Die Freiheit der Satire in Deutschland steht vor der nächsten harten Bewährungsprobe. Nach der Attacke des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan auf den Komiker Jan Böhmermann und der Kritik der SPD an ihrer eigenen Rentenpolitik droht diesmal Ungemach aus dem Ruhrgebiet. Unbestätigten Gerüchten zufolge prüft die Stadtverwaltung von Gelsenkirchen derzeit eine Klage gegen den populären Berliner Satiriker Ingo Schiller. Der soll seine Stellung als Geschäftsführer Finanzen beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC für ein Schmähplakat missbraucht haben.

Hintergrund ist eine Marketingaktion vor dem Halbfinale im DFB-Pokal am kommenden Mittwoch. Hertha BSC tritt dann gegen Borussia Dortmund an. Das Plakat spielt vordergründig seicht-humoristisch mit Stereotypen, vergleicht etwa Größe der Städte, Bedeutung der besten Spieler. Tatsächlich geht es jedoch darum, mit bissigem Spott einen Missstand anzuprangern, der mit Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen bisher toleriert wurde: Auf einer Landkarte werden Borussia Dortmund und der FC Schalke in Gelsenkirchen als direkte Nachbarn dargestellt. Beide Klubs gelten ja hierzulande auch als Inbegriff der Ortsrivalität im Sport und ließen sich entsprechend gewinnbringend vermarkten. Tatsächlich aber trennt Herne die zwei Städte voneinander.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ist nun als übergeordnete Instanz in der Pflicht, doch sie befindet sich in einem Dilemma. Bekennt sie sich zur Freiheit der Satire, riskiert sie wie Schiller eine Klage aus dem Gelsenkirchener Rathaus. Verbietet sie Hertha BSC eine weitere Veröffentlichung des Plakats, wäre das Derby Dortmund gegen Schalke ab sofort kein richtiges Derby mehr und würde in der medialen und  wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit versinken. Beide Klubs müssten warten, bis der SC Westfalia Herne aus der siebten Liga in der Bundesliga angekommen ist, was ungefähr zu dem Zeitpunkt passieren dürfte, wenn Hertha BSC ein Derby gegen den 1. FC Union in einem eigenen, neuen Stadion austrägt.

Schiller hat sich unterdessen abgesichert und dabei an seinem Kollegen Böhmermann orientiert. Der hatte sein Schmähgedicht auf Erdogan mit den Worten anmoderiert, er wolle lediglich an einem praktischen Beispiel zeigen, welche Art von Kritik nicht erlaubt sei. Schiller behauptet seinerseits, das Zusammenlegen von Dortmund und Gelsenkirchen auf seinem Schmähplakat sei keine Absicht gewesen, sondern ein schlichter Fehler. Jetzt mal ehrlich: Als ob irgendjemand ernsthaft glauben würde, dass sie bei Hertha BSC zu blöd sind, eine Landkarte zu lesen.