Sein liebstes Hobby beschreibt Lars Thiede überraschend lieblos: „Unser Sport ist unspektakulär, und ich bin ein furchtbar langweiliger Spieler“, berichtet er. Im Vergleich mit anderen Disziplinen gehe die seine völlig unter. „Selbst Sportgymnastik ist populärer“, sagt der junge Mann – und lächelt schließlich verschmitzt.

Ganz so schlimm ist es dann wohl doch nicht. Zumal Thiede sogleich erklärt, er käme natürlich nie und nimmer auf die Idee, von seinem Hobby loszulassen, selbst wenn er an manchen Tagen bis zu sieben Stunden benötigt, um seinen Gegner zu besiegen – oder am Ende doch nur matt im doppelten Sinne des Wortes zu sein.

Kampf Mann gegen Mann

Lars Thiede spielt Schach. Doch was heißt, er spielt? Der Mann vom Bundesligateam Schachfreunde Berlin ist ein Meister seines Fachs, genauer gesagt, Internationaler Meister. Das wird man, wenn man bei mindestens zwei hochkarätigen internationalen Turnieren möglichst weit vorn landet und obendrein ein gutes Rating hat, das über die Anzahl der sogenannten Elo-Wertungspunkte eines Spielers ermittelt wird. Beides schaffte Thiede vor genau zehn Jahren, so dass er sich seitdem Internationaler Meister nennen darf.

Wenn Thiede vor dem Brett mit den 64 Feldern und 32 Figuren sitzt und die Spieluhr zu ticken beginnt, taucht er ab in eine andere Welt. Von wegen furchtbar langweilig. „Ich mag den Moment, in dem das Spiel beginnt, der Kampf Mann gegen Mann oder Team gegen Team“, sagt der 47-Jährige.

Früher sei er durchaus ein Draufgänger am Brett gewesen, da habe er sich auch mal ungestüm in eine Partie gestürzt. Heute versucht er eher mit Geduld, kluger Taktik und durchdachter Strategie einen Gegner niederzuringen. „Ganz langsam. Zug um Zug.“

Der Fokus liegt auf den Talenten

An diesem Wochenende startete Thiede mit seinen Schachfreunden in Meißen erfolgreich in die neue Bundesligasaison. Gleich zum Auftakt am Sonnabend bezwangen die Berliner den Aufsteiger SK Norderstedt 5:3. Am Sonntag siegten sie auch noch gegen den favorisierten Hamburger SK 4,5:3,5. „Unser Ziel ist es, die Klasse zu halten“, sagt der Mannschaftsführer.

Seit 1997 spielen die Schachfreunde in der höchsten deutschen Spielklasse. Nur einmal waren sie zwischenzeitlich in Liga zwei abgerutscht, um sofort wieder aufzusteigen. Die bisher erfolgreichste Saison war 2015/16. Damals überraschten sie Gegner, Experten und wohl auch sich selbst mit dem 5. Platz. Allerdings hatte die Euphorie ein schnelles Ende. Im Vorjahr belegte das Team Platz zehn.

„Das entspricht schon eher unserem Niveau“, sagt Thiede. Mehr sei kaum möglich. „Auch im Schach schießt Geld Tore.“ Soll heißen: Die meisten anderen Bundesligateams seien deutlich besser besetzt als die Schachfreunde Berlin. Mannschaften wie Baden-Baden, Solingen oder Hoffenheim haben weltbekannte Großmeister und langjährige Weltmeister in ihren Reihen.

Viswanathan Anand, Schachweltmeister von 2007 bis 2013, spielt etwa für den mehrfachen Deutschen Meister OSG Baden-Baden ebenso wie der Italo-Amerikaner Fabiano Caruana, aktuell einer der Top-Spieler der Welt. Der Russe Anatoli Karpow, der zwischen 1975 und 1985 als Weltmeister die Schachwelt dominiert hatte und sich bis 1990 spektakuläre Kämpfe mit seinem Nachfolger Garri Kasparow geliefert hatte, setzt die Figuren heute für den Schachverein Hockenheim.

Die Schachfreunde Berlin gibt es bereits seit 1903

Der Ukrainer Wassili Iwantschuk, der im vergangenen Dezember Weltmeister Magnus Carlsen (Norwegen) bei der Blitzschach-WM entthronte, ist ebenfalls in einem deutschen Verein aktiv: beim DJK Aachen. Um nur einige zu nennen. Wohl zu Recht wird die Bundesliga deshalb als stärkste Liga der Welt bezeichnet.

Da hat es ein Team wie die Schachfreunde Berlin nicht leicht, obwohl auch die Hauptstädter mehrere Großmeister, Internationale Meister und Prominenz in ihrem Team haben, allen voran den polnischen Champion und Großmeister Kacper Piorun, den armenischen Schachgroßmeister Hrant Melkumjan oder den Erfurter Martin Krämer, Großmeister und einer der besten deutschen Spieler. Künftig aber will sich der Verein stärker um eigenen Nachwuchs kümmern und Talente in Schach-AGs an Schulen und Universitäten fördern.

Zentrale Endrunde der Schach-Bundesliga in Berlin

Dass es die Schachfreunde bereits seit 1903 gibt, damals als Schachklub Neukölln gegründet, beweist, dass die seit Jahrtausenden betriebene Sportart durchaus ihre Anziehungskraft hat. Die könnte in Berlin in Zukunft noch zunehmen, denn im nächsten Jahr werden die Schachfreunde Ende April/Anfang Mai zum zweiten Mal die zentrale Endrunde der Schach-Bundesliga im Hotel Maritim mit allen 16 Mannschaften ausrichten, nachdem die Premiere in diesem Jahr ein großer Erfolg gewesen ist.

Und da sich Berlin einmal als globale Schach-Arena etabliert hat, wird in der Stadt im kommenden Jahr noch ein weiteres großes Turnier ausgetragen: Vom 10. bis 28. März soll hier in einem Kandidaten-Turnier der nächste Herausforderer für den amtierenden Schachweltmeister Magnus Carlsen ermittelt werden.

Der Auftritt von Magnus Carlsen war unvergesslich

Der ist den Berliner Schachfreunden übrigens bestens bekannt – aus dem Swimmingpool auf Kreta. Thiede klärt auf: Er und sein Vereinskollege Rainer Polzin hatten Carlsen vor 13 Jahren während eines Europapokal-Wettbewerbs getroffen. Der Norweger war damals gerade Großmeister geworden, mit 14 Jahren.

„Mein Vereinskollege fragte ihn spontan, ob er nicht Lust hätte, bei uns in der Bundesliga zu spielen.“ Und siehe da, das junge Schachgenie sagte tatsächlich zu. Lange blieb Carlsen nicht in Berlin. „Aber sein Auftritt hier ist für uns bis heute ein unvergessliches Erlebnis“, sagt Thiede, der übrigens als Anwalt arbeitet. Spezialgebiet? „Steuern“, sagt Thiede. „Genau so langweilig wie Schach...“