Trainer mit Taktiktafel: Guerino Capretti hält vor Verls Spielern eine Ansprache.
Foto: Dünhölter/Imago Images

BerlinVerl gibt es, doch, wirklich, das ist verbürgt. Anders als das benachbarte Bielefeld muss sich die Stadt nicht gegen den Verdacht zur Wehr setzen, eine reine Erfindung zu sein. Rund 25.000 Einwohner, fünf Ortsteile und gemessen daran ganz schön viele Sportvereine. Die Handballerinnen spielen in der Oberliga Westfalen, die Baseballer sind in der NRW-Liga am Start. Ach ja, und die Fußballer natürlich, der Sportclub Verl 1924, kurz SC Verl, zweiter Platz in der Regionalliga West. Verl gibt es, kein Zweifel.

Warum das jemanden in Berlin und Umgebung interessieren sollte? Weil an diesem Mittwoch das Achtelfinale des DFB-Pokals ansteht (18.30 Uhr/Sky) und der 1. FC Union bei dem Klub aus der Nähe von Bielefeld, auf dem Sportclub-Arena-Rasenplatz an der Poststraße 26, was nicht als Information für Kurzentschlossene Union-Fans gedacht ist, da die Karten für die 5 153 Zuschauer fassende Sportstätte bereits unmittelbar nach Auslosung der Partie vergriffen waren. Die Glocke vermeldete seinerzeit, dass ein Mehrfaches an Tickets hätte veräußert werden könnten.   „Ich hätte bestimmt 11.000 bis 12.000 Karten verkaufen können“, hat der Vereinsvorsitzende Raimund Bertels der Zeitung verraten und bedauernd festgestellt: „Wer kein Mitglied ist, für den ist das hoffnungslos.“

Verls Trainer Capretti hat Grund zum Feiern

Diejenigen, die Platz gefunden haben in der Sportclub-Arena, werden auf ein Geburtstagsfest hoffen, soweit sie Guerino Capretti kennen und schätzen. Der ist Trainer des SC Verl und wird an ebendiesem Tag 38 Jahre alt.

Coach Capretti ist damit unwesentlich älter als Zlatko Janjic, der im Mittelfeld des SC Verl aktiv ist, sehr aktiv, denn elf Treffer gehen auf das Konto des 33-Jährigen. Überhaupt befinden sich die Fußballer aus Verl in chronischer Torlaune, während der bisher 18 Partien trafen sie 43-mal, offensiv erfolgreicher war nur der SV Rödinghausen, aber der ist ja auch Tabellenführer in der vierten Liga, hat allerdings drei Spiele mehr absolviert und zwei Tore mehr kassiert, 14 nämlich. Der Aufstieg muss somit keine derart ausgemachte Einbildung bleiben wie Bielefeld, jedenfalls der einschlägigen Verschwörungstheorie zufolge. Verl hat 43 Punkte, Rödinghausen 50. So viel zur Fußballarithmetik.

Etwas zugespitzt formuliert könnte man sagen, der SC Verl weiß gar nicht so recht, wie sich verlieren anfühlt. In dieser Saison gingen bisher nur zwei Punktspiele in die Hose, beim 0:2 zum Auftakt der Regionalliga gegen Wattenscheid und Anfang November beim 0:1 gegen Homberg. Dazu vier Unentschieden. Da läuft doch was. Das könnte auch der Arbeitstitel von Capretti für das Achtelfinale im DFB-Pokal gegen den 1. FC Union sein. Er sagt: „Wenn alles passt, kann an meinem Geburtstag vielleicht ein Wunder passieren.“

Spiel gegen Union ist ein "Bonbon"

So wie in den Pokalrunden zuvor. Dem FC Augsburg brachten die wackeren Ostwestfalen eine 1:2-Niederlage bei, wobei ein Eigentor des Augsburgers Marek Suchy in der 8. Minute das Tor weit öffnete, Ron Schallenberg nachlegte (23.) und die Gäste erst in der 83 Minute den Anschlusstreffer erzielen konnten, mehr dann aber auch nicht. Holstein Kiel eliminierte Caprettis Crew im Elfmeterschießen.

Wie heißt es so schön auf Fußballdeutsch: Der 1. FC Union ist gewarnt. Oder wie es der Vorsitzende gegenüber dem Sportinformationsdienst formulierte: „Wir sind nicht chancenlos. Was wir bis jetzt schon erreicht haben, ist sensationell – sowohl vom Sportlichen als auch vom Finanziellen her.“ 1,23 Millionen Euro bescherten dem Sportclub die Übertragungsrechte, noch einmal 1,4 Millionen Euro kämen bei einem Sieg gegen die Köpenicker hinzu.

Verls Trainer Guido Capretti schätzt die Partie gegen Union ein.

Quelle: Youtube

„Ein Bonbon“ nennt Bertels die Begegnung mit dem Bundesligisten. Der Drops ist noch nicht gelutscht, um im Bild zu bleiben, und wichtig ist ja nicht, was oben rauskommt, also aus dem Mund, sondern hinten. Trotzdem: „Eine einmalige Chance für uns auf so einer Bühne. Wir werden mit Herz spielen, aber auch mit Mut“, sagt Trainer Capretti in einem Youtube-Video. „Wir wollen ein gutes Spiel machen, da gehört natürlich auch ein bisschen Glück dazu. Wir müssen die anfängliche Nervosität ablegen. Wir versuchen, ein Tor zu schießen und keins zu kassieren. Und dann wäre ich top zufrieden.“

Und was kommt dann? 200 Kilometer Autobahn und der Bonner SC, am Sonnabend. Bonn gibt es wirklich, in der Regionalliga West zum Beispiel, auf Platz 13, aber das ist nun wieder eine ganz andere Geschichte.