Claudia Pechstein, die nächste Runde! Das war zu erwarten. Doch bei der neuesten Etappe des Gerichtsmarathons, die am Mittwoch früh vor dem Landgericht München begonnen hat, geht es nicht nur um die Eisschnellläuferin, sondern um einiges mehr. Das Lager von Claudia Pechstein bläst zum Generalangriff auf die Sportgerichtsbarkeit. "Das ist ein ganz wichtiger Tag", sagte die Berlinerin vor dem Gerichtssaal.

Der Eislauf-Weltverband (ISU) hatte bereits am Abend davor einen Vergleich mit der fünffachen Olympiasiegerin ausgeschlossen.

Zunächst gilt es jedoch, einige Dinge klarzustellen, die hartnäckig durch die Medien geistern. Es ist nämlich mitnichten erwiesen, dass der hohe Retikulozytenwert, der 2009 zur zweijährigen Dopingsperre Pechsteins führte, auf eine ererbte Blutanomalie zurückzuführen ist, wie das oft behauptet wird.

Führende deutsche Hämatologen hatten im März 2010 die Anomalie zwar diagnostiziert und erklärt, dass diese ein Schwanken der Retikulozytenwerte bewirken könne, doch andere Wissenschaftler, darunter jene des ISU, bezweifelten, dass der extreme Wert von 3,54 Prozent, den Pechstein in Hamar aufwies, durch solch eine Anomalie hervorgerufen werden könnte. Dafür käme nur Doping oder eine Krankheit in Frage.

Pechstein hatte entsprechende Untersuchungen lange verweigert und erst vornehmen lassen, als ihr Verfahren weit fortgeschritten war. Von einer Krankheit wollten die deutschen Gutachter aber ausdrücklich nicht sprechen, dann wäre auch schwer zu erklären gewesen, wie jemand, bei dem die Produktion roter Blutkörperchen so gravierend gestört ist, über viele Jahre hinweg Weltspitze in einer Ausdauersportart sein kann.

War zunächst das Bestehen einer Kugelzellenanomalie (Sphärozytose) verkündet worden, wurde später auch eine Xerozytose in Betracht gezogen. Im Kern kaum ein Unterschied, aber doch ein bisschen peinlich für Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse auf einer großen Pressekonferenz im apodiktischen Duktus vorgetragen hatten und das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (Cas), der die Pechstein-Sperre bestätigt hatte, vollmundig als „Käse“ bezeichneten.

Exakt um diesen Cas geht es nun bei der Zivilklage auf Schadenersatz gegen die ISU und den deutschen Verband. Pechsteins Sportgerichtsverfahren ist rechtskräftig abgeschlossen, auch das Schweizer Bundesgericht konnte keine Verstöße erkennen.

Thomas Summerer, Anwalt der Eisläuferin, stellt daher die Legitimation des Cas, der hinter der „deutschen Rechtsstaatlichkeit“ zurückbleibe, und damit der gesamten Sportgerichtsbarkeit infrage. Würden sich die Gerichte dem anschließen, wären Klagen gegen Sportgerichtsurteile, ob bei Doping oder anderen Regelverstößen, Tür und Tor geöffnet. Ein geordneter Sportbetrieb wäre kaum noch möglich.

Auch deshalb haben sich Gerichte diverser Länder in derartigen Fällen für unzuständig erklärt und die Unabhängigkeit der Sportgerichtsbarkeit gestärkt, seit es den Cas als weithin anerkannte Instanz gibt. Es ist sehr zu hoffen, dass dies auch im vorliegenden Fall so bleibt. Wenn nicht in dieser Instanz, dann in der nächsten. Klar ist aber auch: Die Pechstein-Tour durch die Gerichte wird weitergehen – so oder so.