Washington - Die Zeit ist zu knapp geworden für Robbie Rogers. Zum großen Fest hätten seine Nominierung und seine Geschichte gut gepasst: zu den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstags des US-Verbandes mit der Partie gegen Deutschland (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe).

Der 26-jährige Mittelfeldspieler wäre der erste offen homosexuelle männliche Spieler, der in der US-Auswahl zum Einsatz kommt. Aber Rogers hat erst vor einer Woche ein 13-minütiges Comeback in der Major League Soccer gegeben und vorher seit Dezember gar nicht mehr auf dem Platz gestanden. „Ich bin froh, dass er wieder spielt“, sagt US-Nationalcoach Jürgen Klinsmann, „aber bei uns ist er im Moment nicht im Blickfeld, weil er von der Fitness her weit zurück ist. Mit seiner persönlichen Perspektive haben wir überhaupt kein Problem.“ Rogers hat als sportliches Ziel die Weltmeisterschaft 2014 genannt. Wenn ihm die Teilnahme daran gelingt, kommt das Tabuthema auf die Weltbühne.

Schon jetzt hat er Geschichte geschrieben: Nie zuvor ist ein Athlet nach seinem Outing in einer US-Profiliga aufgetreten. Die wenigen, die ihr Geheimnis lüfteten, taten das nach dem Karriereende. Manche vergleichen Rogers mit dem Baseballer Jackie Robinson, der 1947 der erste Schwarze in einer US-Profiliga war.

Bisher 18 Mal hat Rogers das US-Trikot getragen, er schoss 2011 das erste Tor der Klinsmann-Ära. Als er sich im Februar zum Outing entschloss, lag eine frustrierende Zeit beim englischen Zweitligisten Leeds United hinter ihm. Leeds lieh ihn an den Drittligisten Stevenage FC aus, auch dort kam er kaum zum Einsatz. Im Januar endete das Leihgeschäft. Einen Monat später machte Rogers in seinem Blog sein Schwulsein öffentlich und erklärte seinen Rücktritt: „In den letzten 25 Jahren hatte ich Angst. Angst, zu zeigen, wer ich wirklich bin. Mein Geheimnis ist weg, ich bin ein freier Mann.“ Eine Rückkehr wollte er aber schon damals nicht ganz ausschließen.

Die Geschichte schlug hohe Wellen, sogar Fifa-Präsident Joseph Blatter twitterte: „Das ist 2013. Danke.“ Der ehemalige Torwart Kasey Keller, früher bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag, versuchte, Rogers zum Umdenken zu bewegen: „Sein Mut ist bewundernswert. Ich hoffe, ihm wird klar, dass es keinen Grund gibt zurückzutreten. Er wird mehr Unterstützung erhalten als er glaubt.“ Sigi Schmid, der deutschstämmige Trainer der Seattle Sounders, gab Rogers den Ratschlag mit auf den Weg: „Wenn du spielen willst, spiel. Du wirst akzeptiert werden.“

Nach wenigen Monaten überwog beim Fußballer die Liebe zum Spiel. Rogers suchte Kontakt zum ehemaligen Nationalcoach Bruce Arena, der bei Los Angeles Galaxy unter Vertrag steht. Auch die Sounders hätten ihn gern verpflichtet.

Rogers entschied sich allerdings für die Heimat, für Kalifornien, für Galaxy. Das Comeback-Spiel gegen Seattle lief wie ein Märchen. „Ich wünsche mir, dass es 4:0 steht, ich hineinkomme und es genießen kann“, hatte Rogers vor der Partie gesagt. Dann schoss Robbie Keane drei Tore, es stand 4:0. Rogers kam, 25 000 Zuschauer jubelten kurz, dann lief es normal weiter. „Wir machen als Gesellschaft Fortschritte. In fünf Jahren wird so etwas kein großes Thema mehr sein“, sagte Gäste-Coach Schmid zu der Reaktion des Publikums.

„Nichts ist undenkbar“

Die Erinnerung an homophobes Gerede in den Sportlerkabinen ist bei Rogers weiter präsent. „Die Ablehnung ist doch nichts, was sich die Athleten einbilden. Ich habe Sachen gehört, das glauben Sie nicht. Mein Leben lang“, sagte er der Los Angeles Times.

Jetzt muss er in Form kommen, denn der ehemalige Klub von David Beckham hat für Rogers den Publikumsliebling und Top-Scorer Mike Magee nach Chicago abgeben müssen. Was passiert, wenn die Toleranz durch schwache Leistungen auf die Probe gestellt wird, weiß niemand. „Auf eine gewisse Art ist der leichte Teil jetzt vorbei und der schwere beginnt“, sagt Rogers’ Trainer Arena.

In Deutschland gibt es noch überhaupt keinen aktiven Profi, der sich als schwul geoutet hat. Die Frage, ob er das deutschen Spielern nach den Erfahrungen mit Robbie Rogers empfehlen würde, beantwortete Jürgen Klinsmann am Samstag nicht einmal ausweichend, sondern sagte nur: „Nichts ist undenkbar.“