Jetzt bleibt nur noch Hoffnung. Auch wenn es schwerfällt beim Blick aus dem vierten Stock auf die Kleiststraße in Schöneberg, aus dem Berliner Büro des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD).

Wenn der Regen anhält, könnte es ungemütlich werden bei den Respect Gaymes im Jahnsportpark. Die Wetter-App auf dem Smartphone jedenfalls kündigt für Sonnabend Schauer an. Projektleiter Stefan Heissenberger sagt: „Ich habe ein Zelt geordert. Und mit ein paar zusätzlichen Baldachinen wird es schon gehen.“

Es ist schließlich immer gegangen in den vergangenen zwölf Jahren, seit es dieses Sportfest gibt: das Berliner Sport- und Kulturevent unter dem Regenbogen, wie Heissenberger die Respect Gaymes nennt.

Die Botschaft steckt im Namen: Respect Gaymes

Organisierter Sport findet nie losgelöst von einem gesellschaftlichen Rahmen statt. Auch wenn es Funktionäre gibt, die tun, als ob es so wäre. Organisierter Sport hat stets eine politische Seite. Auf Olympia trifft das zu oder auf eine Fußball-WM. Und in besonderer Weise auf die Respect Gaymes. „Wir versuchen, die Balance zwischen der politischen Botschaft und dem Spaß zu finden“, sagt Heissenberger.

Die Botschaft steckt im Namen. Es geht um Respekt für Schwule und Lesben, um die Basis, auf der sich eine Brücke bauen lässt. „Das funktioniert nach dem Motto: Okay, wir spielen Fußball zusammen, und darüber werden andere Themen transportiert“, sagt Heissenberger.

Rund 60 Teams treten auf den drei Plätzen im Jahnsportpark an. „Es gibt Turnierformate für Frauen, Mixed, Männer Pro, Männer Fun.“ Rund die Hälfte der Teams „kommt nicht aus der Community, manche Teams sind gemischt“, sagt Heissenberger. Um 10 Uhr geht es los.

Heissenberger hat sich wissenschaftlich mit dem Thema befasst

Auf dem Programm stehen zudem Turniere für Kinder. Zum Angebot gehören Jugger, Völkerball, Beachvolleyball, Tennis, Tischfußball, Sport zum Ausprobieren: Quidditch, Rollstuhl-Parkour, Cricket und Fechten. „Die Vereine sagen: ,Wir freuen uns, wenn ihr bei uns mitmacht’“, erklärt Heissenberger. An dieser Stelle beginnt der Brückenbau.

In Deutschland geht das immer noch am besten mit Fußball. Heissenberger hat sich wissenschaftlich mit dem Thema befasst. Er hat eine Doktorarbeit über Vorspiel Berlin geschrieben, jenen schwul-lesbischen Sportverein, dem er selbst seit fünf Jahren angehört.

Heissenberger hat überraschende Befunde zutage gefördert. „Mit am erstaunlichsten war, dass am Anfang der größte Widerstand aus der Community selbst kam“, sagt er. „Es hieß: ,Warum macht ihr diesen blöden Machosport?’“ Das war Ende der Achtzigerjahre. „Ab den Zweitausendern hat sich das gewandelt.“

„So eine schwule Flanke!“

Nach einem halben Jahr bei Vorspiel wurde Heissenberger zum Trainer berufen. Aus der teilnehmenden Beobachtung des Wissenschaftlers war längst eine Leidenschaft für den Verein geworden. Heissenberger erkannte, dass seine Mannschaft aus zwei Typen von Fußballern bestand.

„Diejenigen, die im einzigen schwulen Fußballteam der Stadt vor allem eine Anlaufstelle sehen. Und dann die Leistungsorientierten, die sich tierisch ärgern, wenn von zehn Pässen nur einer ankommt.“ Dann kann es passieren, dass jemand ruft: „So eine schwule Flanke!“ Oder: „Was bist Du denn für eine Tunte?“

Dem Thema Humor hat Heissenberger in seiner Doktorarbeit ein eigenes Kapitel gewidmet. „Innerhalb des Teams wird oft damit herumgespielt, auch die Heterosexuellen machen da mit.“ Ein Viertel bei Vorspiel, schätzt Heissenberger, „würden sich als Hetero bezeichnen“.

Gerd Liesegang kennt die Situationen, wenn ein dummer Spruch im Spiel zum Streit führt

Humor funktioniert, wenn ein Rahmen gesetzt ist. Auch im Spielbetrieb. Heissenbergers Team ist in der Uni-Liga aktiv. Als sie eines Winters zu einer Begegnung auf verschneitem Boden einen gelben Ball mitbrachten, erkundigte sich der Kapitän des Gegners, ob sie nicht einen weniger schwulen Ball hätten. „Der hielt sich sofort die Hand vor dem Mund, weil er den Zusammenhang erkannte. Unser Kapitän hat gelacht, die Sache war erledigt.“

Einen ernsten Vorfall erlebte Heissenberger dagegen erst zweimal seit 2012. „Den letzten leider am vergangenen Wochenende mit zwei beteiligten Spielern.“ Die Offiziellen des gegnerischen Klubs entschuldigten sich, Vorspiel lud zu den Respect Gaymes ein.

Gerd Liesegang kennt die Situationen, wenn ein dummer Spruch im Spiel zum Streit führt. Der Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) sagt: „Schwul wird oft als Synonym für schwach missbraucht, ohne das Bewusstsein, damit zu verletzen. Wichtig ist, die Trainer für das Problem zu sensibilisieren.“

Der BFV gilt bundesweit als vorbildlich in der Aufklärung. 2011 ging er mit dem LSVD eine schriftlich fixierte Kooperation ein. Im Oktober steht beim Verbandstag das Thema wieder auf der Agenda.

„Nicht alles ist schwarz. Es gibt viele Grautöne“

Aktiv wurde der BFV in jener Phase, als ehemalige Spieler begannen, ihr Schwulsein öffentlich zu machen. Wie Marcus Urban, ehemals Rot-Weiß Erfurt. „Damals wandten sich Jugendliche an uns“, erzählt Liesegang. Er suchte Rat beim LSVD.

Stefan Heissenberger hat für seine Doktorarbeit schwule Fußballer aus ganz Deutschland zu ihrem Coming out befragt. Er erfuhr von der Geschichte eines 19-Jährigen, den der Trainer aus der Mannschaft warf. Zugleich hörte Heissenberger jedoch „von erstaunlich vielen positiven Erfahrungen mit einem Coming-out.“ Er sagt: „Nicht alles ist schwarz. Es gibt viele Grautöne.“

Mit etwas Glück gilt das auch fürs Wetter. Dann werden die Respect Gaymes vielleicht sogar im meteorologischen Sinn zu Spielen unter dem Regenbogen.