Pfeift in Berlin: Laura Messingfeld. 
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BerlinIn den ersten zehn bis 15 Minuten eines Spiels muss Laura Messingfeld zeigen, dass sie es ernst meint. Dann testen die Fußballer auf dem Platz oft ihre Grenzen aus. „Die wollen wissen, ob ich als Frau der Aufgabe gewachsen bin. Frauen respektieren mich dagegen von Minute eins“, sagt die 26-Jährige, die seit zehn Jahren als Unparteiische auf dem Platz steht.

Neben ihrem Master-Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Berlin pfeift sie sowohl Spiele der Frauen in der Regionalliga Nordost als auch der Herren in der Landesliga Berlin. Messingfeld hat von Anfang an im Männer-Fußball Spiele übernommen, genauer: Bei den Mannschaften der C- und D-Jugend. Zuvor spielte sie selbst einige Jahre in einer Mädchen-Mannschaft in ihrer Heimatstadt Waltrop im Ruhrgebiet.

"Och nee, eine Frau. Kann die das überhaupt?"

„Als ich 14, 15 Jahre alt war, fand mein Vater, es sei an der Zeit, dass ich anfange, eigenes Geld zu verdienen. Er hat mich dann darauf gebracht, mich zu erkundigen, wie man Schiedsrichter wird.“ Nach den Junioren seien erste Spiele in der Kreisliga A gefolgt, dann kam der Sprung in die Bezirksliga. „Wenn man 18 Jahre jung ist und plötzlich Partien mit deutlich älteren Spielern pfeift, muss man sich erst mal im Herrenfußball etablieren und in die Aufgabe reinwachsen“, erinnert sich Messingfeld. Gerade am Anfang sei sie aufgefallen - und tut es heute noch.

2194 der insgesamt 56 680 Schiedsrichter waren in der Saison 2018/19 laut dem Deutschen Fußball-Bund weiblich. Ihr Anteil lag demnach bei rund 3,9 Prozent - Tendenz steigend, wenn auch langsam. 2005 waren laut DFB etwa 2,2 Prozent der Unparteiischen Frauen. „Ich spüre schon, dass ich in den letzten Jahren etwas gewandelt hat. Die Anerkennung Frauen gegenüber wird größer“, sagt Messingfeld. Gerade in der Anfangszeit habe es oft geheißen: „,Och nee, eine Frau. Kann die das überhaupt?'“ Nach dem Spiel sind manchmal Zuschauer zu mir gekommen und haben gesagt: Ich hätte nicht gedacht, dass Frauen ein Spiel so gut leiten können.“ Das passiere heute nicht mehr, weil inzwischen fast jede Mannschaft schon mal unter Leitung einer Schiedsrichterin gespielt habe.

Bibiana Steinhaus ist die bekannteste Schiedsrichterin in Deutschland - und die einzige in der Bundesliga. 
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Auch die Vereine seien besser auf sie eingestellt und hätten in der Regel getrennte Umkleiden für sie und ihre männlichen Assistenten parat. Messingfeld glaubt, dass daran auch prominente Schiedsrichterinnen wie Bibiana Steinhaus einen Anteil haben. Die niedersächsische Polizeibeamtin wurde in der Saison 2017/18 als erste Frau in die Schiedsrichterliste der höchsten deutschen Liga aufgenommen. In der aktuellen Saison ist sie unter den Unparteiischen in der Ersten und Zweiten Liga die einzige Frau - mit 45 männlichen Kollegen. „Dass sie in der Bundesliga ist, zeigt vielen Fußball-Fans: Es macht keinen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann auf dem Platz steht“, sagt Messingfeld.

Sexistische Beleidigungen auf dem Platz habe sie im Gegensatz zu Steinhaus noch nicht erlebt. Die 40-Jährige war in ihrer ersten Bundesliga-Saison nach einer umstrittenen Entscheidung von Fans von Borussia Mönchengladbach wüst beschimpft worden. „Natürlich gibt es schon mal einen Spruch, etwa: „Flirte nicht so viel mit der Schiedsrichterin““, sagt Messingfeld. Darüber könne sie lachen, solange es keine Beleidigungen „unter der Gürtellinie“ gebe.

Weibliche Schiris werden seltener beleidigt

Generell habe sie den Eindruck, dass die Hemmschwelle der Spieler und Zuschauer ihr gegenüber höher sei und sie seltener angegangen werde als ihre männliche Kollegen. Dass weibliche Schiris seltener beleidigt und körperlich angegriffen werden als männliche, kann auch die Kriminologin  Thaya Vester bestätigen. Im Rahmen einer Langzeitstudie beim Württembergischen Fußballverband hat die akademische Mitarbeiterin der Universität Tübingen Unparteiische in dem Landesverband befragt. „Sie werden aufgrund ihres Geschlechts jedoch häufig Opfer von Diskriminierungen. Man lässt sich von Schiedsrichtern ohnehin nur ungern etwas sagen und von einer Frau erst recht nicht“, sagt sie.

Auffällig sei auch der Umgang der Schiedsrichterinnen mit dem Thema. „Mehr als 70 Prozent derjenigen, die Diskriminierung erlebt haben, melden nicht alle Vorfälle. Wenn man es zusammenfassen will: Die schlucken das einfach, weil sie denken, es sei normal oder weil sie das Thema nicht groß machen wollen.“ Das sei anders bei ihren männlichen Kollegen, die verbale und körperliche Gewalt deutlich häufiger meldeten.

Vester glaubt, dass Diskriminierungen auf dem Fußballplatz seltener werden, je mehr Schiedsrichterinnen auf dem Platz stehen. „Es ist schade, dass viele es so sehen, aber Frauen müssen sich immer noch beweisen“, sagt sie. Das kennt auch Laura Messingfeld. Wenn sie in den ersten 15 Minuten eines Männer-Spiels gezeigt habe, dass sie Fouls nicht dulde, akzeptierten die Fußballer sie uneingeschränkt. Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März hat die 26-Jährige eine Botschaft an weibliche Fußballfans: „Ich fände es super, wenn sich mehr fußballinteressierte Frauen und Mädchen den Job zutrauen würden. Mich hat die Aufgabe persönlich sehr weitergebracht und ich kann sie nur jeder empfehlen.“ (dpa)