Die Wintersportnation Norwegen hat ein neues Idol – und das hat mit Eis und Schnee nichts am Hut. Seit Magnus Carlsen im indischen Chennai um die Schach-Krone kämpft, kennt der Hype um den 22-Jährigen keine Grenzen. Einer Umfrage zufolge rangieren in der Gunst der Sportfans nur noch die mehrfachen Langlauf-Olympiasieger Petter Northug und Marit Björgen vor dem Schachspieler. „Die Angestellten arbeiten nicht mehr, die Studenten studieren nicht mehr, in den Schulen lassen die Lehrer den Fernseher laufen“, sagt Carlsens Manager Espen Agdestein. Und die Schach-Begeisterung macht selbst vor Biathlon-Idol Ole Einar Björndalen und seinen Mannschaftskollegen nicht halt. Auf ihren Smartphones und per Livestream verfolgen sie im Trainingslager die WM-Partien zwischen Carlsen und dem indischen Titelverteidiger Viswanathan Anand. „Carlsen ist eine Klasse für sich. Ich habe keine Worte dafür, wie er das macht“, sagte Björndalen der Boulevardzeitung VG: „Ich hoffe, er gewinnt.“

100 Stunden im Fernsehen

Die Chancen stehen gut: Beim Stand von 5:3 braucht der Herausforderer nur noch 1,5 Punkte zum Sieg. Das neunte Duell findet am Donnerstag statt. Die Live-Berichterstattung des staatlichen Fernsehsenders NRK übertrifft ebenfalls alle Erwartungen, mit teilweise über 40 Prozent Marktanteil sind die mehrstündigen Übertragungen am Vormittag zum Straßenfeger geworden. Am ersten Wochenende sahen über 700 000 Menschen die Berichterstattung – in einem Land mit einer Einwohnerzahl von gerade einmal fünf Millionen. Die Rechte für die TV-Übertragungen soll sich NRK für 1,5 Millionen Euro gesichert haben. Insgesamt werden 100 Stunden Schach im Fernsehen übertragen.

Dutzende norwegische Journalisten berichten in Chennai vor Ort. Sowohl über Gehaltvolles, als auch über Belangloses. Und das nicht nur über Carlsen, sondern auch über Gegner Anand. So weiß der geneigte Leser in Norwegen jetzt, was der noch amtierende Weltmeister Anand am liebsten isst („meist indisch, aber auch italienisch und chinesisch“), welche Filme er in den Pausen bevorzugt („Herr der Ringe“) oder welche Musik er hört („Coldplay“). Die Tageszeitung Dagbladet führte sogar ein Interview mit der russischen Schachspielerin Alexandra Kostenjuk, die Carlsen 2009 bezwang – allerdings wegen eines technisches Fehlers. Carlsen hatte verbotenerweise zuerst eine Figur berührt und dann eine andere gezogen.

Ist Schach Sport?

Unterdessen ist auf der sportpolitischen Ebene eine Diskussion ausgebrochen, ob Schach als Sport anzusehen ist. Bisher ist der Schachverband nicht Mitglied der norwegischen Sport-Dachorganisation (NIF). Gespräche darüber sollen nach der WM allerdings folgen. NIF-Präsident Börre Rognlien will Carlsen offenbar aus strategischen Überlegungen „enger an uns binden“. Eine Einladung, das Norwegen-Haus bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi zu besuchen und dort ein Showmatch zu bestreiten, sprach er bereits aus.

Und Carlsen selbst? Der gibt sich vom Trubel um seine Person genauso unbeeindruckt wie bisher von den Angriffen seines Gegners auf dem Schachbrett. Ihn freue das Interesse, sagte Carlsen und versprach, sein Bestes zu geben. (sid)