Der erfolgreichste deutsche Schwimmer starb am Freitag nach kurzer, schwerer Krankheit.
Foto: imago images/Werner Schulze 

BerlinWenn er schwimme, sagte man über Roland Matthes, bleibe seine Badehose trocken. Er schien nicht im, sondern auf dem Wasser zu liegen. Mit einer Lässigkeit und Eleganz, die in dieser Sportart bis heute bewundernswert ist, zog er seine Bahnen und war am Ende kaum einmal außer Puste. 

Acht Jahre lang, von März 1966 bis August 1974, blieb der gebürtige Thüringer aus Pößneck auf den Rückenstrecken ungeschlagen. Er stellte in dieser Zeit 21 Weltrekorde auf und dominierte die Konkurrenz nahezu spielerisch, was den US-Präsidenten Gerald Ford derart beeindruckte, dass er ihn bei einem Wettkampf 1974 persönlich kennenlernen wollte.

In der DDR war Roland Matthes eine Art von Superstar, wie es ihn im Arbeiterstaat eigentlich nicht geben durfte. Siebenmal wurde er zum Sportler des Jahres gekürt. Sein Porträt zierte Poster und Plakate. 2006 nahm man ihn als einziges ostdeutsches Gründungsmitglied in die Ruhmeshalle des deutschen Sports auf. Aber das ist es nicht, was Roland Matthes zu einem Phänomen des Weltsports machte. Es waren nur die Begleiterscheinungen einer großen Karriere, die ihren Ursprung in der Kunst der geschmeidigen Bewegung hatte. Ziehen –Ziehen–Atmen – Ziehen–Ziehen.

Enormer Vortrieb unter Wasser

Es gibt im Schwimmsport die Wühler, die mit Kraft den Wasserwiderstand zu bezwingen suchen, es gibt die Dreschflegel, die sich mit hoher Frequenz durcharbeiten – und es gibt alle Jubeljahre eine Ausnahmeerscheinung wie Roland Matthes, der mit dem Wasser befreundet zu sein schien. Bei ihm sah es so aus, als würde er es ertasten, in die Hand nehmen und instinktiv den richtigen Griff finden, um sich Zug für Zug nach vorn zu schieben.

Alles wirkte bei ihm so majestätisch, dass sich Beobachter zu Superlativen wie „Schwimm-Mozart“ und „Rolls Royce of Swimming“ hinreißen ließen. Aber, machen wir uns nichts vor, im Sportentertainment von heute ist das Rückenschwimmen eine Randdisziplin, man kann die Bedeutung, die Roland Matthes als Idol einer Generation gewann, nur aus seiner Zeit heraus verstehen.

Roland Matthes im Schwimmbecken kurz vor dem Anschlag.
Foto: Getty Images/A.B. Duffy

Roland Matthes ist auf eine Art und Weise geschwommen, wie Franz Beckenbauer Fußball gespielt hat: mit provozierender Noblesse. Ein Jahrzehnt lang durften sich seine Gegner fragen, warum sie sich im Training quälen müssen, wenn ihm doch alles so mühelos gelingt. Aber wie in den meisten Fällen war diese Leichtigkeit auch bei Roland Matthes nicht allein seinem Talent geschuldet.

Ganz im Gegenteil, wurde dem vermeintlichen Wunderkind doch zunächst einmal Talentlosigkeit bescheinigt. Die Arme zu dünn, der Körper zu schlaksig, und besonders fleißig stellte er sich beim Training auch nicht an. Sich über Wasser zu halten, lernte er erst relativ spät, mit zehn Jahren, nachdem ihn sein älterer Bruder aus einem Teich hatte fischen müssen.

Von der Figur her ein Hochsprungtyp, wurde er in der Schule von den Leichtathleten umworben. Für die Schwimmerei entschied er sich, weil er dort warm duschen konnte. Zu Hause hatten sie eine Gemeinschaftstoilette auf der halben Treppe, da gab es kein Bad. In der Erfurter Schwimmhalle traf der nicht einmal halb fertige Roland Matthes auf die Trainerin Marlis Grohe, die ihn bis an das Ende seiner sportlichen Laufbahn begleiten sollte. Sie übernahm für den schüchternen, sensiblen Jungen, der von seinen Eltern viel Druck bekam, wie er einmal erzählte, auch eine Art Mutterrolle.

Sein Geheimnis war die Koordination von Arm- und Beineinsatz

Bei den Spielen 1968 in Mexiko-Stadt gewann Roland Matthes die 100 und 200 Meter Rücken jeweils mit Olympischem Rekord. Wenn man die Bilder von damals sieht und seinen Körperbau mit der Physis heutiger Topathleten vergleicht, ist man verblüfft, wie normal das bei ihm alles wirkt. 1,89 Meter groß, 67 Kilo Wettkampfgewicht. Schmale Schultern, eingefallener Bauch, nichts mit Sixpack.

