Tradition im Hintergrund: Jochen Schneider mit Jean-Clair Todibo bei der Vertragsunterschrift. Sportvorstand Schneider ist eine prägende Figur beim FC Schalke 04. 
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GelsenkirchenDie beiden großformatigen Drucke an den Wänden seines Büros hat Jochen Schneider, der Sportvorstand des FC Schalke 04, sorgfältig ausgewählt. Das eine Foto zeigt Rudi Assauer, auf dem anderen Bild ist Rolf Rüssmann als Fußballer im königsblauen Trikot zu sehen. Der im Frühjahr verstorbene Assauer ist der Erfinder des modernen Schalke. Und Rüssmann ist ein Gelsenkirchener Held der Siebzigerjahre, dessen Geist mit der der Berufung Schneiders zum neuen Sportvorstand des Revierklubs hierher zurückkehrte.

Er „war eine sehr prägende Figur für mich“, erzählt Schneider, der Anfang des Jahrtausends als Rüssmanns Assistent beim VfB Stuttgart arbeitete. „Er hatte diese unglaubliche Gabe, Spieler, das Verhältnis Spieler-Trainer und das Gefüge einer Mannschaft zu verstehen.“ Schneider sagt diesen Satz, als er nach seinen wichtigsten Mentoren gefragt wird, seine Antwort klingt jedoch wie das zentrale Motiv hinter seinem eigenen Wirken in Gelsenkirchen, wo er im März die Nachfolge von Christian Heidel antrat.

Nur drei Punkte hinter dem FC Bayern

Schalke 04 ist während der vergangenen zehn Monate von einem von Konflikten und Ängsten durchsetzten Abstiegskandidaten zu einem Klub geworden, der am Freitagabend als Spitzenteam die Rückrunde gegen Borussia Mönchengladbach eröffnen darf. Gleichauf mit Borussia Dortmund, drei Punkte hinter den Bayern. Der Architekt hinter diesem Erfolg ist Schneider. Der 49 Jahre alte Schwabe hat Trainer David Wagner ausgewählt, den versierten Transferspezialisten Michael Reschke nach Gelsenkirchen gelockt und diverse andere Maßnahmen ergriffen, die exakt die erhoffte Wirkung hatten. Eine Kernkompetenz dabei: das Gespür fürs Zwischenmenschliche, das auch Rüssmanns Stärke war.

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Ebbe Sand

Der ehemalige Schalke-Stürmer  wird bis zur Fußball-EM im Sommer Assistenztrainer der dänischen Fußball-Nationalmannschaft. Der 47-Jährige Sand soll Chefcoach Age Hareide in der Vorbereitung unterstützen. Die Dänen treffen im heimischen Kopenhagen in der EM-Gruppe B auf Finnland, Belgien und Russland.

An diesem Punkt sei viel „Akribie notwendig“, sagt Schneider, der im Frühsommer noch der Kritik ausgesetzt war, zu langsam zu arbeiten. Aber er habe „viel Zeit in Gespräche investiert und viele Informationen über Dritte eingeholt“. Die Entscheidung für den Trainer David Wagner wurde also gründlich vorbereitet. Rund um die Mannschaft wurden zudem Leute wie Sascha Riether, der Koordinator der Lizenzspielerabteilung, ein Sportpsychologe und ein Betreuer für Spieler, die sich noch nicht heimisch fühlen, installiert. Und plötzlich spielt die Mannschaft einen Fußball, der geprägt ist von Zusammenhalt, von der Freude an kollektiver Arbeit. So nah war Schalke seinem Wesen als Arbeiterverein schon lange nicht mehr.

Sogar die Spielweise passt, und auch das hat Schneider so geplant. „Als ich im vorigen März auf Schalke angefangen habe, haben wir uns ein paar grundlegende Fragen gestellt: Für was steht dieser Klub eigentlich? Was ist die DNA dieses Vereins? Welche Art von Fußball passt zu Schalke 04?“, erzählt er. Hinter dieser klar durchdachten und konsequent umgesetzten Planung ist der Geist des zweiten Mentors von Jochen Schneider erkennbar: Ralf Rangnick. An der Seite des Masterminds von Herbstmeister RB Leipzig hat er die drei Jahre zuvor gearbeitet. Rangnicks „Offenheit für Innovationen, sein tagtäglicher Antrieb, sein Ehrgeiz, seine Vision“ hätten ihm „noch mal einen ganz anderen Blick“ auf den Sport eröffnet, sagt Schneider, dessen Maßnahmen bisher fast alle funktioniert haben. Ohne, dass sich jemand mit ihnen schmücken würde – auch das ist neu auf Schalke.

Der wichtigste Bestandteil der Außendarstellung, das beste Marketing, all das findet auf dem Platz statt.

Jochen Schneider

Aufsichtsratschef Clemens Tönnies tritt nach seinen rassistischen Äußerungen aus dem Spätsommer kaum noch in Erscheinung. Reschke, der mit seinen fünf Sommertransfers Ozan Kabak, Benito Raman, Juan Miranda, Markus Schubert und Jonjoe Kenny fünfmal richtig lag, ist ohnehin kein Typ für die Kameras. Und Schneider selbst meidet das Scheinwerferlicht ebenfalls. Er und seine Vorstandskollegen wollen mit der Steuerung des Vereins „keine Schlagzeilen produzieren“, sagt er, „der wichtigste Bestandteil der Außendarstellung, das beste Marketing, all das findet auf dem Platz statt.“