Eine tolle Truppe: die Fußballmannschaft der Ü70 von Eintracht Mahlsdorf um den Schlagersänger Frank Schöbel (u.l.).
Foto: Privat

Berlin-MahlsdorfGerhard Orbanke, 78, liebevoll „Opa“ genannt, hat jede Woche einen ganz wichtigen Termin in seinem Kalender angekreuzt. Er trommelt immer mittwochs gegen 14 Uhr mehr als ein Dutzend fußballverrückter Männer zum gut einstündigen Training zusammen. Treffpunkt ist der Sportplatz Am Rosenhag in Mahlsdorf – dort, wo Berlin-Ligist Eintracht Mahlsdorf seit Jahren vehement um den Aufstieg in die Oberliga kämpft. In der Übungsstunde geht es sehr lebhaft zu, es wird gerannt und gegrätscht, gelobt, geflucht und gejammert, und auch ein paar technische Kabinettstückchen sind zu sehen. Gerhard Orbanke ist der Trainer.

Seine Spieler, meist 15 oder auch 20 an der Zahl, fühlen sich im besten Fußballer-Alter, wie sie gern behaupten. Sie sind alle schon jenseits der 70. Der Trainer, ein ehemaliger Torwart, hat einst die Ü50 und später die Ü60 von Eintracht gegründet und übt nun einmal mit den Männern jenseits der 70. Im Team stehen sogar drei Kicker, die über 80 Jahre alt sind.

Frank Schöbel auf Tour

Vor Weihnachten aber mussten die Mahlsdorfer beim Training zweimal auf ihren prominentesten Kicker verzichten: Frank Schöbel, der größte Schlager-Star, den die DDR einst hervorbrachte, war bis einen Tag vor Heiligabend auf Tournee. Einen Tag nach seinem 77. Geburtstag am 11. Dezember ging er auf Tour. „Fröhliche Weihnachten in Familie: Frank Schöbel & Band und Gäste“ hieß das Programm. Von Eberswalde über Prenzlau, Rostock oder Neubrandenburg ging es bis nach Cottbus.

Wenn Schöbel, der in Mahlsdorf lebt, nicht gerade auf Tournee ist und keine anderen Auftritte hat, gehört er zu den eifrigsten Spielern. Bereits in der Saison 2004/2005 schickte die Eintracht eine Ü60-Mannschaft in den Punktspielbetrieb. Schöbel war dabei. „Aber Gerhard Orbanke holte mich schon früher, vor gut zwanzig Jahren, zur Eintracht“, sagt Schöbel, „damals zu den 50-Jährigen.“ Ein bisschen Wehmut ist zu spüren bei Schöbel, der zehnmal zum „Fernsehliebling“ in der DDR gekürt wurde.

Frank Schöbel 1990 mit Partnerin Aurora Lacasa. Schon damals war der Schlagersänger ein Fan des Fußballs.
Foto: Imago Images

Für den populären Schlagersänger, der mehr als 350 Songs komponierte und mehr als 600 Titel in seinem Repertoire hat, war der Fußball stets ein Ausgleich zum stressigen Showgeschäft. „Ich spiele seit meiner Kindheit gerne Fußball“, erzählt Schöbel und merkt für Fußballer außergewöhnlich selbstkritisch an: „Ich spiele nicht besonders gut, aber gerne.“ Früher war er oft Kiebitz an der Alten Försterei. Schöbel ist seit vielen Jahren Mitglied beim 1. FC Union und sagt: „Ich drücke Union die Daumen und freue mich über jedes gute Ergebnis.“

Seine Zeit, ins Stadion zu gehen, ist aber äußerst knapp. Der Beruf fordert ihn noch immer – Tourneen und die stressige Arbeit am Buch für die „Frank-Schöbel-Story“, die ihm März im Boulevardtheater in Dresden steigt.

