Schach: Nachhilfe auf dem stillen Örtchen

Die wenig delikate Angelegenheit ging wieder einmal auf dem Klo über die Bühne. Das liegt sicher nicht daran, dass die Schachspieler auf ihren Partieformularen die kleine Rochade mit „0-0“ notieren. Beschiss auf dem stillen Örtchen hat erst Konjunktur, seit die Smartphones immer leistungsstärker werden und passable Programme auf diesen laufen. Im Vorjahr überschattete ein Betrugsfall die deutsche Einzelmeisterschaft, bei der der sächsische Champion Christoph Natsidis nach erstaunlichen Resultaten überführt wurde.

Seit dem letzten Spieltag steht nun auch der Vorwurf im Raum, dass es in der Schach-Bundesliga elektronisches Doping gibt. Im Visier: Die Partie zwischen dem SC Eppingen und dem SF Katernberg und wieder mit im Mittelpunkt: Sebastian Siebrecht, der auch schon zur Enttarnung von Natsidis beigetragen hatte. Diesmal geriet Falko Bindrich in sein Visier.

Fahndung auf der Herren-Toilette

Obwohl der Katernberger Siebrecht schnell einen Zug machte, fand sich sein Eppinger Gegner nicht am Brett ein. Auch der am Nebentisch spielende Mülheimer Pawel Tregubow, der tags zuvor gegen den nominell leicht schlechteren Bindrich verloren hatte, unterstellte Bindrich „Betrug“. „Ich suchte deshalb den Schiedsrichter“, erzählt Siebrecht – er fand ihn bei der Fahndung auf der Herren-Toilette.

Wegen Tregubows Verdächtigungen vom Vortag behielt Schiedsrichter Dieter von Häfen Bindrich besonders im Auge. Kurz nach Spielbeginn sei der Sachse erstmals verschwunden, „kurz nach 10.30 Uhr war er wieder weg“, eine Viertelstunde später nochmals. Weil nun auch Siebrecht misstrauisch geworden war, entschloss sich der Referee zu einer „Taschenkontrolle“. Als Bindrich aus den sanitären Anlagen kam, forderte ihn von Häfen dazu auf – der 22-Jährige zeigte sich trotz des laut dem Reglement legitimen Vorgehens „entrüstet“ und rückte sein Smartphone nicht heraus. Bindrich begründete dies in einer Stellungnahme mit „privaten Bildern und sensiblen Geschäftsdaten“, die er niemandem zeigen wolle – selbst der Eppinger Kapitän Hans Dekan konnte seinen Spieler nicht zur Herausgabe des Handys bewegen.

Fußstellung als Indiz

Obwohl der Schiedsrichter den Vorschlag machte, er möge nur kurz auf das Smartphone schauen und das Schachprogramm überprüfen, verweigerte sich der Großmeister standhaft. Dem Unparteiischen blieb folglich nur, Bindrich zu nullen. Titelanwärter Eppingen büßte so durch ein 3,5:4,5 gegen Außenseiter Katernberg wichtige Punkte ein und verzichtet bis zur Klärung der Vorfälle auf weitere Einsätze des Spielers aus Zittau.

Immerhin hat der 4,5:3,5-Sieg tags zuvor über Mülheim-Nord Bestand. Bundesliga-Spielleiter Jürgen Kohlstädt bestätigte nun dieses Endresultat. Schiedsrichter von Häfen hatte beim Saisonauftakt nicht genügend Verdachtsmomente konstatiert, weil der Großmeister „gegen 14.30 und 15.30 Uhr die Toilette aufgesucht und auch die Spülung betätigt“ hatte – danach blieb Bindrich sogar drei Stunden lang dem stillen Örtchen fern. „Dies hielt ich für eine normale Zeit zwischen zwei Toilettengängen“, notierte der Referee in seinem Bericht und ergänzte, „bis zum Ende der Partie, etwa eine Stunde später, ging er nicht mehr in diese Richtung.“

Bindrich verteidigt sein Vorgehen. Ihn widere das „Verfolgen, Abhorchen und Ausspionieren“ bis aufs stille Örtchen an. Er reklamiert „Rechtsstaatlichkeit“ und spricht sich gegen derlei „Schikane“ aus. Der 22-Jährige bestreitet Computer-Züge, schließlich sei ihm gegen Tregubow „keine Glanzleistung“ gelungen. Allerdings: Wie sich Siebrecht gut erinnert, sei Bindrich auf einem Schachserver schon Computer-Betrug nachgewiesen worden, als er Ex-Weltmeister Garri Kasparow geschlagen und exorbitante Resultate erzielt habe. Damals gab es kein womöglich entlastendes Indiz wie diesmal: Der 2,02 Meter große Siebrecht ging beim aktuellen Fall in die Knie und schaute unter der Toilettentür nach der „richtigen Fußstellung“, wie Bindrich pikiert vermerkt.