Sotschi - Da saß Robin Szolkowy in seiner samtigen, weinroten Nussknackerweste. Der Platz neben ihm blieb leer. Aljona Savchenko war weg. Irgendwo in den Katakomben der Eisberg-Arena allein mit sich, dem Schmerz und den Tränen. Der Paarläufer, der in diesem Moment nur ein Läufer ohne Partnerin war, schaute mit leerem Blick in den fensterlosen Raum voller Menschen ganz unten in den Katakomben der Eisberg-Arena. „Ich weiß nicht, wie das passiert ist. Mein dreifacher Toeloop hat sich in der Luft gut angefühlt. Und im nächsten Moment saß ich auf dem Eis. Das ist Eiskunstlaufen“, sagte er. Willkommen in unserer Welt.“

Die Welt von Robin Szolkowy und Aljona Savchenko ist ein Universum, bei der sich alles um den perfekten Auftritt dreht. Eine Welt, in der das Publikum am Ende Blumen in bonbonfarbigem Zelluloidpapier auf die Eisfläche wirft, wenn es besonders begeistert ist. Alles dreht sich um Hingebung und Akrobatik, um Perfektion und Eleganz. Um Zartheit und Kraft. Und all das, was große Anstrengung kostet, darf in der Kür nur Leichtigkeit sein.

In den vergangenen vier Jahren, kreiste die Welt von Robin Szolkowy und Aljona Savchenko nur um ein Ziel: die olympische Goldmedaille. Platz drei hatten sie bei den Winterspielen in Vancouver gewonnen. Es hatte sich damals wie eine Niederlage angefühlt. Und wer bei Olympia schon mal Dritter war, den motiviert nur die Aussicht auf Gold. Die war für das deutsche Paar als Zweiter nach dem kurzfristig umfunktionierten Kurzprogramm zur Pink-Panther-Musik noch immer da, auch wenn die beiden Russen Maxim Trankow und Tatjana Wolososchar knapp fünf Punkte in Führung lagen.

Der Versuch mit dem Joker

Aber zunächst legte am Mittwochabend das russische Paar Ksenia Stolbowa und Fedor Klimow vor. Die Menschen in der ausverkauften Eisberg-Arena riss es von ihren Plastiksitzen. Sie riefen: „Rossija, Rossija.“ Und als dann die Favoriten Trankow und Wolososchar, sie in Senfgelb, er in Senfgelb und Mayonnaiseweiß zur dramatisch schweren und oft atonalen Kürmusik von „Jesus Christ Superstar“ nahezu perfekte Pirouetten, Hebungen und Sprünge zeigte, war für die beiden Deutschen klar, dass sie eine Kür nah am Risiko laufen mussten.

Dann stürzte Szolkowy nach nicht mal einer Minute beim dreifachen Toeloop. Ein Fehler von ihm − wie vor vier Jahren bei den Spielen in Vancouver. Und auch wenn die beiden schnell wieder hineinfanden in die melodischen Klänge der Nussknacker-Suite, war der Zauber dahin, die Goldmedaille vergeben an Trankow und Wolososchar, Silber ging an Stolbowa und Klimow.

Es war ein russischer Doppelsieg und Maxim Trankow sagte später pathetisch: „Nach dem Teamwettbewerb haben wir die zweite Goldmedaille gewonnen. Ganz Russland hat mit uns gefiebert. Wir haben 50 Jahre nach Oleg Protopopow und Ljudmila Beloussowa Gold gewonnen. Ich gehe davon aus, dass das ganze große Russland diesen unglaublichen Sieg mit uns feiern wird.“

Kurz vor dem Ende der viereinhalbminütigen Kür probierte Aljona Savchenko noch das, was sie vorher Joker genannt hatte: den dreifachen Wurfaxel, einen gefährlichen und sehr spektakulären Sprung. Bei der Landung fiel sie hin. Und als die Musik zu Ende war, zuckte sie mit den Schultern. Er faltete die Hände, blickte flehentlich Richtung Hallendecke.

Innige Geste voller Verzweiflung

Sie fuhr in die eine Richtung. Er in die andere. Aber dann, als sie wieder Dritte waren – nur Dritte, als sie wieder auf diesen Podiumsplatz hinaufstiegen, da schlang sich das kleine Persönchen, das aus der Ukraine nach Chemnitz aufgebrochen war, um Olympiasiegerin zu werden, ganz eng und vertrauensvoll an den großen Mann, der diese samtfarbige Weste trug, die sie genäht hatte. Es war eine innige Geste voller Verzweiflung, Trost und Versöhnung. Und obwohl ihre Welt an diesem Abend weder glitzernd war, noch perfekt, sondern blass und voller Tränen, haben sich die beiden schließlich als Einheit präsentiert. „Vor vier Jahren in Vancouver war es einfach zu gewinnen. Heute war es schwer. Wir hätten wirklich alles sauber machen müssen. Aber die Paare vor uns waren alle so stark, da ist der dritte Platz eine tolle Leistung“, sagte ihr Trainer Ingo Steuer.

Auch wenig später, bei der Pressekonferenz, ließ Aljona Savchenko Robin Szolkowy nicht bis zum Ende allein. Zwanzig Minuten nach den anderen Medaillengewinnern huschte sie schließlich durch die Tür, setzte sich mit blassen Wangen hin und sagte: „Nach dem Sturz haben wir gesagt, lass uns das Beste draus machen. Letztlich haben wir die Bronzemedaille. Besser als nichts.“