Schwacher Angriff: Fehlen Union offensive Führungsspieler?

Es war eine Szene mit Symbolcharakter, die sich unter der Woche auf dem Trainingsplatz des 1. FC Union am Stadion an der Alten Försterei zutrug. Trainer Urs Fischer ließ vor dem Heimspiel gegen die SpVgg Greuther Fürth (Sonntag, 13.30 Uhr) Angriffsspielzüge trainieren und Laufwege üben, linke Flanke, rechte Flanke, durch die Mitte. Möglichst wenig Ballkontakte, schnell in den Strafraum, nicht nachdenken, sondern abschließen.

Auf der rechten Seite legten sich Akaki Gogia und Leihstürmer Suleiman Abdullahi die Bälle auf, gegen die beiden verteidigten Ken Reichel und Christopher Lenz. In besagter Szene verpasste der 21-jährige Nigerianer den optimalen Moment für den Pass auf Gogia. Lenz konnte den Ball schließlich erobern, und während der 24 Jahre alte Verteidiger dafür einen Schulterklopfer vom erfahrenen Mitspieler Reichel erntete, flüsterte ein sichtlich betrübter Abdullahi leise „Sorry“ in Richtung Gogia, der kurz vor der Eruption stand.

Viel Erfahrung in der Abwehr

28 Spieler zählt der Kader der Köpenicker, und weder im Angriff noch im offensiven Mittelfeld ist die Dichte der Führungsspieler so hoch, wie im Abwehrverbund. Mit Manuel Schmiedebach sichert die Erfahrung von 176 Bundesligaspielen vor der Abwehr ab und gibt dem 23 Jahre alten Grischa Prömel die Sicherheit, dass hinter oder neben ihm jemand steht, auf den er sich hundertprozentig verlassen kann.

Die Viererkette ummanteln die Außenverteidiger Christopher Trimmel und Ken Reichel, der eine Kapitän des Teams, der andere absoluter Führungsspieler in 313 Partien für Eintracht Braunschweig. Der zuletzt praktisch fehlerfreie Marvin Friedrich, 22, konnte sich in den bisherigen Saisonspielen am ebenso stabilen Florian Hübner und zuvor bereits an Michael Parensen orientieren, der in fast zehn Jahren Union so ziemlich alles miterlebt hat. Und wie es klingt, wenn Torwart Rafal Gikiewicz Verantwortung übernimmt, konnten am vergangenen Sonntag nach dem Spiel bei Jahn Regensburg selbst die Kicker der Heimmannschaft lautstark vernehmen.

In Anbetracht dieses Bollwerks von Führungsspielern ist es kaum verwunderlich, dass die Köpenicker diese Saison die wohl beste Abwehrarbeit seit Jahren präsentieren, als einziges Team der Liga nach zwölf Partien eine einstellige Zahl von Gegentoren vorweisen, nämlich acht.

Demgegenüber fehlt es im Offensivspiel an Ideen, gegen zurückhaltend agierende Gegner selbst das Spiel zu machen − und womöglich an wenigstens einem oder zweien dieser Anführer, die eben Unions Abwehr aktuell so stark machen.

Erbitterte Flügel-Konkurrenz

Die beiden Schweden Sebastian Andersson und Simon Hedlund, sowie Leihstürmer Robert Zulj halten sich stets im Hintergrund und versuchen, ihr Spiel durchzuziehen − wenn sie denn spielen. Felix Kroos wurde erst zum Vize-Anführer degradiert und kämpfte dann mit Blessuren. Akaki Gogia sorgt im Team mit seiner natürlichen Art zwar häufig für gute Laune, doch wenn es nicht läuft, blockiert er genauso, wie die jungen Spieler um Joshua Mees, Kenny Prince Redondo und Marcel Hartel.

Gleichzeitig ist der Konkurrenzkampf nirgendwo so erbittert, wie auf den Flügeln. Keiner der sechs potenziellen Außenstürmer hat ein ähnlich stabiles Startelfverhältnis wie die Innenverteidiger. Umso mehr steigt die individuelle Sorge, Fehler im Spiel zu machen und den gerade erkämpften Stammplatz wieder zu verlieren. Gerade hier wäre ein erfahrener Katalysator wichtig, der Routine ausstrahlt und Fehler verzeiht, die Union-Trainer Urs Fischer vielleicht zur Startelf-Umstellung bewegen. Eine Rolle, die nun immerhin Stürmer Sebastian Polter wieder einnehmen könnte.

Trainer Fischer selbst sieht eher keine Diskrepanz in der Führung bei Defensive und Offensive, auch weil er im Spiel mit seiner taktischen Herangehensweise einen fließenden Übergang zwischen beiden Bereichen fördert und fordert. „Die Verteidigung beginnt vorne, der Angriff hinten“, predigt er. Doch Routinier Parensen betont, dass beide Bereiche unterschiedliche Vorbereitungen erforderten. Während in der Defensive Abstimmung im Stellungsspiel gefragt sei, zählten es in der Offensive auf Kreativität und Laufwege.

Fehlende Anführer im Angriff sieht aber auch er nicht, stattdessen müsse ein richtiges Erfolgserlebnis in der Liga her, was den Knoten im Spielaufbau etwas löst. Das wünschen sich in der Tat alle Unioner − erfahrene, wie unerfahrene.