Gelsenkirchen - Die Peitsche hat Huub Stevens weggelegt. „Die Jungs sind am Boden, da kannst du nicht noch drauftreten. Da musst du es auch mal mit Zuckerbrot versuchen“, sagte der Jahrhunderttrainer von Schalke 04 vor seinem zweiten und letzten Auftritt als Interimscoach. Das Zweitrundenspiel im DFB-Pokal am Dienstag (18.30 Uhr/Sky) gegen den Regionalligisten SSV Ulm soll zum Ende des Horrorjahres 2020 noch ein kleines Erfolgserlebnis bringen: „Jeder Moment kann wichtig sein, um vom Boden wegzukommen.“

Punkte im Kampf gegen den vierten Abstieg in der Vereinsgeschichte gibt es nicht, die Sieglos-Serie von 29 Bundesligaspielen kann ebenso wenig beendet werden - helfen kann die Partie in der größten Krise seit über 30 Jahren dennoch, vor allem mental. „Wenn du so viele Spiele nicht gewinnst, ist es ganz normal, dass es eine Kopfsache wird“, erklärte Stevens, der trotz der aussichtslosen Situation noch Chancen auf den Klassenerhalt sieht: „Wir haben noch so viele Spiele zu gehen, die Möglichkeit ist noch immer da, daran müssen wir uns festhalten.“

Die Planungen für einen Abstieg laufen allerdings längst. Wie schon 2019, als Stevens als Aushilfstrainer seinen Herzensverein rettete, müssen die Königsblauen in den nächsten Monaten die Unterlagen für die zweite Liga einreichen. Vor zwei Jahren bekamen sie trotz Verbindlichkeiten von 219 Millionen Euro die Lizenz ohne Auflagen. Mittlerweile ist - vor allem wegen der Corona-Pandemie - der Schuldenstand auf rund 240 Millionen Euro gestiegen.

Zusammenstreichen muss Schalke vor allem seinen Personaletat, der sich noch immer auf etwa 100 Millionen Euro im Jahr beläuft. Zudem sind Spielerverkäufe unausweichlich. Für den Amerikaner Weston McKennie, bislang an Juventus Turin ausgeliehen, ist eine feste Ablösesumme von 18,5 Millionen Euro vereinbart, wenn der italienische Rekordmeister wie zu erwarten die Champions League erreicht.

Nennenswerte Beträge dürften auch Ozan Kabak und Amine Harit einbringen, die Verträge auch für die zweite Liga haben. Das gilt nach Medienberichten nicht für Nationalspieler Suat Serdar, Abwehrchef Salif Sane und Stürmer Mark Uth. Stevens, der während seines Trainer-Intermezzos sein Amt als Aufsichtsrat ruhen lässt, will Sportvorstand Jochen Schneider seine Erkenntnisse über den Schalker Kader auch mit Blick auf das Transferfenster im Januar mitteilen. Welche das sind, wollte er nicht verraten.

Spekulationen über einen Kandidaten für Stevens' Nachfolge gibt es indes reichlich, doch hat sich noch kein Favorit herauskristallisiert, obwohl Sportvorstand Jochen Schneider bereits jemanden „im Kopf“ hat. Der TV-Sender Sky und die Bild sehen Alexander Zorniger mit den besten Chancen. Der 53 Jahre alte Ex-Trainer des VfB Stuttgart und RB Leipzig wäre frei, arbeitete zuletzt bis Februar 2019 bei Bröndby Kopenhagen. Schneider kennt Zorniger aus gemeinsamen Stuttgarter Zeiten und hatte angeblich bereits Kontakt mit ihm nach dem Aus von David Wagner.

Sofort zu haben wäre auch der ehemalige Darmstädter Trainer Dimitrios Grammozis. Doch der 42-Jährige wäre wohl eher im Sommer bei einem Neuaufbau - in welcher Liga auch immer - ein geeigneter Kandidat. Immerhin räumte er ein, dass er bereits im September mit Schalke gesprochen habe, ehe der Club sich dann für Baum entschied.

Die Zeitungen der Funke Mediengruppe sehen weiter die Trainer-Routiniers Friedhelm Funkel (67), Christian Gross (66) und Armin Veh (59) in Front. Für Funkel spräche die größte Erfahrung in prekären Situationen, doch er wollte nach Fortuna Düsseldorf eigentlich keinen Club mehr übernehmen. Gross und Veh dürften wie der ehemalige Schalker Profi und „Eurofighter“ Marc Wilmots wohl eher zweite Wahl sein. So oder so - spätestens bis zum Wiederbeginn des Trainings nach Weihnachten sollte ein neuer Coach gefunden sein.