Gespräche über Sparwassers Tor

Mit „Wie ein Stern“, „Looky Looky“ oder „Gold in deinen Augen“ wurde er berühmt, was ihm auch eine Einladung zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 einbrachte. Beim Thema „Schöbel und der Fußball“ fallen Fußballfans und Schlageranhängern die gleichen Szenen ein: Bei der Eröffnung der WM im Frankfurter Waldstadion im Juni 1974 steigt Schöbel aus einem überdimensional großen Fußball und singt das Lied „Freunde gibt es überall“ – der Beitrag der DDR, die bei diesem Championat dabei ist und sogar den späteren Weltmeister um Franz Beckenbauer und Gerd Müller in der Vorrunde 1:0 schlägt.

Die aktiven Oldies aus Mahlsdorf haben die Begegnung damals alle als junge Männer am Fernseher verfolgt – das berühmte Sparwasser-Tor – und ab und an wird darüber noch einmal diskutiert. Die Ü70 von Trainer Orbanke ist längst republikweit bekannt – im Berliner Umland sowieso – und wird gern zu Freundschaftsspielen eingeladen. „Vor vielen Jahren haben wir sogar einmal gegen die Oldies der DDR-Nationalmannschaft gespielt und 4:1 gewonnen“, erzählt Gerhard Orbanke voller Stolz.

In Berlin üben nur in etwa acht Vereinen Spieler jenseits der 70 regelmäßig. „Das ist schade“, sagt Orbanke, „wir hätten schon gern eine eigene Liga im Berliner Fußballverband.“ Auch Schöbel fände das gut.

Im Berliner Verband kümmert sich Ralf Nowak auch um die Alten Herren. „Bislang haben wir nur Ligaspielbetrieb bis zur Ü60, aber wir denken schon darüber nach, vielleicht auch für die noch älteren Spieler eine Liga einzuführen.“ Dafür, so Nowak, benötigte man aber mindestens zehn oder zwölf Mannschaften. Er sagt: „Dann müssten sich aber diese Oldies an die Spielordnung halten mit einem Staffelleiter, der die Ansetzungen vornimmt. Jetzt haben es die über 70-Jährigen einfacher, Gegner zu finden. Das geschieht ja auf Zuruf. In einer Liga ist alles strenger geregelt.“ Nowak glaubt, dass vielleicht in zwei, drei Jahren die Zeit reif für eine eigene Liga ist. Orbanke widerspricht, ihm ist diese Zeitspanne zu weit gefasst. „Allein wir in Mahlsdorf könnten jederzeit zwei Mannschaften stellen.“

Na klar, ab und an zwickt mein Knie, aber mein Ehrgeiz auf dem Platz ist noch immer groß. Sonst muss man da nicht hingehen.

Frank Schöbel

Fakt ist, dass viele der über 70-Jährigen heute bedeutend fitter und leistungsfähiger sind als Gleichaltrige noch vor zehn Jahren. Es gibt auch genügend Kicker, die mit neuem Knie oder künstlicher Hüfte auflaufen. Dem medizinischen Fortschritt sei Dank.

Auch Frank Schöbel sagt: „Na klar, ab und an zwickt mein Knie, aber mein Ehrgeiz auf dem Platz ist noch immer groß. Sonst muss man da nicht hingehen.“ Und wie ist es um die Kondition der Ü70 in Mahlsdorf bestellt? Schöbel lobt: „Man staunt, was die Mannschaft noch leistet. Wir sind mal stark und mal schwach, je nach Tagesform. Wichtig ist, dass wir uns bewegen.“ Gerhard Orbanke, der nimmermüde Trainer, beschreibt seinen populärsten Mann so: „Frank ist kein Wunderknabe auf dem Platz, aber er ist immer mit Herz und Seele dabei. Und wenn er mal ein Wehwehchen hat, stellt er sich ins Tor.“

Viel lieber aber agiert Schöbel im Angriff. Er beschreibt seine Spielweise so: „Bei den über 70-Jährigen gibt es ja kein Abseits. Ich hatte meist das Glück, mich leise vom Gegner zu entfernen und dann auf Zuspiel die Dinger reinzuhauen.“ Ein Ende seiner erfolgreichen Karriere ist noch lange nicht in Sicht – weder als Künstler, noch als Fußballer.