Läufer, Werfer, Springer und Stabhochspringer wie der Pole Piotr Lisek konnten beim Istaf in Berlin vor Zuschauern auftreten.
Foto: AFP/Odd Andersen

BerlinUnter den Einlasskräften am Osttor war sie sehr schnell der Star der Zuschauer. Dort, am Eingang des Olympiastadions hatte die Dame mit den kurzen blonden Haaren den exponiertesten Platz aller Ordnungskräfte und alles im Griff: die Zuschauer, aber auch das Megaphon, durch welches sie auf einem Turm, der auch am Strand der Rettungsschwimmer aus der US-Fernsehserie Baywatch hätte stehen können, immer wieder sprach. Schnörkellos und sehr bestimmend gab es also von diesem Türmchen für den Teil der 3500 Besucher, der am Sonntag diesen Eingang zum Istaf benutzte, konkrete Anweisungen. Schon aus der Ferne war deutlich zu hören, dass auf dem Weg zum personalisierten Sitzplatz unbedingt die Maske dabei sein muss. Und immer wieder wurde an die Markierungen an den geöffneten Durchgängen, den Abstand und den Personalausweis erinnert. Was ihr eine Stunde vor dem eigentlichen Start des Leichtathletik-Meetings den ersten Applaus bescherte.

Wer sich im Vorfeld der Veranstaltung eines der 3500 im Verkauf erhältlichen Tickets gesichert hatte, der konnte, anders als sonst, die Anreise ohne Probleme bewältigen. Nicht mehr als ein leicht erhöhtes Fahrgastaufkommen war zu beobachten, als sich die gelbe BVG-Raupe aus dem U-Bahn-Tunnel kurz vor dem Olympia-Stadion gefressen hatte. Knapp 30 Leute kletterten aus der Bahn, vorbei am geöffneten U-Bahn-Museum ging es für sie auf den Weg Richtung Stadion. Noch nie dürfte es so einfach gewesen sein, sein Auto direkt davor zu parken. Noch nie waren so wenig Verpflegungsstände auf dem Weg neben dem Parkplatz, hin zum Stadion, offen. Genau zwei Büdchen verkauften Bratwurst, Currywurst, Pommes und Getränke. Man musste schon bis zum Stadiontor gehen, um zu erkennen, dass an diesem Nachmittag im Bauch des Olympiastadions mal wieder eine Veranstaltung mit Zuschauern stattfindet.

Das war erst den Lautsprecher-Ansagen vom „Sprecherturm“ am Osttor aus etwas geringerer Entfernung so recht zu entnehmen. Manch Zuschauer nahm das mit dem Abstandhalten fast zu streng, war ob dieses angeleiteten Stadionbesuchs vielleicht etwas eingeschüchtert. Und als es vom Türmchen „der Einlass beginnt jetzt“ hallte, schien es fast so, als könnten die Zuschauer nicht so recht glauben, dass sie mal wieder das Olympiastadion betreten dürfen. Vorsichtig durchliefen sie die Kontrollen und mussten sich auf dem Stadiongelände erst einmal orientieren. Das wirkte fast wie ein Erlebnispark, in dem, nach erfolgreich gemeisterter Schnitzeljagd, der eigene Sitzplatz die Belohnung war.

Und wer auf der Suche nach seinem Platz noch etwas Hilfe benötigte, konnte sich auch diesmal auf Unterstützung von einem der Helfer bauen. Die hatten in den vergangenen Tagen ganze Arbeit geleistet, um das Stadion Corona-gerecht herzurichten. Neben den Werbebannern in den gesperrten Blöcken wurden allein zehn Kilometer Flatterband in drei verschiedenen Farben im Stadion angebracht, damit die Abstände während der Veranstaltung eingehalten werden.

Viel Arbeit, die um 14.51 Uhr mit dem Klatschpappen-Test und ein paar Aufwärmpfiffen aus der Ostkurve belohnt wurden. Und die durch Maskottchen Berlino, das gewohnt den Einpeitscher gab, immer lauter wurden. Wem das noch nicht genug Stadion-Atmosphäre war, der fühlte sich spätestens beim Aufrufen der ersten Athleten zurück in die alte Normalität versetzt, wenngleich die neue eine ganz andere ist. 3500 Zuschauer, in einem Stadion, das 70.000 Menschen auf den Rängen Platz bieten kann, wirken optisch wie das Publikum an einem Qualifikationsvormittag einer Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Katar.

„Normalerweise sind hier immer so 35.000 bis 40.000 Zuschauer, klatschen sie einfach zehnmal so laut wie sonst“, schlugen die beiden Istaf-Moderatoren vor. Mathematisch geht das sicherlich auf, den Athleten aber war das augenscheinlich egal. Die saugten den Applaus von der Tribüne auf, schlenderten langsam und winkend auf ihre Präsentationsbühne, jeder brav auf seinen rot markierten Platz. Sie hatten offensichtlich am Stadioneingang ganz genau den Anweisungen gelauscht.

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