CHENNAI - Drei Wochen waren für die Schach-WM angesetzt, entschieden wurde das Match wohl binnen 29 Stunden. Am Freitagnachmittag setzte sich Titelverteidiger Viswanathan Anand unbesiegt ans Brett. Am Sonnabendabend war der 43-Jährige ein gebrochener Mann. Gleich zwei Mal hintereinander hatte ihn nämlich der halb so alte Magnus Carlsen in stark vereinfachten Stellungen mit nur noch König, Turm und Bauern vorgeführt. „Das war ein schwerer Schlag. Da kann ich Ihnen nichts vormachen“, sagte Anand. „Was soll ich sagen, manche Tage laufen eben so.“ Während der sechsten Partie strich er auffällig oft mit den Fingern über sein Gesicht. So nervös hatte man ihn selten gesehen. Carlsen dagegen wurde immer gelassener, schlug immer wieder am Brett die Beine übereinander.

Nach seinem Sieg am Vortag habe er sich vorgenommen, seinen angeschlagenen Gegner in einer langen Partie unter Druck zu setzen, ohne selbst viel zu riskieren, sagte der Norweger. Dieser Plan ging voll auf. Dabei profitierte er von Anands Zögerlichkeit mit den weißen Steinen und dessen schwer verständlicher Aufgabe eines Bauern. Danach verteidigte sich Anand zunächst geschickt. Nahezu die gesamten fünf Stunden Spielzeit über rechneten die Experten mit einer Punkteteilung. „Die Stellung war remis, aber ich hatte noch eine kleine Falle“, sagte Carlsen über ein Bauernopfer, mit dem er seinem König den Weg in die gegnerische Stellung ebnete.

Fehler gnadenlos ausgenutzt

Anand entdeckte die Pointe einen Zug zu spät. Hinterher war ihm klar, wie einfach er auf remis hätte gehen können. Nachdem er seinen Fehler bemerkte, gab er sich auf und verpasste einen immer noch möglichen Pfad zum Remis. Zum Verhängnis wurden zwei eigene Bauern, ohne sie hätte er den schwarzen König von der Seite Schach bieten und sich retten können.

Die fünfte Partie war ähnlich verlaufen. Ein typischer Carlsen-Sieg: Geduldig manövriert der Weltranglistenerste mit einem kleinen Vorteil, ohne seinem Gegner einen leichten Remisweg zuzugestehen. Am Ende nutzt er dessen Fehler gnadenlos aus. Als „gesunde Führung“ bezeichnet Carlsen das nunmehrige 4:2. Die meisten Experten halten es für eine Vorentscheidung.

Anands Anhänger ziehen Hoffnung daraus, dass er in seinem letzten Titelkampf gegen Boris Gelfand eine Niederlage postwendend ausgleichen konnte. Auch 2010 gegen Wesselin Topalow machte er einen frühen Rückstand wett. Doch es werden auch Erinnerungen an 1995 wach, als Anand bei seiner ersten WM gegen Garri Kasparow nach einer Niederlage auch noch drei der nächsten vier Spiele verlor. Oder an 1994, als er bei einem Kandidatenmatch gegen Gata Kamsky eine 4:2-Führung zu einem 4:6 verpatzte.

In den direkten Vergleichen mit Carlsen ist Anand zwar noch mit sechs zu fünf Siegen vorn, sein letzter Sieg datiert allerdings schon drei Jahre zurück. In Chennai erreichte er in den ersten drei Spielen durchaus Stellungen, die sich chancenreich auf Gewinn spielen ließen, zog es allerdings vor, nichts zu riskieren. Ramesh, ein junger Großmeister aus Chennai, der die Partien fürs Internet und Fernsehen kommentiert, will sein Vorbild noch nicht abschreiben: „Anand hat noch Chancen, wenn er es am Ruhetag schafft, den Kopf wieder frei zu kriegen.“ Am Sonntag war spielfrei.

Carlsen nutzt diese Gelegenheiten, um sich aus dem Zentrum Chennais in ein Hotel südlich der Stadt zurückzuziehen. Vor seinen beiden Siegen hat er dort am Strand Fußball und Beachvolleyball gespielt, berichtet sein Manager Espen Agdestein. „Magnus wollte gar nicht aufhören. Das ist seine Art runterzukommen.“ Alle anderen waren erschöpft, sagte Agdestein, „zum Glück haben wir spielfrei, wenn die Partien sind“.