Bei dem Schild wird nicht jeder einfach so klingeln. Wer den Knopf neben dem Namen „Berliner Wasserratten“ doch drückt, der weiß schon ganz genau, zu wem er möchte: zu einem sehr engagierten Schwimmverein. Dabei haben die Wasserratten in Deutschland gar keinen so schlechten Ruf. „Die Wasserratte gilt ja als positives Zeichen“, erzählt Guido Kersten, „in Deutschland gilt ein Kind, das ins Wasser geht und einfach nicht mehr raus möchte, als Wasserratte.“

Kersten ist Präsident der Berliner Wasserratten. Der Name des Vereins mit Sitz in Reinickendorf geht nicht auf ein badendes Kind zurück, sondern tatsächlich auf das Tier. Als nach dem Zweiten Weltkrieg Vereine von den alliierten Besatzungsmächten wieder gestattet waren, schlossen sich Schwimmer mehrerer Klubs zusammen. 1949 war das, die Namenssuche gestaltete sich schwierig. Um aber keine langen Diskussionen aufkommen zu lassen – erzählt zumindest eine Anekdote – zog eines der Gründungsmitglieder eine ausgestopfte Wasserratte aus der Tasche und brachte den Namen „Berliner Wasserratten“ ins Spiel.

Der Vorschlag fand zwar nicht bei allen Anklang, aber „im Grunde genommen ist das ein Fusionsname“, sagt Guido Kersten, „darunter konnten sich alle Vereine wiederfinden.“ Das Konzept funktioniert bis heute. Und die ausgestopfte Wasserratte steht noch immer in den Geschäftsräumen des Vereins.

Rund 3 200 Mitglieder

Der agiert seit der Wende  auch im Osten Berlins. „Wir waren der erste Verein, der als Westverein mit einem Ostverein fusionierte“, erzählt Vizepräsident Dietmar Kersten, „wir sehen uns als Berliner Verein mit dem Schwerpunkt Nord und Mitte.“ Nach mehreren Fusionen deckt der mittlerweile drittgrößte Schwimmverein Berlins Pankow, Reinickendorf, Moabit, Lichtenberg, Kreuzberg und Friedrichshain ab. „Das ist so eine Banane“, sagt Guido Kersten. Rund 3 200 Mitglieder haben die Wasserratten in ihrer Banane mittlerweile einsammeln können. Tendenz steigend. „In den letzten fünf, sechs Jahren haben wir eine sehr positive Entwicklung“, erzählt Dietmar Kersten, „das hat damit zu tun, das wir den Verein auf professionelle Füße gestellt haben, aber liegt auch an den Fusionen.“

Über 85 Prozent der Mitglieder sind minderjährig. Die Überalterungsprobleme anderer Sportvereine kennen die Wasserratten nicht. Sie kämpfen mit anderen Problemen, wie etwa den Blaualgen in der Spree. Die hatten bereits im 2017 einen Start des Berliner Flussbad Pokals verhindert, auch in diesem Sommer sorgten sie für eine Absage der Veranstaltung mit großer Tradition. Unter dem Namen „Quer durch Berlin“ fand bereits 1919 ein Schwimmfest in der Spree statt, welches von mehr als 100 000 Zuschauern an den Ufern der Strecke beobachtet wurde.

Blaualge stoppt Wasserratten

Nur zu gerne hätten die Wasserratten genau 100 Jahre später eine ähnliche Kulisse gesehen. Doch wegen gesundheitsgefährdender Blaualgen konnten weder der ursprüngliche, noch ein ersatzweise angesetzter Termin eingehalten werden. „Wir hätten das 100-Jährige gerne gefeiert“, sagt Guido Kersten. Zumal sich die Wasserratten extra eine neue Route überlegt hatten, die die Schwimmer erstmals über die olympische Distanz von 1 500 Metern von der Monbijoubrücke zum Humboldtforum und zurückführen sollte.

Die zahlreichen Anmeldungen von Schwimmern zwischen 16 und 81 Jahren geben den Wasserratten mit ihrer Idee des Freiwasserschwimmens allerdings die Bestätigung dafür, dass sich die Mühen lohnen. „Wir haben da Historie, was das Freiwasserschwimmen in Berlin betrifft“, sagt Dietmar Kersten. „Der Bereich des Freiwassserschwimmens ist bei uns ein boomender Sektor“, sagt der Vizepräsident.

Gerade die jüngsten Erfolge der deutschen Schwimmern bei der WM machen das Ganze immer interessanter. „Für uns als Hauptstadt ist das sehr wertvoll, einen so großen Freiwasser-Wettbewerb anbieten zu wollen und zu können“, sagt Dietmar Kersten, „die historischen Stätten sprechen international auch an.“

Von den Blaualgen lassen sich die Wasserratten aber nicht abschrecken. Sie wollen im kommenden Jahr einen neuen Anlauf unternehmen. In der Zwischenzeit liegt die Konzentration aber auf anderen Projekten, wie etwa dem WasraFit. Dietmar und Guido Kersten betonen nachdrücklich, dass es sich dabei nicht um Reha-Sport handele, sondern um ein Programm, bei dem das eigene Fitnesslevel erhöht werden soll. Das Angebot des Fitnesstrainings im Wasser richtet sich an Erwachsene über 40 Jahren. Dass es auch auf Personen zielt, die den Einstieg in den Schwimmsport wagen möchten, ist dabei kein Spaß oder Druckfehler.

Denn: Die Quote derer, die in diesem Alter nicht schwimmen können, nehme zu. „Durch die vielen Schließungen von Schwimmbädern, durch die Überforderung von Schulen und die Zuwanderungen aus anderen Kulturen ist die Quote der Schwimmer bei Jugendlichen und Erwachsenen gesunken“, sagt Dietmar Kersten. Die Nachfrage nach einer Schwimmausbildung wird auch deshalb immer größer. Es wird eben nicht jeder als Wasserratte geboren, aber man kann zu einer gemacht werden.

Bisher in der Serie porträtiert:

Zehlendorfer Wespen am 29. Juli, Weddinger Wiesel am 22. Juli, Berlin Flamingos am 12. August, BC Lions Moabit 21 am 19. August, Berlin Kettle Bears am 26. August.