Chennai - Als ihr Landsmann Viswanathan Anand das Spiel eröffnet, klatschen die Zuschauer, zwischenzeitlich bekommt sogar fast jeder Zug des Titelverteidigers Applaus. Im Publikum wird auch geplaudert und laut gelacht, aber Anand und sein Herausforderer Magnus Carlsen haben kein Problem damit. Zwischen ihrem Brett und dem Zuschauerraum ist im Bankettsaal des Hyatt Regency Hotel eine Glaswand eingebaut worden. Das Klatschen, das Anfeuern, jedes Geräusch muss draußen bleiben, damit die Großmeister tatsächlich Großes vollbringen können.

Doch dann waren die Schachfans in der indischen Stadt Chennai, aber auch in aller Welt, enttäuscht von den beiden schnellen Remis zu Matchbeginn. Erst die dritte Partie am Dienstag war dann endlich nach aller Geschmack. Zwar endete auch sie remis, doch erstmals waren Risiko und Emotionen im Spiel.

Jeden Tag eine Zeitungsseite

„Ich war nervös“, fasste Carlsen sein Spiel zusammen. Schon ausgangs der Eröffnung habe er einiges übersehen. Der Norweger geriet trotz der weißen Steine in Nachteil und opferte später zur Verblüffung vieler Kommentatoren einen Bauern.

Anand seinerseits glaubte trotz des Bauerngewinns nicht recht an seine Chancen. „Ich war nahe dran, aber ich habe nichts Entscheidendes gefunden“, rechtfertigte sich der Inder. Um ja nicht noch in Verlustgefahr zu geraten, strebte er Figurentäusche an. So kam Carlsen sogar noch zu einem Vorteil, der auf diesem Niveau freilich symbolisch war. Nach nicht ganz fünf Stunden hatte jeder nur noch einen Läufer und es wurde Frieden geschlossen.

Für kurze Zeit scheint in Indien die Vormacht des Crickets gebrochen zu sein. Der Presseraum hier ist größer als bei den letzten Weltmeisterschaften in Moskau, Sofia oder Bonn und trotzdem ausgebucht. Reporter tippen ihre Stücke am Boden oder ziehen sich in die Lobby zurück. Die meisten indischen Zeitungsreporter müssen jeden Tag eine volle Seite füllen.

Ihr erstes Skandälchen bekamen sie mit dem Eintreffen von Garri Kasparow. Journalisten hörten mit, als der Geschäftsführer des indischen Schachverbands Anweisung gab, den früheren Weltmeister nicht in den Presseraum zu lassen. Hintergrund ist, dass der Russe die Führung im Weltschachbund (Fide) ablösen will, doch diese unterstützt auch der indische Verband.

Kasparow wird seitdem von Journalisten belagert, hat ständig Interviews gegeben und scherzte neulich auf Twitter: „Vielleicht wäre es doch keine schlechte Idee, wenn die Medien erst die Erlaubnis des indischen Verbands einholen.“ Unmittelbar vor dem dritten Spiel erkannte der Präsident des indischen Schachverbands den Fauxpas seines Geschäftsführer und lud Kasparow ein, die Partie gemeinsam zu verfolgen.

Schachpolitik war auch bei der Vergabe des Wettkampfs im Spiel. Magnus Carlsen drängte vergeblich auf eine Ausschreibung, weil er noch nie in den Tropen gespielt hatte. Doch Fide-Präsident Kirsan lljumschinow hatte den Wettkampf vorzeitig seinen Parteigängern in Indien versprochen, um sich bei der im kommenden Jahr anstehenden Wahl gegen Kasparow die Stimmen der Entwicklungsländer zu sichern.

Ein paar kostenlose Stehplätze

Finanziert wird die Weltmeisterschaft vom südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Bis zu 290 Millionen Rupien, umgerechnet 3,6 Millionen Euro lässt sich die Region den Wettkampf kosten. Am Eingang des Hotels prangt ein großes Transparent mit der Aufschrift „Thank you, Amma“, danke Mutter. „Amma“, tamilisch für Mutter, lässt sich Jayalalithaa Jayaram nennen. Sie ist Premierministerin von Tamil Nadu. Das Konterfei der früheren Filmschauspielerin ziert die Wand hinter Carlsen und Anand, während sie spielen und wenn sie vor die Presse treten.

„Ich bin hier sehr gut empfangen worden“, sagte Carlsen und räumte ein, dass sich all seine Befürchtungen als übertrieben erwiesen haben. Tatsächlich könnten die Spielbedingungen kaum besser sein. Einige ausländische Reporter und Teammitglieder der Spieler haben das Hotel allerdings noch kein einziges Mal verlassen. Schon hinter der Einfahrt warten Schmutz, Lärm und Armut.

Viele in Chennai müssen einen ganzen Monat mit umgerechnet 25 Euro auskommen. Das ist der Preis eines Tickets für die Weltmeisterschaft. Wer sich das nicht leisten kann, darf auf einen kostenlosen Stehplatz für eine halbe Stunde hoffen. Doch zum Zug kommt praktisch ausschließlich die Mittelschicht. Schach ist in Indien kein Spiel für arme Leute.