Am 2. August war die Hoffnung groß, dass sich auf Berlins Fußballplätzen die Gewalt gegen Schiedsrichter eindämmen lassen würde. Und das, obwohl bereits in der vorangegangenen Saison Attacken gegen Unparteiische in Begegnungen der Amateurkicker an der Tagesordnung waren. Damals, am ersten Spieltag der Berlin-Liga, wollten Referees der Hauptstadt zusammen mit ihren Kollegen aus Hamburg ein Zeichen setzen und auf die schwierige Situation aufmerksam machen. Beim Spiel von Sparta Berlin gegen Aufsteiger Fortuna Biesdorf (6:3) hatten vor dem Anpfiff alle Spieler zusammen mit dem Schiedsrichterkollektiv ein Banner in die Höhe gehalten. „Gemeinsam für Respekt und Fairness“, stand darauf.

Schiedsrichter-Streik als Notbremse

Knapp vier Monate später ist die Hoffnung geschwunden, weil die Lage eskaliert. Deshalb sind die Schiedsrichter des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) in diesem Wochenende in den Ausstand getreten. Mehr als 1 000 Spiele konnten deshalb nicht stattfinden. Ausnahmezustand im Berliner Fußball mal anders.

Ralf Kisting ist der Sprecher des Berliner Schiedsrichterausschusses und Obmann der Referees von Bundesligist Hertha BSC. Er weilte am Wochenende in München beim Treff aller Obmänner der Erstligisten und der Vertreter des Hamburger SV sowie vom VfB Stuttgart. Es ging dort um allgemeine Probleme der Schiedsrichter, aber die Aktion in Berlin war „in aller Munde“, wie Kisting im Gespräch mit dieser  Zeitung sagt. „Ich bekam zu 100 Prozent Zustimmung für den Ausstand der Berliner Referees, alle fanden unsere Maßnahme gut und erforderlich.“

Nicht immer kam das so deutlich zum Ausdruck wie beim Abgesandten von Eintracht Frankfurt. Der wollte sich unbedingt mit Kisting fotografieren lassen, weil er die Aktion in Berlin wichtig fand. Kisting meint: „Ich bekam viele Mails und Nachrichten aufs Handy – von Berliner Vereinen, aber auch von der Gewerkschaft der Polizei. Der Tenor: Es war Zeit, endlich zu handeln!“

Schnelles Handeln gefordert

Kisting weiß, dass ein Zeichen allein nicht reichen wird, um die Verhältnisse auf den Fußballplätzen der Republik in den unteren Spielklassen zu verbessern. Der Berliner führt die zunehmende Gewalt auf Veränderungen in der Gesellschaft zurück, auf fehlende Akzeptanz des Gegners und des Spielleiters.

Kisting und seine Schiedsrichter-Kollegen schlagen nun eine Reihe von Maßnahmen vor, um die Situation zu verbessern. So soll unter anderem der Heimverein künftig bei Spielen zwei Ordner stellen, so dass der Schiedsrichter nicht auf sich allein gestellt ist. Außerdem sollen die Mannschaften Kurse in Regelkunde abhalten – in der Hoffnung, dass dadurch das Verständnis für Entscheidungen der Schiedsrichter wächst. „Das alles kann und muss kurzfristig passieren“, sagt Kisting.

 Bislang ist die Regelschulung keine Pflicht, aber es gibt Vereine, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Kisting nennt ein sehr positives Beispiel: „Beim Berliner SC wird eine Regelschulung schon in der C-Jugend durchgeführt. Dort konnten danach sogar sechs junge Schiedsrichter gewonnen werden.“

Dass die Zeit drängt, beweist die Statistik. In Berlin stieg die Anzahl der Vorfälle bereits um 20 Prozent, in der Vorsaison sei bereits jeder siebte Schiedsrichter Opfer von Angriffen geworden, sagt Kisting. Verbale Beleidigungen sind an der Tagesordnung, außerdem sehen sich die Referees zunehmend körperlichen Attacken ausgesetzt. Vor allem junge Schiedsrichter haben Angst, Spiele bestimmter Vereine zu pfeifen.

Schiedsrichter-Boykott sorgt für Aufsehen

Nun hat der Schiedsrichterausschuss des BFV mit seinem Stoppzeichen deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Das Präsidium des BFV war nach heftiger Diskussion zuerst gegen die Maßnahme gewesen, setzte aber wegen des organisatorischen Chaos, das gedroht hätte, auch alle Spiele offiziell ab. Bernd Schultz, der Präsident, der sich bis zum heutigen Montag im Ausland befand, sagt: „Die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Schiedsrichtern sehe ich mit großer Sorge. Hier gilt es konsequent und gemeinsam gegen die Täter vorzugehen und alle Möglichkeiten der Sportgerichtsbarkeit auszuschöpfen. Gleichzeitig kann ein Ausstand von Schiedsrichtern immer nur die letzte Option sein.“

Gerade das BFV-Sportgericht enttäuschte die Schiedsrichter, als zuletzt im Fall des Berlin-Ligisten Al Dersimspor ein nach Ansicht des Ausschusses viel zu mildes Urteil gefällt wurde. Dort war ein Referee von einem Spieler geschlagen worden. Berlins Schiedsrichter-Chef Jörg Wehling fordert, die Kompetenz der Sportgerichte zu stärken. „Wir brauchen hauptamtliche Kräfte im Sportgericht, damit Urteile, die Auflagen und Bewährungsstrafen ein Maß erreichen, bei dem man sagt: ,Ja, das ist eine professionelle Aufarbeitung.’“

Ralf Kisting sieht auch nach dem Wochenende in dem Ausstand ein wichtiges Signal: „Die Mehrheit der Berliner Schiedsrichter wollte diesen Ausstand, das war nicht nur eine Entscheidung unseres Ausschusses, sondern des Schiedsrichterbeirates, in dem rund 30 Leute sitzen und zuvor alle ihre Probleme auf den Tisch brachten.“ Das Fazit: Es muss sich schnellstens etwas verändern, damit die Spirale der Gewalt nicht noch weiter geht.