Marius Kusch zeigt die Richtung an, in die es gehen soll.
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BerlinJacob Heidtmann und Marius Kusch hatten gerade einen Lauf, als das Virus kam und ihnen einen Strich durch die Rechnung machte. Die beiden Schwimmer im kalifornischen Profi-Team Elite hatten gerade locker die deutsche Olympianorm geknackt und ihre Leistungen bei Profi-Meetings im Frühjahr wiesen sie eindeutig als Final-Kandidaten für Tokio aus. Vielleicht wäre sogar noch mehr für sie drin gewesen, wenn die olympischen Schwimmwettbewerbe in diesem Sommer stattgefunden hätten.

Doch dann machten in Kalifornien, wo es vielleicht mehr Weltklasseschwimmer gibt als irgendwo anders, von einem Tag auf den anderen die Schwimmbäder zu. Weitere drei Wochen dauerte es noch, bis die Spiele auch offiziell verschoben wurden und aus dem Olympiaballon der beiden Schwimmer die Luft entfuhr wie ein trockenes Lüftchen. Wie viele andere Olympioniken in diesem Jahr mussten Heidtmann und Kusch sich erst einmal neu sortieren. Anders als etwa Läufer oder Fahrradfahrer konnten sie in dieser Lage jedoch nicht einmal ihre angestaute Energie in harte Trainingseinheiten kanalisieren.

Training bei 14 Grad Wassertemperatur

Wie beinahe überall in der westlichen Welt machten in Kalifornien Mitte März alle Schwimmbäder zu. Kaum ein Ort gilt als ein idealeres Biotop für Bakterien und Viren, als Duschen und Umkleidekabinen öffentlicher Bäder, und auch für Olympiaschwimmer wurde da keine Ausnahme gemacht. Heidtmann und Kusch hatten als Wahlkalifornier zumindest noch Zugang zum Meer. Also ging es beinahe täglich hinunter an den Strand, mal mit, manchmal ohne Surfbrett. Dass der Pazifik im März und April gerade einmal 14 Grad warm war, hielt sie nicht davon ab, den regelmäßigen Kontakt mit ihrem bevorzugten Element zu suchen.

Nicht alle Kollegen der beiden deutschen Schwimmer konnten so leicht in freie Gewässer wechseln. So saßen etwa die beiden Olympiasieger Nathan Adrian und Ryan Murphy lange Zeit auf dem Trockenen. Von Murphy waren in dieser Zeit Videos zu sehen, wie er zur Krafterhaltung ein Auto im Leerlauf den Berg hochschob und an einem Ast vor seinem Haus Klimmzüge machte. Adrian schnallte sich Gewichte an die Füße, um im 15 Meter kurzen Becken in seinem Garten nicht allzu schnell ans andere Ende zu gelangen. Auf einen Gartenpool wichen auch die beiden Olympiasiegerinnen Katie Ledecky und Simone Manuel aus. Die beiden fanden in San Francisco, wo sie leben und trainieren, einen wohlhabenden Gönner, der auf seinem Grundstück ein Bad von 25 Yards Länge hat – dem Standardmaß für den amerikanischen College-Sport. Dort ziehen sie nun schon seit März ihre Bahnen.

Den deutschen Olympiaschwimmern geht es da noch vergleichsweise gut. An den Olympiastützpunkten in Magdeburg, Hamburg, Würzburg oder Essen wird seit Anfang Juni wieder beinahe normal trainiert. Heidtmann ist nicht zuletzt deshalb vorübergehend nach Deutschland zurückgekehrt und trainiert am Olympiastützpunkt Hamburg. Marius Kusch hingegen schlägt sich weiter in Kalifornien durch. Dort steht ihm und seinem Team immerhin mittlerweile zehn Stunden pro Woche wieder ein Schwimmbad zur Verfügung. „Wir haben etwa zwei Drittel dessen zurück, was wir vorher hatten“, sagt der Team-Elite-Trainer und ehemalige US-Nationalcoach David Marsh. Man müsse zwar von Woche zu Woche improvisieren und jeden Tag in ein anderes Bad fahren, aber man komme zurecht. Problematischer als die Trainingsbedingungen ist für Coach Marsh derzeit die psychische Situation seiner Athleten. „Das ist eine extrem schwierige Lage.“ Schwimmer wie Kusch und Heidtmann waren im Frühjahr in der Form ihres Lebens. Eine Form, die notgedrungen jetzt erst einmal wieder kollabiert ist. „Da schleichen sich dann die Zweifel und Ängste ein, ob man es wieder dahin schafft.“

Abwechslung und Spaß im Training

Marsh versucht dem mit Abwechslung und Spaß entgegenzusteuern. Er geht mit seiner Gruppe viel im Meer schwimmen und surfen und arbeitet an technischen Feinheiten, für die unter anderen Umständen keine Zeit ist. Mit gezielterem Training können die Schwimmer erst anfangen, wenn es wieder einen Wettkampfkalender gibt. Bis dahin arbeiten sie im luftleeren Raum. Doch bislang ist unsicher, ob die Weltmeisterschaften im Winter stattfinden und die Profi-Serie ISL, die für viele der Schwimmer auch finanziell überlebenswichtig ist.

Einigermaßen sicher ist für die Schwimmer nur der Termin der Olympischen Spiele in 15 Monaten. Die US-Athleten wissen darüber hinaus, dass sie irgendwann im kommenden Jahr ihre Ausscheidungswettbewerbe für Tokio 2021 haben – ihre einzige Chance, sich zu qualifizieren. Die Deutschen haben es da etwas besser, Schwimmer wie Heidtmann und Kusch, die ihre Norm bereits erfüllt haben, sollen auch im kommenden Jahr für das Team vorgeschlagen werden. Grund, sich fortan voll und ganz auf das Surfen zu konzentrieren, kann das jedoch nicht sein. „Es ist eine große Gefahr, sich jetzt gehen zulassen“, sagt Kusch.  Denn mit Wellenreiten alleine ist für Schwimmer in Tokio keine Medaille zu gewinnen.