Sein Geheimnis, wenn man so will, war die Koordination von Arm- und Beineinsatz. In seiner Freizeit spielte der Rockfan Matthes, der sich von jedem Wettkampf im Westen Schallplatten (Cream, Cat Stevens) mitbrachte, manchmal Schlagzeug in einer Band. Mit Mütze, damit es nicht rauskommt. Zur Trainingsmethodik gehörte das nicht.

An den Drums holte er sich etwas von jenem Rhythmusgefühl, das ihm beim Schwimmen zugute kam. Und weil wir gerade bei der Technik sind, die Amplitude des Beinschlags betrug bei ihm 1,20 Meter. Üblich war zu seiner Zeit vielleicht die Hälfte. Was von oben so leicht aussah, fußte, wie man hier tatsächlich sagen kann, auf einem enormen Vortrieb unter Wasser.

Der US-amerikanische Schwimmer John Naber, der 1974 die Siegesserie von Matthes beendete, ist Jahre später bei einer Freizeitrunde im Becken immer wieder unter ihm hindurchgetaucht, um diesen Beinschlag endlich aus der Nähe zu sehen.

Immer wieder Fragen zum Doping

Wie alle Spitzensportler aus der DDR musste sich Roland Matthes nach der Wende immer wieder Fragen zum Doping gefallen lassen, obwohl ihm in dieser Hinsicht nie öffentlich Vorwürfe gemacht wurden. Er hielt sich bei seinen Antworten stets bedeckt. „Wir in Erfurt waren weitab vom Schuss“, sagte er 2012 in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung.

„Der kleine Zivilverein hatte noch Ambitionen, das Ganze seriös zu gestalten. Diese sogenannten unterstützenden Mittel wurden erst um die Spiele 1976 in Montreal ein Thema. Da war ich schon auf dem absteigenden Ast.“ Den pauschalen Dopingvorwurf nannte er „eine Masche zur Abwertung des DDR-Sportsystems“.

Roland Matthes in seinem Element.
Foto: imago images/Sven Simon

Schließlich sei auch im Westen gedopt worden. Mit dieser Haltung avancierte er nicht gerade zum Liebling der Talkshows. Und auch sein Engagement als ZDF-Experte am Beckenrand blieb eine kurzzeitige Angelegenheit. Zum Verkäufer des Produkts deutsche Medaillenhoffnung war er nicht geeignet.

Die längsten Haare von allen

Roland Matthes erlaubte es sich, Erwartungen zu unterlaufen. Schon zu seiner aktiven Zeit war er im Grunde das, was die DDR gern eine Sportlerpersönlichkeit nannte, wenn auch anders als gemeint. Er hatte seinen eigenen Kopf und interpretierte seinen Sport und sein Privatleben auf seine eigene Weise. Matthes hatte immer die längsten Haare von allen, die hübschesten Freundinnen und das schnellste Auto.

Als er mal bei einer Meisterschaft mit einem Wartburg Melkus vorfuhr, dem einzigen Sportwagen, der in der DDR in Kleinstserie gebaut wurde, bildete sich sofort eine Menschentraube um ihn. Er war cool, als es dieses Wort noch gar nicht gab, jedenfalls nicht im Osten. Es heißt immer, dass sich die Kinder im Westen nach Boris Beckers Wimbledon-Sieg Tennisschläger wünschten, die Anhänger von Roland Matthes brauchten sich nicht viel zu wünschen. Höchstens eine vernünftige Schwimmbrille, denn die gab es im Sortiment der DDR nicht.

Als seine vorgebliche Musterehe mit der vielfachen Olympiasiegerin Kornelia Ender 1984 nach sechs Jahren geschieden wurde, ließen die Funktionäre Roland Matthes fallen. So hatten sie sich das mit dem sozialistischen Traumpaar nicht vorgestellt. Der studierte Orthopäde wurde in seiner Erfurter Klinik degradiert.

Die Stimmung kippte nach der Wende

Nach der Wende musste er erleben, dass ihn die Leute, die ihn früher gefeiert hatten, als Privilegierten beschimpften. Als man ihm wiederholt Glasscherben vor seine Garage kippte, machte er sich in den Westen auf. Als Arzt am Olympiastützpunkt der Fechter in Tauberbischofsheim wurde er nicht glücklich, mal abgesehen davon, dass er dort seine Frau Daniela kennenlernte. Mit ihr gemeinsam eröffnete er in Marktheidenfeld bei Würzburg eine Praxis, in der er über zwanzig Jahre behandelte. Sein Spezialgebiet war der Rücken. Natürlich.

Erst vor zwei Jahren hat er sich aus dem Beruf zurückgezogen und ist nach Berlin umgesiedelt. Hier suchte er wieder regelmäßig die Begegnung mit dem Wasser. „Für mich ist der Moment des Eintauchens nach wie vor faszinierend“, sagte er einmal. „Die Bewegung des Körpers in diesem Medium ist einfach schön. Es darf nur nicht zu kalt sein.“

Am Freitag ist Roland Matthes nach kurzer schwerer Krankheit in Wertheim an der Tauber gestorben. Er wurde 69 Jahre alt.