Vor Gericht hat Clemens Tönnies erst einmal Ruhe, der zähe Prozess gegen seinen Neffen Robert, in dem es um die Vorherrschaft in einem der größten Metzgerei-Konzerne Europas geht, pausiert, damit weitere Zeugen geladen werden können. Der Aufsichtsratschef des FC Schalke 04 kann sich also seinem zweiten Krisenherd widmen, wo mal wieder eine Trainerdebatte tobt, die nach der Niederlage gegen die TSG Hoffenheim langsam bedrohlich wird für Jens Keller.

In Mönchengladbach am Sonnabend und gegen den FC Basel am Mittwoch in der Champions League müssen die Schalker zukunftsweisende Spiele überstehen, aber selbst Siege in diesen Duellen, werden den gebrochenen Glauben an diesen Fußballtrainer kaum mehr reparieren können. Schalke ist unter dem blassen Schwaben unberechenbar, inkonstant, oftmals planlos, und eine Spielidee hat Keller noch nicht einmal in der Theorie klar formuliert. Zwar gibt es gute Tage, wie gegen den VfB Stuttgart am vorigen Sonnabend, insgesamt liegt aber eine erdrückende Schwere auf diesem Fußballprojekt.

Auch Heldt wirkt müde

Keller verwaltet solide und mag ein guter Fachmann sein, was er aber nicht kann ist: Begeisterung erzeugen. Und genau die braucht der Traditionsverein Schalke 04 derzeit dringender als alles andere. Kellers Wirken ist nicht geprägt von Gestaltungswillen, sondern vom Bestreben, Schaden abzuwenden. Dass dem Alltag jede Leichtigkeit fehlt, hat aber auch Gründe, die nichts mit dem Trainer zu tun haben.

Alle im Klub wissen, dass ein Jahr ohne Champions League eine mittlere Katastrophe auslösen würde, die bestenfalls mit dem Verkauf eines Topspielers wie Julian Draxler kompensiert werden könnte. Und die Schalke schlimmstenfalls noch weiter in die Abhängigkeit von Clemens Tönnies treiben würde.

Auch Manager Horst Heldt, dessen stattliche Sommerinvestitionen von fast 30 Millionen Euro das Team kaum weitergebracht haben, wirkt müde angesichts dieser allgemeinen Freudlosigkeit, die sich noch verstärkt durch die Entwicklungen in der Liga. Spätestens seit Borussia Dortmund und der FC Bayern München auf fast allen relevanten Ebenen mit Riesenschritten davoneilen, ist die süße Hoffnung auf eine königsblaue Meisterschaft zur unerreichbaren Utopie geworden. Schalke spielt nur noch um die Teilnahme an der Champions League, die nicht mehr als verheißungsvolle Belohnung für ein außergewöhnliches Jahr, sondern als fürs Überleben erforderliche Pflicht wahrgenommen wird.

Der Trainerwechsel, der wohl demnächst kommen wird, kann solche Probleme kaum lösen, helfen würde allenfalls ein echter Neuanfang. Eine Neuerfindung der Vereinskultur, die mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies unmöglich ist. Denn der löst seine Probleme nicht mit durchdachten Konzepten, Esprit und Begeisterung, sondern mit autokratischen Eingriffen, mit zweifelhaften Ideen wie der Partnerschaft zum umstrittenen russischen Konzern Gazprom, und zur Not auch mit Prozessen gegen eigene Familienmitglieder.