Urs Fischer stand schon vor dem Anpfiff in der Fankurve auf der Waldseite. Die Augen und den Mund weit aufgerissen, die Arme und Fäuste siegesgewiss in die Luft gereckt. Drumherum schwenkten die Anhänger der Eisernen ihre weiß-roten Fahnen. Freilich war Fischer nicht physisch dort. Die Fans des 1. FC Union hatten eine Choreografie zu Ehren des Aufstiegstrainers gebastelt und sie vor dem Anstoß des Bundesliga-Heimspiels gegen den BVB präsentiert. Fischer selbst, angespannt und im Tunnel wie eh und je, hätte das selbst gar nicht mitbekommen, wenn ihn Co-Trainer Sebastian Bönig nicht auf die Schulter getippt und gesagt hätte: „Schau mal! Da!“ Fischer blickte von der Trainerbank hoch in den Block und grinste.

Auch die anschließenden 90 Minuten zauberten dem Schweizer gegen Borussia Dortmund, Titelanwärter, Champions-League-Teilnehmer und nicht nur auf dem Papier haushoher Favorit, ein Lächeln ins Gesicht. Seine Mannen zeigten nämlich eine magische Leistung, schlugen die Schwarz-Gelben letztlich verdient mit 3:1 (1:1).

Riesiger Unterschied

Größer hätten die Unterschiede vor dem ersten Meisterschaftsspiel beider Vereine kaum sein können. 642 Millionen Euro beträgt laut dem Internetportal transfermarkt.de der Marktwert der Borussia. Die 35 Millionen des 1. FC Union, Neuling im deutschen Oberhaus, erscheinen dagegen geradezu lächerlich. Zum Vergleich: Der 19-jährige Jadon Sancho ist fast drei Mal so viel Wert wie das gesamte Union-Ensemble. Aber Geld schießt eben nicht automatisch Tore.

Fischer schickte im Vergleich zum 1:1 beim FC Augsburg drei Neue ins Rennen: Für den rotgesperrten Keven Schlotterbeck sowie den angeschlagenen Grischa Prömel und Marcus Ingvartsen liefen Marvin Friedrich, Manuel Schmiedebach und Sheraldo Becker von Beginn an auf.

Herz-Botschaften

„Nehm euer Herz in beide Hände“ – unter diesem Motto gingen die Eisernen in das zweite Heimspiel der Bundesligageschichte. Der Verein ließ im Vorfeld extra 20 000 rote T-Shirts mit der Herz-Botschaften anfertigen, verteilte sie vor dem Spiel an die Fans. Zudem trafen sich 1500 Anhänger am frühen Nachmittag in der Köpenicker Altstadt und marschierten geschlossen in die Alte Försterei. Die frenetische Stimmung der Anhänger, die das Stadion in ein rotes Menschenmeer verwandelten, übertrug sich auch auf die Spieler. Sie nahmen ihr Herz buchstäblich in die Hand und wuchsen über sich hinaus.

Die Union-Profis zeigten sich stark verbessert zum Heimdebüt vor zwei Wochen gegen Leipzig (0:4). Sie verschoben in der Defensive kompakter, agierten mutiger, frecher, leidenschaftlicher. Der bärenstarke Marius Bülter (6.) und Ex-Borusse Neven Subotic (10.) hatten anfangs gute Kopfballchancen. Anthony Ujah hatte in der 21. Minute eine Großchance, lief auf Keeper Roman Bürki zu – doch Mats Hummels und Thomas Delaney grätschten im letzten Moment dazwischen. Es gab Eckball. Und den trat Christopher Trimmel. Es war ein Geniestreich des Kapitäns, der den Ball nach hinten in den Rückraum spielte. Aus dem Hinterhalt sprintete Bülter an und versenkte den Ball flach ins rechte Eck – das 1:0 (22.). Die Alte Försterei explodierte erstmals an diesem historischen Abend. Der Torschütze sagte zu dieser Szene: „Ein geiles Gefühl. Ich bin nach dem Tor zu Sebastian Bönig gerannt. Wir hatten das mit ihm im Training einstudiert. Das alles ist schwer zu realisieren.“

Bülter trifft doppelt

Die Antwort der Borussia ließ aber nicht lange auf sich warten. Paco Alcacer traf nur drei Minuten später nach Vorarbeit von Sancho zum 1:1-Ausgleich. Wer nun gedacht hatte, dass Union die Kraft ausgehen und Dortmund aufdrehen würde, der hatte sich gewaltig geschnitten. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff nutzten die Eisernen einen kapitalen Bock von Manuel Akanji zur ersten Führung der Bundesligageschichte. Akanji spielte den Ball in der eigenen Hälfte genau in die Füße von Sebastian Andersson. Der Schwede lief auf den Gästekasten zu, scheiterte zunächst an Bürki. Bülter lauerte aber, schnappte sich den Abpraller und schob die Kugel zur 2:1-Führung in die Maschen. Hinterher drehte er mit weit ausgestreckten Armen ab, lief in Richtung Mannschaftsbank und verschwand in einer roten Jubeltraube. 

Es wurde allerdings noch historischer, noch magischer, noch mystischer An der Alten Försterei: In der 75. Minute tunnelte Sheraldo Becker zunächst Julian Weigl, passte dann in den Strafraum zu Andersson, der den rechten Fuß hinhielt und zum 3:1 traf. In Worten: Dreizueins. "Ich glaube, dass uns die Gegner in der Bundesliga jetzt mehr respektieren“, sagte Andersson.

Die Fans schüttelten ungläubig den Kopf. "Ist das wahr?", fragte ein treuer Zuschauer ratlos. Es sollte wenig später wahr sein. Um 20:30 Uhr war die handfeste Sensation, der erste Union-Sieg der Bundesligageschichte, perfekt. Matchwinner Marius Bülter, der vor 15 Monaten noch Viertligafußballer war, gab sich pathetisch: „Dieser Sieg toppt natürlich alles. Damit habe ich im Leben nicht gerechnet. Das ist der schönste Moment meiner Karriere.“