Der Deutschlandachter hört auf das Kommando des Kleinsten im Boot.
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BerlinDie EM von Freitag bis Sonntag auf dem Maltasee in Posen/Polen ist nach den coronabedingten Absagen der Weltcups und der Verlegung der Olympischen Spiele von Tokio der erste Wettkampf für die Ruderer in diesem Jahr. Der Deutschlandachter gilt nach sechs EM- und drei WM-Erfolgen in Serie als Favorit. Steuermann Martin Sauer aus Berlin über die Stärken seines Teams, Größenunterschiede unter Männern und kluge Mädchen.

Berliner Zeitung: Herr Sauer, wie sind Sie eigentlich Steuermann geworden?

Martin Sauer: Ich komme ja aus Ost-Berlin. Da wurde ich ganz normal in der Schule gesichtet. Berlin hatte lange Zeit nach der Wende noch ein stabiles Sichtungssystem.

Sie sind rund 35 Zentimeter kleiner und um die 40 Kilogramm leichter als ihre Kollegen.

Das haut ungefähr hin, ja.

Wie ist das? Spielt dieser körperliche Unterschied eine Rolle? So unter Männern?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin mein ganzes Leben lang klein gewesen und es hat nie eine Rolle für mich gespielt, was einer für eine Körperhöhe hat. Oder wie vermeintlich stark er ist. Unter Jugendlichen ist das manchmal schwer. Du hast die, die etwas heller sind im Kopf. Normalerweise sind das die Mädels. Und die, die sich erst mal mit körperlicher Kraft durchsetzen. Das geht vielleicht bis zur fünften oder sechsten Klasse gut, und dann ziehen die, die ein bisschen intelligenter sind, davon. Das ist der Vorteil am Rudersport. Die meisten sind hier relativ groß, aber die haben auch was im Kopf.

Und die Hünen scheinen auf Sie zu hören.

Ich denke, oder ich hoffe, dass das daher kommt, dass ich meinen Job gut mache und weiß, wovon ich rede. Ich bin kein Anhänger von großspurigem Verhalten, wie es in der Politik manchmal gang und gäbe ist. Bei uns ist der Vorteil, dass wir sehr schnell die Rechnung präsentiert bekommen, wenn etwas nicht funktioniert. Wir reden nicht über ein Thema, das vielleicht in 30 Jahren mal gut wird. Wenn ich sage: Jungs, wir rudern das so und so ab – und dann werden wir beim nächsten Wettkampf deutlich vom Gegner übergebügelt, dann wird meine Ansage beim nächsten Mal sicherlich hinterfragt werden.

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Zur Person

Martin Sauer, geboren am 17. Dezember 1982 in Wriezen, verfügt über ein abgeschlossenes Jura-Studium. Er startet für den Berliner Ruder-Club und ist seit 2009 Steuermann des Deutschlandachters, er wurde mit dem Achter Olympiasieger 2012, sechs Mal Weltmeister, acht Mal Europameister. Sauer hat die Idealmaße mit 1,69 Metern bei 55 Kilogramm Körpergewicht.

Was machen Sie, wenn die Kollegen Gewichte stemmen oder auf den Ergometern trainieren und gerade keinen Steuermann brauchen?

Ich mach’ dann auch Sport. Es ist schon wichtig, körperlich fit zu sein, um im Training durchzuhalten. Meine Konzentration darf nicht als Erstes zusammenbrechen.

Sie sind im Rennen Herr über den Schlachtplan. Sind Sie auch schuld, wenn der nicht aufgeht?

Das kann meine Schuld sein. Manchmal ist der Abstand so deutlich, da hat das nichts mit Taktik zu tun oder damit, ob ich den Zehner (zehn Schläge Vollgas, Anm. d. Red.) an der richtigen Stelle angesagt habe. Aber wenn ein Rennen ganz knapp ausgeht, kann es auch mal dran liegen, ob ich zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gute oder eine schlechte Entscheidung getroffen habe. Das ist meine Aufgabe und fällt dann auch auf mich zurück.

Was passiert dann?

Wenn einer einen Krebs fängt (mit dem Riemen im Wasser hängen bleibt, Anm. d. Red.), hilft es ja auch nichts. Das passiert. Schuld ist im Leistungssport ein unnützes Konzept. Es macht keinen Sinn, jemandem die Schuld zu geben – außer vielleicht, um sich selbst besser zu fühlen. Wenn sich niemand traut, einen Fehler zu machen, wird auch nichts besser. Ich habe in meiner Karriere etliche Fehler gemacht. In einer guten Mannschaft wird darüber geredet. In einer schlechten heißt es: Du hast es verbockt – und man geht auseinander.

Wie ist das, wenn Sie da auf Ihrem Steuerplatz sitzen mit einem guten Schlachtplan, aber die Mannschaft kann ihn nicht umsetzen?

Ärgerlich. Aber es ist auch meine Schuld, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe, der Mannschaft beizubringen, wie es funktioniert.

Was kann Ihre Mannschaft?

Sie zeichnet sich durch hohe Trainingsdisziplin aus, durch starke Einsatzbereitschaft für viele Sachen und eine hohe Intelligenz, bestimmte Dinge umzusetzen. Sie muss das aber auch tun. Denn es fehlt an natürlichem Talent und an jahrelangem Eingefahrensein seit dem U-23-Bereich. Das hatte die Mannschaft von London.

Wie schätzen Sie also die Chancen für die EM, aber auch für Tokio 2021 ein?

Was ich jetzt schon sehe: Ich werde zufrieden sein, egal, was dabei rauskommt. Das ist eine Mannschaft, die nichts stehen lässt. Uns fehlt physisch ein bisschen was. Nicht, weil die faul sind. Aber jeder ist schon an seinem persönlichen Limit. Das ist einfach nicht die Generation, die diese natürliche Physis hat, bei der der liebe Gott bei jedem noch mal ein bisschen was extra gegeben hat oder wo der eine oder andere mal in einen Zaubertrank gefallen ist. Auf der anderen Seite haben wir große Stärken und damit auch alle Chancen, gute Ergebnisse zu erzielen.