Gelsenkirchen - In weißen Socken und Badelatschen, königsblauer Shorts und S04-Langarmshirt schlurft Steven Skrzybski nach dem Mittagessen aus dem Trainingszentrum des FC Schalke 04 in Richtung unseres Wohnmobils. „Ein Stückchen Heimat im Pott“, sagt Skrzybski und zeigt auf das Berliner Kennzeichen. „Wie geil ist das denn? Fahrt ihr damit wirklich komplett durch Deutschland? Habt ihr auch schon drin übernachtet?“

Der Stürmer ist gut drauf, zeigt großes Interesse an unserer Serie "Abenteuer Bundesliga - eine Rundreise im Wohnmobil durch Unions neue Fußballwelt", für die wir in acht Tagen alle 18 Bundesligavereine besuchen, mehr als 3000 Kilometer zurücklegen und zwölf Bundesländer durchqueren. Er freut sich auf das „etwas andere Interview“ im Wohnmobil. Später wird er sogar ein Foto von unserem Termin auf seinem Instagram-Kanal posten. Skrzybski nimmt auf dem Fahrerstuhl Platz, den wir für das Gespräch nach innen gedreht haben.

Der 26 Jahre alte Profifußballer schnappt sich sofort eines der auf dem Tisch liegenden UNVEU-Magazine vom Februar, in dem sein früherer Teamkollege Michael Parensen als Chefredakteur fungierte, blättert durch und sagt mit mahnendem Zeigefinger: „Macht mich aber bitte nicht aufs Cover. Ihr wisst schon, dass ein Fluch auf eurem Heft liegt?!“ Wussten wir jetzt so nicht, entgegne ich. „Fast jedem Spieler, der mal auf dem Cover war, ist anschließend etwas zugestoßen. Das geht in der Kabine bei Union rum. Mal war es Damir Kreilach, dem die Kapitänsbinde weggenommen wurde, dann ich, der danach eine Schulterverletzung hatte, oder Sebastian Polter, der sich sogar die Achillessehne riss.“

Berliner Zeitung: Keine Angst, wir packen Sie schon nicht aufs Titelblatt. Von Verletzungen sollen Sie in der neuen Saison am liebsten verschont bleiben. 20 (!) Spiele mussten Sie in der vergangenen Bundesliga-Saison wegen Muskel- und Oberschenkelproblemen aussetzen. Wie war das für Sie?

Steven Skrzybski: Schrecklich. Das ist die schlimmste Zeit für einen Sportler. Man kann nicht das machen, was man liebt: mit den Jungs auf dem Platz stehen. Deine Mitspieler pöhlen draußen rum und du musst drinnen die Reha machen – das nervt. Ich hoffe, dass ich diesmal verletzungsfrei bleibe.

Sie benutzen bereits nach einem Jahr auf Schalke das Wort „pöhlen“. Ein typischer Begriff im Ruhrgebiet für „bolzen“ oder „kicken“. Wie sehr haben Sie den Pott denn schon in Ihnen?

(lacht) Schon ein bisschen, das muss ich zugeben. Die Leute hier haben es mir aber auch leicht gemacht mit dem Einleben. Sie sind ähnlich verrückt wie die Menschen in Köpenick. Alles dreht sich hier um Schalke und den Fußball. Das Ruhrgebiet hat schon Parallelen zu Berlin. Die vielen Städte sind ähnlich wie die Bezirke in Berlin. Es ist nicht selbstverständlich, dass man als Fußballer bei Union und Schalke so stark unterstützt wird.

Wie lautet das persönliche Fazit nach der ersten Saison auf Schalke, die mit dem Abstiegskampf sicherlich turbulent war?

Es war schon sehr spektakulär und auch sehr schwierig. Hier ist alles noch viel größer. Sie haben vorhin die Verletzungen angesprochen. Das war sicher nicht einfach. Ich musste mich immer wieder zurückkämpfen. Trotzdem habe ich ein paar Tore gemacht und auch mit der Champions League ein Riesenerlebnis hinter mir. Insgesamt verlief es aber natürlich nicht so, wie ich es mir erhofft hatte.

Schalke ist, neben Union, Ihr Lieblingsklub. Schon als kleiner Junge haben Sie in königsblauer Bettwäsche geschlafen. Haben sich die Erwartungen denn bestätigt?

Ich habe alles auf mich zukommen lassen, ohne im Vorfeld groß Gespräche zu führen. Schalke ist hier im Ruhrgebiet schon eine Wucht. Die Zeit war hart mit dem für Schalke ungewohnten Abstiegskampf. Aber es war phänomenal, wie das Umfeld damit umgegangen ist. Das war durchweg positiv, was sicherlich nicht selbstverständlich ist.

Domenico Tedesco hatte Sie damals verpflichtet. Im März wurde er nach dem 0:7 gegen Manchester City und einer langen Negativserie entlassen. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Der Wechsel zu Schalke war etwas Besonderes für mich, auch weil es mein erster Vereinswechsel war. Trainerwechsel habe ich auch bei Union erlebt. Aber du denkst natürlich jedes Mal darüber nach, dass der Trainer gehen musste, weil wir als Mannschaft Misserfolge hatten. Das tut mir schon ein Stück weit leid. Aber im Fußball sieht man sich in der Regel immer zweimal.

Wie groß war der Druck im Abstiegskampf wirklich?

Gerade bei Schalke kriegt man unweigerlich mit, was in den Medien zu lesen ist. Auch wenn man das ausblenden möchte. Man muss sich aber von den negativen Gedanken lösen, sonst wird der Druck zu groß. Dabei durften wir stets das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren.

