Schalkes Trainer David Wagner. Seine Situation in Gelsenkirchen erinnert an jene in Hudderfield Town. Foto: dpa

BerlinWir wissen nicht, was Weston McKennie alles unter seinem Trikot trug. Es verrät jedoch einiges über die aktuelle Situation von Schalke 04, dass der Mittelfeldspieler der durchaus ehrenwerten Botschaft des Wochenendes vorsichtshalber auf einer Armbinde Ausdruck verlieh: „Justice for George“. Anders als Profikollegen wie Dortmunds Jadon Sancho oder Gladbachs Marcus Thuram konnte der US-Nationalspieler kaum davon ausgehen, dass ihm ein Torjubel Gelegenheit geben würde, seine Solidarität mit dem in Minneapolis durch Polizeigewalt gestorbenen George Floyd zu bekunden. Diese Möglichkeit war spätestens dann sehr klein geworden, als McKennie, am Mittwoch immerhin Schütze eines sehr hübschen Treffers beim 1:2 in Düsseldorf, von der Taktik seines Trainers David Wagner gegen Werder Bremen erfahren hatte.

Wagner hatte „einen defensiven Ansatz gewählt“, wie er euphemisierte, „um die Gegentorflut einzudämmen“. Dies wohlgemerkt gegen den Tabellenvorletzten, die Mannschaft mit den wenigsten erzielten Toren in dieser Bundesligasaison. Nicht auszudenken, was der Coach gegen den FC Bayern veranstaltet hätte. Alle elf ins Tor?

BLZ/Mike Fröhling
Bundesliga-Kolumnist

Matti Lieske wirft an jedem Wochenende seinen ganz speziellen Blick auf den Spieltag.

Das Resultat waren jedenfalls 18 Prozent Ballbesitz in den ersten 20 Minuten, was sogar den Gegner verblüffte. Dass Schalke aus lauter Furcht vor weiteren Fehlschlägen neuerdings sehr tief steht, hatte sich auch in Bremen herumgesprochen, „aber so tief haben wir sie nicht erwartet“, staunte Leonardo Bittencourt.

Fast hätte die Betontaktik gegen rat- und harmlose Bremer sogar funktioniert, doch dann erlangte Schalke unglücklicherweise doch mal kurz Ballbesitz, in Gestalt von Jean-Clair Todibo, der vor lauter Schreck das Spielgerät wie eine glühende Riesenkartoffel auf den Zehenspitzen tanzen ließ, bis es weg war und Bittencourt gegen unbotmäßig aufgerückte Schalker den 1:0-Siegtreffer schoss.

Wären Zuschauer im Stadion gewesen, dann hätten sich die älteren unter ihnen sicher an die trüben Achtzigerjahre erinnert, als Schalke gleich dreimal aus der  Bundesliga abstieg. Nach fünf Toren und sieben Punkten aus den letzten zwölf Partien eigentlich ein angemessenes Szenario, doch das Polster aus der erstaunlich erfolgreichen Hinrunde dürfte dafür sorgen, dass es selbst bei weiteren unterirdischen Auftritten höchstens zum Absteiger der Herzen reicht.

Bleibt das Problem David Wagner. Nach Jens Keller, Roberto Di Matteo, Markus Weinzierl und Domenico Tedesco hat Schalke offenkundig wieder einen Trainer erwischt, der nicht krisenfest ist und immer seltsamer wird, je mehr ihm die sportlichen Felle davon schwimmen. Verblüffend erinnert die derzeitige Situation in Gelsenkirchen an Wagners Premier-League-Zeit mit Huddersfield Town. Da folgte dem frenetisch gefeierten Aufstieg eine glänzende Hinrunde mit 22 Punkten, dann eine sehr viel schwächere restliche Saison mit 15 Zählern.

Das reichte gerade so zum Klassenerhalt, in der Spielzeit 2018/19 war dann nach nur zwei Siegen aus den ersten 22 Partien Schluss für Wagner. Klingt beunruhigend, aber noch schwören die Schalker Oberen ihrem Trainer die Treue.

Weston McKennie hatte im Übrigen alles richtig gemacht. Von jeglichem Torjubel weit entfernt, wurde er arg platzverweisgefährdet in der 55. Minute ausgewechselt.