Berlin - Acht Rennen, sieben Siege, zwölf Medaillen: Der Erfolg der deutschen Schlitten im olympischen Eiskanal ist einmalig. Das liegt auch am Material. „Es ist im Grunde ähnlich wie in der Formel 1“, sagte Bob-Ingenieur Konstantin Schulze vom Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin-Oberschöneweide. Ob der beste Fahrer oder beste Schlitten entscheidend sei? „Die beste Kombination.“

Aus dem besten Schlittensportler wird noch lange kein Olympiasieger, das weiß auch Michael Nitsch genau. „Es ist ein Gesamtsystem“, erklärt der FES-Direktor, „und wir als Gerätehersteller sind dabei der i-Punkt.“ Oder anders formuliert: Ein wichtiges Werkzeug in der deutschen Medaillenschmiede.

Francesco Friedrich dankt dem FES

Nitsch hat als FES-Chef den Bau aller deutschen Schlitten im Blick. Nicht nur im Bob, auch im Rodeln und Skeleton. Sieben Goldmedaillen bejubelte das Team Deutschland bereits im olympischen Eiskanal von Yanqing, am Dienstagabend zuletzt den historischen Dreifacherfolg mit Francesco Friedrich an der Spitze im Zweierbob. Das FES sei „enorm wichtig“, schickte Friedrich nach seinem Triumph Grüße nach Berlin in die Villa an der Tabbertstraße.

Der Rekordweltmeister arbeitet wie die weiteren deutschen Piloten eng mit Nitsch und Baumeister Enrico Zinn zusammen, testet beinahe mit jeder Fahrt das Material, feilt auch während des Weltcups an Kleinigkeiten. Das Bauen und Weiterentwickeln eines Bobs wirkt von außen betrachtet dabei wie eine Wissenschaft. „Man muss sich das vorstellen wie ein eigener Sportwagen, den der Sportler braucht, um perfekt abliefern zu können“, sagt Techniker Schulze.

Im Kern geht es bei der Optimierung der Bobs um drei Punkte: die Verkleidung, das Fahrwerk und die Kufen. An diesen Schlüsselstellen tüfteln die Bob-Ingenieure im Sommer wie im Winter, direkt an den Eiskanälen oder mit technischen Hilfsmitteln wie Windkanälen in der FES-Zentrale in Oberschöneweide. Das pauschale Ziel: „Wir versuchen im Olympia-Zyklus, zwei Zehntel pro Lauf herauszuholen“, sagt Nitsch.

All das kann nur mit Geld funktionieren, mit viel Geld. Rund sieben Millionen Euro werden dem FES mit seinen mehr als 80 Mitarbeitern jährlich vom Innenministerium zur Forschung bereitgestellt, allerdings fließt nur ein Teil davon in die Eisrinne. Im Wintersport profitieren etwa auch die Eisschnellläufer vom deutschen Know-how, im Sommersport unter anderem die Kanuten, Schützen oder Radsportler.

Der Erfolg gründet sich auf eine Niederlage

Am FES arbeiten Spezialisten aus der Hochtechnologie und dem Kunststoffbereich, Feinmechaniker und Elektroniker. Das Institut arbeitet mit der Berliner HU, der FU, den TUs in Dresden und Chemnitz sowie der „Otto von Guericke“-Hochschule in Magdeburg zusammen.

Der aktuelle Erfolg der Schlittensportler liegt auch in einer bitteren Niederlage begründet. Als 2014 in Sotschi erstmals seit einem halben Jahrhundert die deutschen Bobs ohne Medaille blieben, war das auch auf das Material des FES zurückzuführen. In der Folge fuhr der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) zweigleisig, vertraute auch auf die Ingenieurskunst des österreichischen Herstellers Wallner.

Spitzengeschwindigkeiten bei deutschen Schlitten

Der erhöhte Konkurrenzdruck zeigte Wirkung, in Pyeongchang gingen alle Olympiasiege an Deutschland – sowohl Friedrich bei seinem Doppel-Erfolg in Zweier und Vierer als auch Mariama Jamanka im Zweier der Frauen saßen dabei in FES-Schlitten. Und auch in China läuft das FES-Material der Bobs glänzend, das zeigt nicht nur der Blick auf die Ergebnislisten, sondern auch der auf die Spitzengeschwindigkeiten.

Ein Wettbewerbsvorteil? Definitiv. Aber unfair? Dagegen wehrt sich Nitsch. „Auch die anderen dürfen ja das machen, was wir machen“, sagt der FES-Boss. Einheitsgeräte, also gleiche Voraussetzungen für alle, lehnt er nicht nur wegen seines Jobs, sondern auch wegen des Reizes und des Charakters des Schlittensports ab. „Es ist wie in der Formel 1. Wie spannend wäre denn die Formel 1, wenn alle das gleiche Auto hätten“, fragt Nitsch. „Ich weiß nicht, ob die Fans das im Bob gut fänden.“