Magdeburg - So schnell war Florian Wellbrock noch nie, was knapp 100 Tage vor den Olympischen Spielen für ihn zunächst mal eine gute Nachricht ist. Doch seine Weltjahresbestzeit über die 400m Freistil könnte den Doppel-Weltmeister aus Magdeburg ins Grübeln bringen. Plötzlich gehört Wellbrock auch über seine Nebenstrecke zur Weltklasse. Die Frage lautet nun: Wie passt diese Distanz in die Tokio-Planungen des deutschen Vorschwimmers?

„Nicht mehr so gut“, sagt Bundestrainer Bernd Berkhahn, „da gäbe es an manchen Tagen Überschneidungen. Aber nach so einer Leistung werden wir uns noch einmal alles ganz genau überlegen.“

Drei Schwimmer erfüllen die Olympianorm über 400 Meter

Für Wellbrock, 23, ist es letztlich ein Luxusproblem, über die 800m und 1500m im Becken besitzt er ebenso Medaillenchancen wie über die 10km im Freiwasser. Die 3:44,35 Minuten, die er beim Qualifikationswettkampf in seiner Heimatstadt Magdeburg für die 400m brauchte, geben ihm nur noch mehr Selbstvertrauen – und sind gleichzeitig ein Zeichen an die internationale Konkurrenz.

„Diese Geschwindigkeit zu haben, ist eine gute Voraussetzung für die langen Strecken“, sagt Wellbrock zu seiner „schönen neuen Bestzeit“, für die er einen Grund gefunden hat. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, erklärt er. Neben Wellbrock knackten auch sein Magdeburger Teamkollege Lukas Märtens und Henning Mühlleitner aus Neckarsulm die Norm.

Alle drei besitzen in Topform Finalchancen in Tokio, doch nur Wellbrock hat bislang die Erfahrung und Wettkampfhärte, die es auf der Weltbühne braucht. In Magdeburg ließ er seiner Bestzeit im Vorlauf eine 3:44,77 im Finale folgen, „sehr zufrieden“ war er mit der Bestätigung seines außerordentlichen Tempos.

Nun gilt es, bis Tokio (ab 23. Juli) den Speed zu halten und die nötige Ausdauer für die Paradestrecken aufzubauen. Bei den Europameisterschaften in Budapest Mitte Mai führt Wellbrock gemeinsam mit seiner Verlobten Sarah Köhler das Freiwasser-Aufgebot des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) an. Es wird der erste Härtetest für den amtierenden Weltmeister über die 10km, das erste Kräftemessen mit den Top-Kontrahenten in dieser Corona-Saison.

Wellbrock missfällt Unruhe im DSV

Die Konkurrenz braucht Wellbrock, entweder im direkten Zweikampf oder getrennt durch die Bahnbegrenzung im Becken wie bei seinem WM-Sieg über 1500m. Sie ist ihm wichtiger als ein rauschendes Sportfest mit Fans. „Olympia ist für mich im Kern der Wettkampf mit anderen Sportlern“, sagt Wellbrock. Sommerspiele ohne oder mit nur wenigen Zuschauern wären für ihn kein Problem, es würde ihm nichts vom Olympiatraum nehmen.

Was ihm jedoch missfällt, ist die Unruhe, die im Deutschen Schwimmverband (DSV) in den vergangenen Wochen erneut entstanden ist. Erst die Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Freiwasser-Bundestrainer, dann die Beurlaubung von Sportdirektor Thomas Kurschilgen, kurz darauf wurde sein verpflichteter Nachfolger doch nicht ins Amt befördert. Wellbrocks Trainer Berkhahn habe dadurch zusätzliche Arbeit aufgehalst bekommen – zu einer Zeit, in der sich eigentlich alle nur auf die olympische Aufgabe in Tokio konzentrieren wollten. 

In einem kritischen Brief an Präsident Marco Troll und den DSV-Vorstand sprechen sich Athletensprecherin Sarah Köhler, die gleichzeitig die Verlobte von Wellbrock ist, und die beiden Bundestrainer Berkhahn und Hannes Vitense für eine Rehabilitierung von Kurschilgen aus. Sollte dies nicht zeitnah möglich sein, schlagen sie den dreimaligen Olympiasieger Michael Groß als Interimslösung für den Posten vor. Wellbrock würde mehr Informationen durch den DSV jedenfalls sehr begrüßen: „Wir bekommen tatsächlich recht wenig mit, da würde ich mir ein bisschen mehr Transparenz wünschen und dass Entscheidungen, die getroffen werden, offen und ehrlich mit allen kommuniziert werden, insofern das möglich ist.“