Gelsenkirchen - Joel Matip hebt die Schultern. Nein, er wisse auch nicht, wo die Ursachen für die Skepsis liegen, die ihm auf Schalke immer noch entgegenschlägt. Möglicherweise sind „Unsicherheiten bei mir manchmal ein bisschen besser sichtbar als bei anderen“, sagt der 22-Jährige. Denn fast schon traditionell reagieren die eigenen Fans mit Pfiffen auf Fehler Matips, während Missgeschicke von Kollegen wie dem chronisch formschwachen Benedikt Höwedes wohlwollend zugestanden werden. „Ich versuche mich da bei der eigenen Nase zu packen und mich selbst kritisch zu hinterfragen“, erzählt Matip.

Experten stufen den Innenverteidiger hingegen längst auf internationalem Topniveau ein. Sein Marktwert ist laut der Internetseite transfermarkt.de in den vergangenen zweieinhalb Jahren von drei auf 13 Millionen Euro gestiegen. Matip ist vielleicht der am meisten unterschätzte Spieler bei Schalke. „Joel ist enorm gut drauf, körperlich fit und extrem fokussiert“, sagt Trainer Jens Keller vor dem Champions-League-Achtelfinale gegen Real Madrid (20.45 Uhr, Sky, ZDF).

Fast immer hat der Innenverteidiger nach Duellen mit gegnerischen Stürmer selbst den Ball am Fuß, um einen eigenen Angriff zu starten. Sein Spiel ist gekennzeichnet von Nüchternheit, und genau so begegnet er Journalisten. Es ist also nicht einfach, ein Gespräch mit diesem Fußballprofi zu führen, der auf Fragen mit genau derselben Schnörkellosigkeit antwortet, mit der er seinen Gegenspielern entgegentritt. „Ich arbeite an mir, versuche, mich ständig zu verbessern, und manchmal trägt die Arbeit auch Früchte“, sagt er beispielsweise über sein Formhoch.

Und das Spiel gegen Real? Kurz nachdem spanische Zeitungen berichteten, der FC Barcelona sei an seinen Diensten interessiert? „Auch nur ein ganz normales Fußballspiel“, sagt Matip. Erst nach beharrlichem Nachfragen lässt er sich entlocken, dass die Konfrontation mit den Weltklassespielern Gareth Bale und Cristiano Ronaldo „speziell“ sei.

Förderer Magath

Matip ist kein Sprücheklopfer, er ist ein reflektierter, vorsichtiger und zurückhaltender Mensch. Wer will ihm diese Grundhaltung verdenken, nach nunmehr 14 Jahren beim unruhigen FC Schalke. Matip kam als Achtjähriger zum Klub, mit 18 wurde er zu den Profis befördert, nun ist er mit 22 schon ein Experte für die Eigenheiten dieses Standortes. Er hat diverse Trainerwechsel hinter sich, grundlegende Kaderrenovierungen, die Magath-Autokratie, die Hysterie um den Wechsel von Manuel Neuer zum FC Bayern und finanzielle Notlagen seines Klubs. Und er hat als Nationalspieler Kameruns einschlägige Erfahrungen im afrikanischen Fußball gesammelt.

Mit 19 erlebte Matip die WM 2010, als das Team auf dem heimischen Kontinent zerrüttet von inneren Konflikten chancenlos in der Vorrunde unterging. Auch dort gab es Trainerwechsel, der Verbandspräsident saß in Haft, zwischenzeitlich wurde die Nation vom Weltfußball ausgeschlossen. Nun hat sich das Team unter Volker Finke doch noch für die WM in Brasilien qualifiziert. Dort trifft er in der WM-Vorrunde Mexiko, Kroatien und vor allem: Brasilien.

Matip saugt Erfahrungen auf, und das hat seinen Reifeprozess beschleunigt, zumal bislang noch kein Trainer auf die Idee kam, er gehöre nicht in die erste Elf. Sein erster Fan war Felix Magath, der den damaligen A-Jugendlichen zu seinem ersten Bundesligaeinsatz verhalf. Seither hat er 127 Ligaspiele und 36 Europapokalpartien absolviert. Es ist nicht verwunderlich, dass Barça prüft, ob der Deutsch-Kameruner eine Bereicherung sein könnte.

Jenseits der deutschen Landesgrenzen wird Matip offenbar mehr geschätzt als in der Heimat, wo er immer noch gegen den Ruf ankämpft, ein Unsicherheitsfaktor zu sein. „Für mich ist es rätselhaft, dass er immer so in der Kritik gestanden hat“, sagt Trainer Keller, der Matips Schicksal teilt, trotz beachtlicher Erfolge keinen Einlass in die Schalker Herzen zu finden.