. Aber ich habe keine Hoffnung.

Ondrej Duda

In seiner Heimat wird der junge Profi wegen seiner blonden Haare auch „El Ruso“ („der Russe“) gerufen. Mit seiner Verpflichtung wird es zu einem harten Konkurrenzkampf im Mittelfeld von Hertha BSC kommen. Dort tummeln sich derzeit Per Skjelbred, der zuletzt im Abstiegskampf Führungsqualitäten bewies, dazu die Liverpool-Leihgabe Marko Grujic, Vladimir Darida und Arne Maier. Duda, in der Vorsaison mit elf Toren und sechs Assists Herthas erfolgreichster Spieler in der Zentrale, will den Verein sofort verlassen, weil er unter Klinsmann keine Chance mehr sieht. „Klar will ich spielen. Aber ich habe keine Hoffnung“, hat Duda dieser Zeitung gesagt.

Weiter bemüht sich Hertha weiter um den Schweizer Nationalspieler Granit Xhaka vom FC Arsenal, der ein starker Denker und Lenker im Mittelfeld ist. Doch Arsenals Coach Mikel Arteta will ihn behalten.

Ascacibar ist der dritte Argentinier, der in der Ersten Liga für Hertha auflaufen wird. Zuvor gefiel der Angreifer Christian Gimenez, der in der Saison 2006/07 in insgesamt 36 Spielen dreizehn Tore schoss. Viel kürzer war das Intermezzo von Abwehrmann Leandro Cufre, auch einem Nationalspieler. Im Winter 2009 kam er bis Saisonende nach Berlin und lediglich zu fünf Einsätzen.

Santiago Ascacibar, davon kann man ausgehen, dürfte Hertha lange erhalten bleiben auf dem angestrebten Weg nach oben. Er sagt: „Ich gebe auf dem Platz alles, was ich habe, um meinem Team zu helfen.“ Herthas Anhang wird das sehr gefallen.