Gab es diesen einen Hallo-wach-Moment?

Wir waren uns schon früh über die Lage bewusst. Aber es ist nicht einfach, aus so einer Negativspirale rauszukommen. Das Derby war für uns da schon ein Knall-Effekt. Im Vorfeld hatte kaum einer einen Euro auf uns gesetzt. Nach dem 4:2-Sieg am 31. Spieltag ging ein Ruck durchs Team.

Während der beiden Derbys gegen Dortmund waren Sie leider verletzt. Wie haben Sie die Zeit davor und danach aber erlebt?

Weit im Vorfeld dreht sich schon alles um dieses eine Spiel. Gefühlt geht es zwei, drei Wochen vorher schon nur darum. Zum Training kommen Fans in Massen. Das Derby hat in der Region einen hohen Prestigewert. Man vertritt die ganze Stadt. Eines ist sicher: Das sind keine normalen 90 Minuten.

Union hat den erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga geschafft und erlebt bald auch Derbys gegen Hertha. Wie haben Sie das entscheidende Spiel gegen Stuttgart verfolgt?

Ich war hautnah als Fan in der Alten Försterei dabei. Mich freut es wahnsinnig für den Verein und die Fans, zu denen ich ja heute noch regen Kontakt habe. Auch für Dirk Zingler freut es mich. Man hat an den Tränen gesehen, was ihm dieser Tag bedeutet hat. Der Aufstieg war auch für mich ein Gänsehaut-Moment.

Im November spielen Sie auf Schalke gegen Union, im April dann in Köpenick. Müssen Sie aufpassen, nicht in die falsche Kabine zu laufen?

(lacht) Das könnte man nach so einer langen Zeit bei Union denken. Ich freue mich extrem auf das Wiedersehen. Als der Spielplan rauskam, habe ich sofort geschaut, wann die beiden Spiele gegen Union sind. Das bedeutet mir unfassbar viel. Ich bin stolz, Teil der großartigen Union-Geschichte zu sein.

Wie schätzen Sie die Chancen für die Ex-Kollegen auf den Klassenerhalt ein?

In der Bundesliga ist alles drin. Als Aufsteiger hast du eine große Euphorie im Rücken. Was oft vergessen wird: Union ist nicht nur kämpferisch, sondern auch fußballerisch sehr gut aufgestellt. Mit den Neuzugängen hoffe ich, dass die Mannschaft ihre guten Leistungen auch in der 1. Liga abrufen kann. Das muss aber nicht unbedingt gegen uns sein (schmunzelt).

Im Dezember haben Sie ihre langjährige Freundin Anja in Potsdam geheiratet.

Das war ein toller Tag. Mit Christopher Lenz, Fabian Schönheim und Felix Kroos waren auch ein paar Ex-Kollegen da. Zu den Jungs habe ich heute noch Kontakt.

Bei Union haben Sie mit Uwe Neuhaus, Norbert Düwel, Sascha Lewandowski, Jens Keller und André Hofschneider fünf Profi-Trainer erlebt. Von wem haben Sie am meisten mitgenommen?

Von jedem Trainer habe ich etwas Positives mitgenommen. Uwe Neuhaus hat mich damals hochgeholt. Ihm habe ich viel zu verdanken. Als Förderer sehe ich aber schon André Hofschneider, der viel dazu beigetragen hat, dass ich jetzt hier bin. Er hat etliche Extraschichten mit mir eingelegt.

Auf Schalke werden Sie jetzt von David Wagner trainiert, den auch Hertha haben wollte. Wie ist der erste Eindruck?

Ehrlich? Das mit Hertha wusste ich gar nicht. Dann ist er jetzt aber beim besseren Verein gelandet (lacht). Er macht einen sehr lockeren Eindruck. Man kann mit ihm auch über private Dinge reden. Trotzdem ist er ein straighter Typ, der total detailbesessen ist und bei dem Disziplin sehr groß geschrieben wird.

Was sind Ihre persönlichen Ziele für die neue Saison?

Die Verletzungen waren natürlich sehr nervig. Aber immer, wenn ich fit war, stand ich auch im Kader. Ich habe dreimal in der Liga getroffen. Priorität ist, gesund zu bleiben und dann so viele Spiele wie möglich zu machen. Ohne die Dreifachbelastung wird der Konkurrenzkampf brutal genug.

Sie kamen zu vier Kurzeinsätzen in der Champions League. Wie war das rückblickend?

Mein Debüt habe ich in der Türkei bei Galatasaray Istanbul gegeben. Das war der Wahnsinn. Unfassbar, wie laut die Fans dort sind. Mein Startelf-Debüt habe ich dann in Porto gefeiert. Wenn du vorm Anpfiff da stehst und die Hymne läuft, die du nur als Kind aus dem Fernsehen kennst, dann läuft dir schon die Gänsehaut über den Rücken. Auch wenn das Spiel natürlich sehr bitter war, war auch Manchester City eine besondere Erfahrung.

Nach 40 Minuten ist das Gespräch mit Steven Skrzybski beendet. Wir machen noch Fotos. Der Stürmer folgt den Anweisungen und lächelt in die Kamera. Um 14.10 Uhr brechen wir dann nach Mönchengladbach zum Termin mit Max Eberl auf. Steven Skrzybski gibt uns eine persönliche Bitte mit auf den Weg: „Richtet Max Eberl bitte schöne Grüße aus!“